Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Milliarden-Dollar-Damen

Selbst ist die Frau: Jede zweite Selfmade-Milliardärin kommt aus China.

Vor einigen Jahren hatte Zhang Xin noch Zeit – aber da war sie auch gerade mal Millionärin. „Schauen Sie doch einmal aus dem Fenster: alles grau, alles groß, alles gleich“, sagte sie damals bei einem Gespräch in ihrem Büro, einem schlicht eingerichteten Provisorium im obersten Stock ihres ersten eigenen Hochhauses. „In meiner Kindheit war Peking eine liebenswerte Stadt mit schmalen Gassen und kleinen Häusern“, erzählte Zhang. „Aber jetzt wird alles Alte abgerissen und auf den Straßen herrscht Dauerstau. Was ist denn all der neue Wohlstand wert, wenn man ihn nicht in bessere Lebensqualität umsetzen kann“, fragte sie. Natürlich hatte sie darauf schon eine Antwort. Auf einer Karte der Hauptstadt waren bereits mehrere Areale markiert, auf denen sie von internationalen Architekten moderne Immobilienkomplexe bauen lassen wollte. „Wir bieten den Pekingern ein neues Lebensgefühl“, warb sie für ihre Pläne. „In unseren Gebäuden kann man nicht nur wohnen und arbeiten, sondern vor allem auch leben.“

Heute hat Zhang Xin keine Zeit mehr zum Plaudern, und keinen Bedarf, ihren Namen noch bekannter zu machen. Die 44-Jährige, die als Jugendliche in einer Fabrik arbeitete, an der Abendschule Buchhalterin lernte und dank eines Stipendiums in England studieren konnte, gehört zu den prominentesten Wirtschaftsgrößen der Volksrepublik. Vier Hochhauskomplexe hat ihr Konzern Soho China, den sie mit ihrem Mann aufgebaut hat, in der chinesischen Hauptstadt verwirklicht. In der neuesten Liste der Superreichen, die das US-Wirtschaftsmagazin Forbes gerade veröffentlicht hat, steht Zhang auf Platz 488. Forbes schätzt Zhangs persönliches Vermögen auf zwei Milliarden Dollar. Seit Jahren gehören die Chinesen in der Liga der Reichsten zu den Aufsteigern: Von den weltweit 1 011 Dollar-Milliardären, die Forbes in seiner aktuellen Auflistung verzeichnet, sind 64 Chinesen, angeführt von dem Getränke-Tycoon Zong Qinghou mit seinen sieben Milliarden Dollar.

Die wahre Überraschung waren jedoch Frauen wie Zhang: Sieben Chinesinnen haben inzwischen aus eigener Kraft ein Vermögen im zehnstelligen Bereich erwirtschaftet. Damit kommt jede zweite Self-made-Milliardärin der Welt aus der Volksrepublik. Nicht, dass Chinesinnen es einfacher hätten als Frauen anderswo auf der Welt. Pro forma herrscht zwar auch in der Volksrepublik Gleichberechtigung, ausgerufen von Mao Zedong persönlich, dem ehemaligen Staatspräsidenten, der Chinas weibliche Bevölkerung unter dem Motto „Frauen tragen den halben Himmel“ in den Dienst der Revolution stellen wollte. Doch wie alle maoistischen Vorhaben blieb auch die Emanzipation vor allem eine Idee. Bis heute sind die meisten Spitzenämter in Staat und Partei von Männern besetzt. Im 204-köpfigen Politbüro gibt es gerade einmal 13 Frauen. Auf dem Arbeitsmarkt haben Frauen schlechtere Einstellungschancen, weniger Karrieremöglichkeiten und niedrigere Gehälter. Antidiskriminierungsgesetze existieren nicht.

Viele Frauen ziehen sich daher in klassische Rollenmuster zurück. Laut Umfragen in chinesischen Großstädten würde fast die Hälfte der berufstätigen Frauen bereitwillig ihren Job aufgeben, vorausgesetzt ihre Männer verdienen genug. Gerade weil noch immer die konfuzianische Devise „Der Mann steht über der Frau“ gilt, werden die Karrieren der chinesischen Milliarden-Dollar-Damen von der Öffentlichkeit umso interessierter verfolgt. Wie Zhang Xin sind die meisten von ihnen mit Immobilien reich geworden. Mit keinem anderen Geschäft ließ sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr Geld machen als mit dem Bau von Häusern in Chinas wachsenden Metropolen.

Wu Yajun, laut Forbes mit 3,9 Milliarden Dollar die reichste Frau des Landes, trägt in ihrer westchinesischen Heimatstadt Chongqing den Spitznamen Immobilienkönigin. 1964 geboren, studierte sie zunächst Ingenieurwissenschaften, arbeitete in einer Textilfabrik und als Redakteurin einer Zeitung, bevor sie 1993 ihre Immobilienfirma Longfor Properties gründete. Welche Kontakte es ihr ermöglichten, sich ein ums andere Mal die besten Grundstücke und hohe Kredite zu sichern, ist unklar, denn Wu lässt sich nicht in die Karten schauen. „Keine Autogramme, keine Fotos, keine Interviews“ lautet ihr Grundsatz. Als Chongqings Polizei im vergangenen Jahr einen Großangriff auf Chongqings Mafia startete, blieb Wus Geschäft unbeschädigt, was Internetgetuschel zufolge dafür spricht, dass sie entweder besonders wenig oder besonders viel Bestechungsgelder gezahlt habe.

Weniger geheimnisvoll gibt sich Chen Lihua mit ihrem Vermögen von 1,1 Milliarden Dollar. Die 69 Jahre alte Mandschurin, deren Familie in der Kaiserzeit zum Pekinger Adel zählte, wurde zunächst Tischlerin und arbeitete alte Möbel auf. Nach Beginn der Wirtschaftsreformen gründete sie eine Möbelfabrik und siedelte nach Hongkong über, wo sie das Geschäft mit Luxusimmobilien kennen lernte. Mit geliehenem Geld kaufte sie zwölf Villen im kalifornischen Beverly Hills und verdiente mit dem Verkauf wenige Jahre später Millionen. Dann baute sie einige der angesagtesten Immobilien in chinesischen Städten, darunter den Pekinger Changan-Club, einen exklusiven Treffpunkt der Reichen und Mächtigen. Für Aufsehen sorgt auch ihr Privatleben: Ihr Mann Chi Zhongrui ist ein berühmter Schauspieler – und mehr als zehn Jahre jünger als sie.

Deutlich weniger positiv ist dagegen das Image von Zhang Yin, Chinas angefeindeter „Altpapierkönigin“. Ihr börsennotiertes Unternehmen Nine Dragons Paper, das in seinen fußballfeldgroßen Recyclinganlagen Altpapier aus aller Welt zu Kartonpappe verarbeitet, machte sie 2008 zur reichsten Frau der Welt. Damals berechnete Forbes ihr persönliches Vermögen auf über zehn Milliarden Dollar. In der Finanzkrise schrumpfte es 2009 jedoch auf 1,7 Milliarden Dollar. Lange galt Zhang als Vorzeigeunternehmerin: Die 1957 geborene älteste Tochter eines unter Mao als „Rechtsabweichler“ inhaftierten Offiziers musste als Kind Geld verdienen, um ihre sieben Geschwister zu ernähren.

Sie begann Anfang der 80er-Jahre, mit recyclingfähigem Müll zu handeln, zunächst in Hongkong, dann in den USA, von wo sie Container voller Altpapier in die Volksrepublik schickte. Doch je erfolgreicher Zhang war, umso genauer beobachteten die Chinesen ihr Auftreten, und als sie 2007 in einer Eingabe an die Regierung forderte, Reiche niedriger zu besteuern und die Sozialleistungen für Arbeiter zurückzufahren, fiel sie in der Öffentlichkeit in Ungnade. Das Papier in ihren Fabriken sei „mit dem Blut von Arbeitern getränkt“, schrieb die einflussreiche Zeitschrift Sanlian Shenghuo. Menschenrechtsgruppen sprachen wegen der Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken von „Sweatshop-Papier“. Die Papierkönigin bemüht sich seitdem um Unauffälligkeit.

Ebenfalls zum Club der chinesischen Milliardärinnen gehört die 40 Jahre alte Zhu Linyao, die seit 1990 mit Aromazusätzen für Zigaretten handelt. Die Wissenschaftlerin Lei Jufang, 57, verdiente mit dem Vertrieb von tibetischer Medizin 1,1 Milliarden Dollar. Dai Xiuli, 46, fand in der Baubranche eine Nische, indem sie alte Luftschutzbunker in Gewerbeimmobilien umwandelte, was ihr 2,1 Milliarden Dollar einbrachte.

Bald allerdings wird Chinas Milliardärs-Club sich auf einen folgenschweren Wechsel einstellen müssen. Nach drei Gründerjahrzehnten gehen viele Familienunternehmen in die zweite Generation über. Die zweitreichste Frau der Volksrepublik etwa, Yang Huiyan, hat ihr Vermögen von ihrem Vater, einem Immobilienunternehmer, geerbt. Bisher steht die Milliardärinnenkarriere der geheimnisumwobenen 28-Jährigen, von der nur ein einziges Foto existiert, unter keinem guten Stern: Von den 16,2 Milliarden Dollar, die sie 2007 übereignet bekam, sind nach der Finanzkrise nur 3,4 Milliarden Dollar übrig. In ihren Kreisen gilt das fast schon als Bankrott.

Bernhard Bartsch | 12. März 2010 um 04:07 Uhr

 

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