Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die milden Wilden

Chinas Künstler zetteln eine neue Kulturrevolution an. Mit kopulierenden Tigern, Orgien in Öl und Kriegsschiffen aus Plexiglas rebellieren sie gegen das Spießertum der Älteren – zur Freude der Auktionshäuser: Die Werke der Wohlstandskinder sind dort heiß gehandelte Ware.

Li Hui - Amber

Li Hui - Amber

Zum Frühlingsfest holte Zhou Jin Hua seine Eltern mit dem Auto ab. Die Tour dauerte neun Tage: Von Peking ging es quer durch China bis nach Deyang in der Provinz Sichuan und wieder zurück. Es war das erste Mal, dass der 30-Jährige die Strecke mit seinem eigenen Wagen fuhr. Als das Fahrzeug der Mittelklassemarke Chery vor dem Haus der Eltern parkte, gratulierten die Nachbarn: „Nicht schlecht, euer Sohn.“ Etwas verwundert fragten sie, wie man mit Malen so reich werden könne. Zhous Vater wusste es auch nicht, war aber unglaublich stolz. Auf der Rückfahrt saß er die meiste Zeit selbst am Steuer. Das letzte Mal, dass er ein Fahrzeug lenkte, liegt mehr als 40 Jahre zurück. Damals war er noch bei der Armee und fuhr einen schweren Lastwagen. Deshalb brauchte er auch einige Zeit, bis er mit dem neumodischen Gefährt und dem dichten Verkehr zurechtkam. Aber letztlich erreichte die Familie unfallfrei die Hauptstadt. Das war für alle Beteiligten der einfache Teil des Besuchs.

Nun sitzen Zhous Eltern nebeneinander auf dem Sofa, halten Gläser mit grünem Tee in den Händen und versuchen, ihren Sohn nicht bei der Arbeit zu stören. Der steht in Trainingshose und Anorak auf einem Gerüst vor einer drei Meter hohen Leinwand und malt winzige Figuren in eine Canyon-Landschaft. An den Wänden der ehemaligen Fabrikhalle, die er sich erst kürzlich zu Wohnung und Atelier umgebaut hat, hängt ein Dutzend ähnlicher Gemälde: groß und bunt, belebt von kleinen Menschen in Alltags- und Unglückssituationen. Zhou kann viel über seine Arbeiten erzählen, über die Einflüsse chinesischer Tuschemalerei, niederländischer Renaissance und amerikanischer Fotokunst. Doch gegenüber seinen Eltern hält er sich damit zurück.

Der Vater sagt mit einem verlegenen Lächeln: „Ich bin nur ein einfacher Mann, und diese Bilder sagen mir nichts, aber wenn unser Sohn so malt, werden sie sicherlich gut sein.“ Und der junge Zhou schaut noch trauriger, als er es ohnehin tut. Nie ist es ihm schwerer gefallen zu malen als in den Wochen, in denen ihn seine Eltern von morgens bis abends beobachten. Anderthalb Monate weichen sie nicht von seiner Seite. Sie besuchen keine der Pekinger Sehenswürdigkeiten, weder die Große Mauer noch den Kaiserpalast und auch nicht die einbalsamierte Leiche Mao Zedongs. Was sollten sie dort? Faszinierender als das Leben ihres Sohnes könnte für die alten Zhous keiner dieser Orte sein.

Wie in vielen chinesischen Familien hat sich das Leben der Zhous von der einen Generation zur nächsten stärker verändert, als es ein Einzelner verarbeiten kann. In Chinas Reformzeitalter sind 30 vergangene Jahre 100 gefühlte Jahre, so rasant wandelt sich das Land. Zhous Eltern, geboren kurz vor der Gründung der Volksrepublik (1949), aufgewachsen in bitterer Armut, waren in ihrer Jugend das Fußvolk von Maos Revolutionsexperimenten und lebten später als Bauern und Gelegenheitsarbeiter. Auch nach Beginn der Öffnungspolitik (1978) verdienten sie nur spärliche Gehälter, doch das wenige, das übrig blieb, investierten sie in die Ausbildung ihres Sohnes. „Wir wollten, dass er machen kann, wonach ihm das Herz steht, denn diese Chance hatten wir selbst nie“, sagt sein Vater. Damals konnte er noch nicht ahnen, dass sein Sohn dank dieser Ausbildungsförderung eines Tages zu den erfolgreichsten jungen Künstlern Chinas zählen würde. Für seine Bilder bezahlen Sammler inzwischen vier- bis fünfstellige Eurobeträge. Allein durch sein hohes Einkommen hat sein Leben mit der Welt seiner Eltern in etwa so viel gemein wie die alten Armeelastwagen seines Vaters mit dem neuen Chery.

Doch Geld ist nicht das Einzige, was die beiden Generationen voneinander trennt. Das Leben jenseits der Armut hat mehr zu bieten als Komfort und Konsum. Wer nicht mehr um seine Existenz fürchten muss, gewinnt die Freiheit, auf Sinnsuche zu gehen: in Kunst oder Literatur, in Philosophie oder Wissenschaft. Erstmals in der Geschichte Chinas gibt es diese Möglichkeit für einen großen Teil der Bevölkerung. Es sind vor allem die Kinder der Reform-Ära, die diese Möglichkeit nutzen. Sie kennen die Not ihrer Eltern nur aus deren Erzählungen. Aus dem gesicherten Wohlstand der neuen Mittelklasse heraus merken sie, dass Geld allein nicht glücklich macht und Selbstverwirklichung auch eine Möglichkeit für den sozialen Aufstieg bietet.

Chinas junge Künstler sind die Avantgarde eines neuen Lebens stils. Tausende lassen sich jährlich auf das Wagnis ein, nicht Wirtschaft, Jura oder Medizin zu studieren, sondern Malerei oder Bildhauerei. Sie verzichten damit auf eine Ausbildung, die ihnen gut bezahlte Jobs sichern würde. Denn Ruhm und Reichtum winken nur wenigen Künstlern in China – und selbst Zhou Jin Hua geht es bei seiner Arbeit zunächst um immateriellen Profit. „Natürlich bin ich froh, dass die Leute meine Bilder kaufen“, sagt er. „Aber wenn es nicht so wäre, würde ich trotzdem malen, denn das ist einfach meine Art, mit der Welt umzugehen.“

Auf dem Kunstmarkt werden Zhou und seine Altersgenossen bereits als eigene Gruppe gehandelt: als Erben der ersten Generation chinesischer Gegenwartskünstler, die sich Ende der achtziger Jahre auflehnte. Sie malten sich damals die Traumata von Mao-Zeit, Kulturrevolution und Umbruchschock von der Seele. Dazu gehörten der Polit-Popper Wang Guangyi ( Jahrgang 1956), der im Stil utopistischer Propagandaplakate Arbeiterhelden auf Coca-Cola-Dosen einstechen ließ; der Zyniker Yue Minjun ( Jahrgang 1962), der seinen Figuren die staatlich befohlene gute Miene zum bösen Spiel als schmerzhaften Lachkrampf gefrieren ließ; der Zerstörer Zhang Dali ( Jahrgang 1963), der große, leere Köpfe in die Wände von Pekinger Abrissvierteln schlug und Chinas Gesellschaft mit Graffiti aufbrachte.

Die Generation Süß-sauer kämpft gegen Spießer – was sie sonst will, weiß sie noch nicht

Ihre Nachfolger haben andere Themen: die Freuden und Sorgen einer Generation, die das Spießertum ablehnt, aber noch keine rechte Vorstellung davon hat, was sie eigentlich will. „Wer in den späten siebziger oder frühen achtziger Jahren geboren wurde, steckt mit den Füßen noch im Kommunismus, ohne ihn selbst so richtig erlebt zu haben“, sagt Cordelia Steiner, Mitbegründerin der Pekinger Kunstvermittlungsagentur The Ministry of Art, die viele der jungen Künstler vertritt. „Sie sind geprägt von der Zerrissenheit zwischen der alten Welt, deren Regeln nicht mehr gelten, und der neuen, die erst im Entstehen ist.“

Steiner und ihr Partner Christoph Noe sprechen daher von der „Generation Süß-sauer“: Die Welt der neuen Künstler ist paradox und das Leben im Wohlstand längst nicht so einfach, wie ihre Eltern es sich vorgestellt haben. Nie war der Wettbewerb erbarmungsloser, der Erwartungsdruck höher und das Enttäuschungspotenzial größer als heute, da scheinbar alles möglich, die Zahl der Gewinner dennoch beschränkt ist. „Es gibt wohl keine Generation in der chinesischen Geschichte, die sich glücklicher schätzen kann“, sagt Noe. „Aber wenn man sie fragt, was für sie die wichtigsten Themen sind, dann geht es neben Freiheit vor allem um Begriffe wie Egoismus, Einsamkeit, Brutalität, Ängste oder Orientierungslosigkeit.“

Entsprechend weit entfernt von der Aufschwungsästhetik, mit der Chinas staatliche Kulturinstitute das Bild der neuen Volksrepublik zu formen suchen, sind die Werke, die Steiner und Noe auf ihren Ausstellungen zeigen. Etwa Zhou Jin Huas Unglücke, gemalt aus der Vogelperspektive. Oder Li Huis Kriegsschiffe aus Plexiglas, die in ihren Bäuchen Buddhas, Atompilze und Laserinstallationen transportieren. „Bei rotem Laser denke ich an Blut“, sagt der 31-Jährige, „bei grünem Laser an die Lichtschwerter aus , Krieg der Sterne‘.“ Vor seinem Atelier in Peking parkt ein Fahrzeug, das er aus zwei Autofrontteilen zusammengeschweißt hat und das wirklich fährt – wenn man sich denn entscheiden kann, in welche Richtung. Seinem Kollegen Yang Jing, 32, haben es die frivolen Ikonen der japanischen Manga-Kultur angetan, die er in barocke Rahmen gesetzt hat. Und Wang Jie, 31, der von sich sagt, er wäre zur Luftwaffe gegangen, wenn er nicht Künstler geworden wäre, sucht den Horror im Alltag der polizeilichen Willkür oder im kollektiven Strammstehen der jungen Pioniere.

Obwohl diese Werke schlecht in das staatliche Konzept der sozialistischen Erbauungskunst passen, werden sie toleriert. Maler haben in der Volksrepublik deutlich mehr Freiheiten als Schriftsteller, Filmemacher oder Blogger. Chinas Zensoren sind keine guten Hermeneutiker, sie interessieren sich kaum für verschlüsselte Botschaften. Solange die Parteigranden und Nationalinsignien unverletzt bleiben, bleiben auch die Galerien geöffnet und die Ateliers unbehelligt.

Was dort entsteht, wirkt so, als hätte nach der Moderne unmittelbar die Postmoderne China erreicht. Doch es ist in Wahrheit ein Diskurs unbefangener Autodidakten. Denn lange war China von der internationalen Kunstszene abgekoppelt. Auch heute gibt es nur wenige staatliche Museen, die Sammlungen moderner westlicher Werke besitzen. Während der Revolutionsjahre wurde kaum chinesische Kunstgeschichte vermittelt. Wer sich dafür interessiert, muss sich auch heute noch selbst auf die Suche machen: in Büchern, Katalogen und neuerdings im Internet. Deshalb kennt auch die junge Generation von den Traditionen oft nur, was sie sich selbst angeeignet hat.

Denn auch an den Hochschulen wird Kunst eher als Handwerk denn als inspirierte Sinnsuche unterrichtet. „In meinem ersten Studienjahr war ich ziemlich entsetzt, wie traditionell und konservativ die Kurse waren“, berichtet Chen Lei, der im Juni 2008 seinen Abschluss an der Pekinger Kunstakademie gemacht hat, die als eine der besten gilt. „Die meisten Lehrer bringen einem nur bei, wie man ein fleißiger Student wird, aber nicht, was ein guter Künstler ist.“ Li Hui, der die gleiche Akademie besuchte, hat ähnliche Erinnerungen. „Kreativität wird in Chinas Bildungssystem nicht sehr gefördert“, sagt er. „Ich habe in meinem Studium gute Techniken vermittelt bekommen. Aber ein echter Künstler bin ich erst danach geworden.“

Schon während des Studiums wurde aus Zhou Yilun ein Kulturrevolutionär. Die Bilder des 25-Jährigen sind verrucht und ungestüm. Er arbeitet mit Schrift und Malerei. „Ich werde sie zerstören“, steht auf einem großen Ölbild, auf dem eine Raubkatze eine Ferkelherde jagt. Zwei Tigern beim Kopulieren hat er den Satz „Do they enjoy?“ hinzugefügt. Auf einem anderen Bild steht die Warnung: „Überall Gefahr.“

Wohlerzogene Provokateure: Wenn die Mutter kommt, werden obszöne Bilder versteckt

Zhou ist ein Meister der provokanten Andeutungen. Doch trifft er auf Fremde, ist er geradezu brav. „Nicht erschrecken, bei mir ist es ein bisschen unordentlich“, warnt er auf dem Weg zu seiner Wohnung. „Ich bin gerade am Umräumen.“ Die Fabrikhalle, die er am Stadtrand der ostchinesischen Stadt Hangzhou bewohnt, ist keines der schicken Lofts, die in seiner Zunft groß in Mode sind. Der Weg führt durch Matsch, über einen Hof, auf dem Eisenteile geschweißt werden, zu einem maroden Industriebau. Die 150 Quadratmeter im ersten Stock hat Zhou billig gemietet. Man könnte den Raum für einen Ablageplatz von Gerümpel aller Art halten, würden aus den Bergen von offenen Kisten, alten Möbeln, defekten Geräten und ungewaschener Kleidung nicht Dutzende großformatige Ölgemälde ragen: viele Tigerbilder, eine Reihe namens „Jeder mag Bikinimädchen“, ein paar pornografische Werke und zwei Fußballspieler, die einander an die Gurgel gehen. An die Wand hat er Graffitimonster gesprüht und sein Sparbuch daraufgeklebt. Aus der Decke darüber ragt ein Haken, an dem sich kürzlich bei einer Party ein Freund an seinem Brustwarzen-Piercing aufgehängt haben soll. Mit verschmitztem Stolz schildert Zhou die Begebenheit, wohl wissend, dass er sie besser nicht jedem erzählen sollte. Wenn seine Mutter zu Besuch kommt, werden die nächtlichen Exzesse in seiner Fabrik verschwiegen, die Orgien in Öl verschwinden hinter weniger anrüchigen Bildern.

Denn Zhou ist ein zahmer Rebell. Bei seiner privaten Kulturrevolution nahm er stets auf die Gefühle seiner Eltern Rücksicht. Dank seiner wilden Bilder kann er ihnen Geld zustecken und ermöglicht es ihnen, sich genau in jenem Spießermilieu der Mittelklasse einzurichten, das er ablehnt. Aber das sieht er gelassen: „Unsere Generation wäre nichts ohne unsere Eltern. Ohne die Freiräume, die sie uns geschaffen haben, hätten wir heute kein besseres Leben als sie.“

Zhou Yiluns Geschichte ist die vieler junger Künstler in China: Seine Eltern gehörten Anfang der achtziger Jahre zur unteren Mittelschicht der kleinen Staatsbediensteten, deren tägliche Mahlzeiten gesichert, deren Glück und Selbstverwirklichung dem System jedoch weitgehend egal waren. Zhous Mutter arbeitete als Buchhalterin, sein Vater als Chauffeur für Touristen. So bescheiden es um ihre eigenen Verhältnisse bestellt war, so ehrgeizig waren die Hoffnungen für ihr einziges Kind: Yilun sollte ein fleißiger Schüler werden, ein guter Student und dann einmal ordentlich verdienen. Doch größer als ihr Ehrgeiz war ihr Wunsch, den Sohn glücklich zu sehen. Sie selbst waren schließlich viel zu häufig auf Wege gezwungen worden, die sie nicht gewählt hatten. Als sie merkten, dass Yilun gut malte, meldeten sie ihn an einer Schule mit Kunstschwerpunkt an. Vorher musste er eine Prüfung in traditioneller chinesischer Malerei ablegen, wofür er wenig übrig hatte, trotzdem bestand er den Text.

„Ich habe damals einen ziemlichen Freiheitsdrang entwickelt“, erinnert sich Zhou. Schon als Schüler ließ er sich die ersten Tätowierungen stechen, erst an verborgenen Stellen, dann auch dort, wo jeder sie sehen konnte. Heute trägt er an der Stelle der Augenbrauen dicke Punkte und am Zeigefinger einen tätowierten Schnurrbart, den er sich beim Rauchen unter die Nase hält. „Für meine Eltern war das nicht leicht, aber sie haben mir immer vertraut“, sagt Zhou. „Sie wussten, dass ich in dem, was ich mag, sehr gut sein kann.“ Seine Lehrer hatten mit dem ungestümen Schüler ihre liebe Mühe, doch seine Kreativität beeindruckte auch die nach altmodischer Maltechnik unterrichtenden Pädagogen.

Nach der Schule schaffte Zhou die Aufnahmeprüfung an Hangzhous renommierter Kunsthochschule, an der sich tausendmal mehr Bewerber anmelden, als Plätze zu vergeben sind. Auch hier blieb er der bunte Vogel. Während andere Studenten die meiste Zeit im Atelier verbrachten, warf Zhou seine Bilder im Eiltempo auf die Leinwand. „Ich wollte Zeit für andere Sachen haben“, sagt er. „Immer nur mit Künstlern zusammen zu sein, fand ich langweilig.“ Ohnehin inspirierte ihn die an der Hochschule gepflegte Malereikultur wenig. Zu traditionell war sie ihm, zu technisch, zu brav. Doch womöglich brauchte er die Enge der Akademie, um von dort auszubrechen.

Wo die anderen penibel Porträts malten, wurden für ihn die Tiger zum Thema: Tiger auf der Jagd und bei der Fortpflanzung, Tiger, die gefressen werden, und Tiger, denen jemand das Rückgrat gebrochen hat. Auf diese Idee brachte ihn ein Kinderlied, das zur Melodie von „Bruder Jakob“ die Geschichte zweier Raubkatzen erzählt, denen ein Ohr und der Schwanz fehlen. „Was sind wir Chinesen für ein seltsames Volk, dass wir unsere Kinder mit Liedern von verkrüppelten Tieren in den Schlaf singen?“, fragte er sich. „Für mich zeigt das, wie unmenschlich unsere Gesellschaft häufig ist, und als Künstler will ich das in meinen Bildern ausdrücken.“ Er mag das nicht weiter ausformulieren. Zhou spricht nicht gern über Kunst. Er malt lieber.

Bei seinen Eltern kommen die Tiger-Botschaften nicht gut an. „Sie akzeptieren das, aber sie würden sich so etwas nie aufhängen“, sagt er. „Zu Hause haben sie nur Bilder, die ich als Kind gemalt habe.“ Damit entspricht ihr Geschmack dem populären chinesischen Kunstempfinden. Wer in Zeiten des Umbruchs lebt, erfährt genug Verunsicherung, als dass er diese auch noch auf einer Leinwand sehen wollte. Zumal es reichlich staatlich geförderte Künstler gibt, die freundlichere Welten entwerfen. Die in der westlichen Moderne übliche Freude daran, das Hässliche, Verstörende und Abstoßende zum Gegenstand der Ästhetik zu machen, hat es bisher kaum durch die Abwehrreihen der offiziellen chinesischen Kunstpolitik geschafft.

Made in China steht hoch im Kurs auf dem internationalen Kunstmarkt

Auf dem internationalen Kunstmarkt kommen die jungen Avantgardisten dafür umso besser an. Chinesische Kunst ist derzeit eine heiß gehandelte Ware. Nach einer Studie der European Fine Art Foundation in Maastricht hat sich der Umsatz mit chinesischen Gemälden zwischen 2003 und 2006 verhundertfacht, womit ihr Weltmarktanteil gegenwärtig rund fünf Prozent beträgt. In der internationalen Rangfolge liegt die chinesische Kunst damit auf Platz vier. Etwa 700 Galerien gibt es in China, wobei den größten Teil des Geschäftes die Auktionshäuser abwickeln. Versteigerten die Branchengiganten Sotheby’s und Christie’s 2005 chinesische Kunst im Wert von 14 Millionen Euro, so waren es 2006 bereits 122 Millionen und 2007 mehr als 300 Millionen.

Im November 2007 erzielten chinesische Werke bei einer Versteigerung bei Christie’s 70 Millionen Euro. Darunter war auch eine Reihe des Malers Cai Guo-Qiang, die für sechs Millionen Euro verkauft wurde. Das war Rekord. Noch nie wurde für ein zeitgenössisches Kunstwerk aus China mehr Geld bezahlt. Und längst gibt es in der Volksrepublik Versteigerungshäuser wie Guardian Auctions, bei deren Verkäufen regelmäßig zweistellige Millionenbeträge zusammenkommen. Meistens sind es wohlhabende Chinesen, die dabei mitbieten. Auch sie sehen in Bildern inzwischen Investitionsobjekte.

„Vor ein paar Jahren kam das meiste Geld noch aus den USA und Europa, aber inzwischen ist auch viel chinesisches Kapital im Spiel“, sagt der Bildhauer Li Hui, dessen Plexiglaskriegsschiffe an die 100 000 Euro einspielen. „Vielen Künstlern geht es deshalb finanziell sehr gut, obwohl es schon traurig ist, dass sich die Käufer meist gar nicht für die Werke interessieren, sondern nur für deren Wert.“

Die neue Künstlergeneration kommt dem Markt gerade recht. So hängen an Zhou Yiluns Tigerbildern in Galerien bereits Preisschilder. Zwischen 2000 und 10 000 Euro kosten seine Werke, und mit den Auktions-Tricks der Galeristen könnte sich ihr Wert schnell verzehnfachen. Nicht selten ersteigern sie über Mittelsmänner ihre eigenen Bilder und treiben so den Marktwert ihrer Künstler in die Höhe.

Für die jungen Künstler ist das gleichermaßen lukrativ wie gefährlich. Denn wen der Markt emporhebt, den lässt er mitunter auch schnell wieder fallen. Das eigentliche Werk bleibt dabei auf der Strecke. „Viele Bilder sind heute einfach deswegen teuer, weil sie aus China stammen“, sagt Christoph Noe vom Ministry of Art. „Eine intensive Auseinandersetzung findet dabei häufig gar nicht statt.“ Steiner und er bemühen sich deshalb, die Künstler vom Auktionsmarkt fernzuhalten. Sie versuchen, die jungen Talente stattdessen mit Sammlern zusammenzubringen, die ihr Geld langfristig in den Werken anlegen wollen. Damit sei den Künstlern wesentlich besser gedient, weil sie so die Chance hätten, sich weiterzuentwickeln. „Noch sind die Chinesen auf dem Kunstmarkt vor allem deswegen begehrt, weil sie neu sind“, sagt Noe. „In Zukunft wird es einfach nur noch darum gehen, ob jemand ein guter Künstler ist, egal, ob Chinese oder nicht.“

Dass einige Chinesen das Potenzial haben, schon bald international ganz oben mitzuspielen, steht für Noe außer Frage. Für sein Ministry of Art gab er sogar einen sicheren Job als Betriebswirt bei Siemens auf. 2005 kam er für den Konzern nach China, begleitet von seiner Freundin Cordelia Steiner, einer Soziologin, die in mehreren Galerien und bei einer Kunstzeitschrift gearbeitet hatte. Schon bald lockte es sie zu den Ausstellungen im Pekinger Szene-Viertel „798“, auf dem riesigen Areal einer ehemaligen Waffen- und Maschinenfabrik. „Am Anfang dachten wir, es würde nur Mao-Pop geben“, erinnert sich Steiner. „Aber dann haben wir gemerkt, dass ganz andere Themen die junge Generation bewegen – und dass sie auf dem Kunstmarkt völlig unterrepräsentiert ist.“

Aus dieser Erkenntnis entstand die Geschäftsidee: Da vielen jungen Künstlern selbst nicht geheuer ist, was der Markt mit ihnen macht, bieten Steiner und Noe ihnen Kooperationen an, die einzig und allein auf Vertrauen beruhen. „Viele Galerien und Agenten versuchen, Künstler mit Verträgen an sich zu binden“, sagt Noe. „Wir machen zwar in vieler Hinsicht die gleiche Arbeit, aber wir verstehen uns eher als Vermittler denn als Verkäufer.“ Seit 2006 organisiert er mit Steiner Ausstellungen, gibt Kataloge heraus und berät internationale Sammlungen, wie sie Chinas neue Avantgarde in ihr Portfolio aufnehmen können.

Paradoxerweise ist der Umweg über den Weltmarkt wohl notwendig, um der jungen Avantgarde auch in ihrer Heimat zu Ruhm zu verhelfen. Denn wenn Chinesen im Ausland bekannt werden, wird man sich womöglich auch zu Hause für sie interessieren. „Es ist schon ein seltsames Gefühl, dass meine Bilder fast ausschließlich außerhalb Chinas verkauft werden“, sagt Zhou Jin Hua. „Kunst ist eben noch etwas, für das sich bei uns nur sehr wenige Menschen interessieren.“

Das ist nicht verwunderlich. Denn Kunst herzustellen ist in China ebenso Luxus, wie sich mit ihr zu beschäftigen. „Man braucht dafür Zeit und Muße, doch die haben viele Menschen nicht“, sagt Zhou. Und erst recht nicht die Generation seiner Eltern, die viele Dinge in der veränderten Gesellschaft nicht mehr versteht. Wahrscheinlich sind seine Bilder, in denen er sich mit Ängsten beschäftigt, die es zur Zeit seiner Eltern noch nicht gab, so oder so nicht das richtige Medium, ihnen die neue Zeit nahezubringen. Zhou hat es daher längst aufgegeben, sie für seine Kunst zu begeistern. Für ihr Häuschen in Sichuan hat er ihnen Bilder gemalt, die ihrem Geschmack entsprechen: Stillleben mit Obst und Gemüse.

Bernhard Bartsch / brand eins Wirtschaftsmagazin 9/2008

Young Chinese Artists – The Next Generation. Herausgegeben von Christoph Noe, Xenia Piëch, Cordelia Steiner, Prestel Verlag, September 2008; 296 Seiten; 39,95 Euro

Bernhard Bartsch | 01. September 2008 um 10:07 Uhr

 

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