Bernhard Bartsch

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Die Macht des Nobelpreises

Die Auszeichnung von Liu Xiaobo ist ein Gesichtsverlust für Pekings Kommunisten. Das chinesische Volk aber darf sich ermutigt fühlen und hat allen Respekt verdient.

Der Friedensnobelpreis ist zurück: Mit der Auszeichnung des chinesischen Demokratieaktivisten Liu Xiaobo haben die norwegischen Juroren die mutigste und beste Entscheidung seit langem gefällt. Nachdem sich das Komitee vergangenes Jahr nach der Ehrung von US-Präsident Barack Obama zu Recht die Frage gefallen lassen musste, welchen Sinn der Preis eigentlich noch habe, hat es sich diesmal auf die Macht besonnen, die in seinen besten Momenten von ihm ausgegangen ist. Der Nobelpreis kann nicht nur mehr oder weniger erfolgreiche Bemühungen belohnen, sondern selbst zum Katalysator für den Kampf um Menschenrechte, Freiheit und Frieden werden.

Der Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo ist eine Auszeichnung für alle Chinesen, die sich trauen, öffentlich daran zu zweifeln, dass Chinas Kommunistische Partei immer recht hat. Hunderte sitzen in der Volksrepublik im Gefängnis, weil sie einzufordern gewagt haben, was die Verfassung auch in China garantiert: Rede- und Pressefreiheit, Religions- und Versammlungsfreiheit. Viele von ihnen haben nicht nur für eigene Rechte gekämpft, sondern auch für die ihrer Mitmenschen. Aktivisten wie Liu Xiaobo sind chinesische Patrioten im besten Sinn, die Verantwortung für ihr Land zu übernehmen bereit sind – selbst wenn sie dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Chinas Regierung behandelt sie als Verbrecher und Volksfeinde, der Friedensnobelpreis aber verleiht ihnen die Legitimation, die ihnen in der Heimat vorenthalten wird.

Für die Kommunistische Partei ist die Auszeichnung ein Schlag ins Gesicht. Seit Jahren kämpft sie um internationale Akzeptanz – angeblich im Namen ihres Volkes, aber vor allem, um ihre eigene Herrschaft zu zementieren. Mit einer Mischung aus politischer Unerbittlichkeit und wirtschaftlicher Stärke war es ihr gelungen, den Blick auf Chinas Erfolge zu lenken. Doch das Bild der angeblich harmonischen Gesellschaft, in der die Interessen aller sozialen Gruppen von der Kommunistischen Partei vertreten seien, ist Propaganda – auch wenn selbst im Westen der eine oder andere daran glauben möchte. Die Studentendemonstrationen von 1989 zeigten der Welt die Demokratiewünsche vieler junger Chinesen. Der Friedensnobelpreis offenbart, dass Chinas Regierung das Freiheitsbedürfnis ihres Volkes weiterhin ignoriert.

Womöglich wird die Auszeichnung die weltweite Debatte um die Menschenrechte in China neu entfachen. Das wäre eine gute Folge – vorausgesetzt, der Westen führt sie nicht mit selbstgerechter Eindimensionalität. Häufig wird im Ausland verwechselt: Das chinesische Volk und das China der Kommunistischen Partei sind zweierlei. Man darf die Chinesen nicht mit den Verbrechen verwechseln oder für die Untaten verantwortlich machen, die das Regime in ihrem Namen begeht. Die Chinesen haben, anders als ihre Regierung, allen Respekt der Welt verdient.

Vermutlich wird Peking nun seine gewohnten Propagandageschütze auffahren. Wann immer die Partei sich unter Druck sieht, wirft sie dem Ausland vor, China westliche Werte aufzwingen zu wollen – Werte, die angeblich nicht zu China passen und die das Volk nicht wünscht. Doch nie war dieses Argument so schwach wie diesmal. Nicht der Westen verlangt nach demokratischen Reformen, sondern der Chinese: Es sind Chinesen wie Liu Xiaobo und die Freunde, mit denen er die „Charta ’08“ verfasste. Es sind die Tausende, die das Demokratiemanifest unterzeichnet haben. Und es sind die Millionen, die sich Lius Ideen anschließen würden, wenn sie von ihnen erführen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lius Charta sie erreichen wird, ist nun größer als je zuvor. Darin besteht die Macht dieses Nobelpreises.

Allerdings schwingt in Liu Xiaobos Vorbild auch eine für die Chinesen schwere Erkenntnis mit: Der Weg zu einem neuen politischen System ist lang und hart – und keiner kann es den Chinesen abnehmen, ihn selbst zu finden. Die Eliten werden ihre Macht nicht einfach abgeben. Schließlich haben die Kommunisten ihrem Land seinerzeit vor allem deshalb wirtschaftliche Reformen verordnet, um sich vor einem politischen Umbau drücken zu können. Doch je größer die Kluft zwischen staatlicher Propaganda und alltäglicher Realität wird, umso größer wird der Druck zu Veränderungen. Dass ein Mann, der seine Gedanken zur Zukunft seines Landes aufschrieb und mit seinen Mitmenschen teilte, für elf Jahre ins Gefängnis muss, zeigt, wie sehr die Partei um ihre Stellung fürchtet. Durch den Friedensnobelpreis werden es mehr Menschen erfahren als je zuvor.

Bernhard Bartsch | 08. Oktober 2010 um 23:46 Uhr

 

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