Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Meinungsfreiheit der Krake Paul

Chinas Medien geben Angela Merkel nach ihrem Staatsbesuch gute Noten.

So gute Presse hätte Angela Merkel in Deutschland zweifellos auch gerne: Nach ihrer jüngsten Chinareise überbieten sich die Medien der Volksrepublik gegenseitig in Lobeshymnen auf die deutsche Bundeskanzlerin. „China und Deutschland verbringen wieder Flitterwochen zusammen“, titelte die Finanzzeitung „Guoji Jinrong Bao“, während das offizielle Nachrichtenportal „Chinanews“ ihr das Verdienst zuspricht, das Vertrauen zwischen beiden Ländern vertieft zu haben. „Merkel hat es als Frau mit unauffälligem Charakter, die wenig Negatives ausstrahlt, leicht, in China beliebt zu sein“, zitiert die Webseite den Politologen Jin Canrong von der Pekinger Volksuniversität, der außerdem glaubt, dass stabile Beziehungen zu China auch Merkels innenpolitische Position stärken könne. Als besonderen Freundschaftsbeweis sahen es viele Medien auch, dass Merkel am vergangenen Samstag in Xian ihren 56. Geburtstag feierte. Das Portal „International Online“ glaubt, dass es eher die Unternehmen seien, die das Vertrauen zwischen Deutschland und China fördern. „Mit wirtschaftlicher Zusammenarbeit lassen sich System- und Ideologieunterschiede überwinden“, schreibt das Blatt. „Merkels Chinabesuch zeigt, wie sich Europas Einstellung zu China ändert.“

Dennoch bereitet den chinesischen Medien das deutsche Chinabild Sorgen. Einem Bericht des Zentralfernsehens CCTV zufolge hat eine Umfrage unter deutschen und chinesischen Internetbenutzern ergeben, dass 90 Prozent der Chinesen eine positive Meinung von Deutschland haben, andersherum sind es nur 50 Prozent. „Dafür gibt es verschiedene Gründe, aber einer steht im Vordergrund“, erklärte Feng Zhongping, Leiter des Europazentrums im Chinesischen Institut für Internationale Beziehungen. „Wenn chinesische Journalisten in Deutschland sind, wollen sie etwas lernen und aufklären, aber deutsche Journalisten in China sind überheblich und kommen nur zu uns, um Probleme zu finden.“ Seit Jahren porträtiert China sich als Opfer einer Verschwörung gehässiger ausländischer Medien. Obwohl die Propagandabehörden Milliarden investieren, um Chinas Image im Ausland zu verbessern, müssen sie frustriert feststellen, dass sich die Berichterstattung in der internationalen Presse nicht so steuern lässt wie im eigenen staatlich kontrollierten Medienapparat. Mehrfach musste Merkel sich anhören, dass sich die Chinesen diskriminiert fühlen, unter anderem von Premier Wen Jiabao, der sich ausdrücklich wünschte, dass stärker über die „lichten Seiten der Beziehungen“ berichtet werden solle, etwa den Jugendaustausch. Allerdings hörte die Kanzlerin auch Warnungen, sich nicht von Peking einlullen zu lassen, wie aus einem Artikel der Hongkonger Zeitung „Oriental Daily“ hervorgeht, der von Merkels Treffen mit kritischen chinesischen Intellektuellen berichtet, darunter dem Blogger Michael Anti. „Michael Anti hat mit Merkel über den Oktopus Paul geredet“, schreibt das Blatt. „Der Fisch hat vorhergesagt, dass Deutschland das Spiel gegen Spanien verlieren werde, aber trotzdem ist er noch am Leben und wurde nicht gegessen.“ Damit habe Anti auf die „Wichtigkeit von Redefreiheit“ anspielen wollen: Unangenehme Wahrheiten auszusprechen ist in China nach wie vor gefährlich.

Bernhard Bartsch | 19. Juli 2010 um 04:34 Uhr

 

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