Bernhard Bartsch

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Die letzte Expo

Wer braucht im Zeitalter der Globalisierung noch eine Weltausstellung? Niemand. In Shanghai findet das 159 Jahre alte Konzept ein glorreiches Ende.

Am 14. April 1900 eröffnete Frankreichs Staatspräsident Émile Loubet die Pariser Weltausstellung. Es war bereits die fünfte „Exposition Universelle“ an der Seine und sie sollte noch spektakulärer werden als die Länderschau von 1889, anlässlich der sich die Stadt den Eiffel-Turm geschenkt hatte. Diesmal gehörten zu den Neubauten zwei große Ausstellungshallen, das Grand Palais und das Petit Palais, zwei Bahnhöfe, Gare de Lyon und Gare d’Orsay, die erste Metro-Linie sowie zwei Aufsehen erregende Verkehrsinnovationen: der weltweit erste Oberleitungsbus und „Fahrende Straßen“ – unmittelbare Vorgänger der Rolltreppe. Auch die Ausstellung selbst bot reichlich Sensationen: Die Expo-Besucher sahen den ersten Tonfilm und das erste Auto mit Elektromotor. Sie entdeckten Krimsekt und Campbell’s-Fertigsuppen, die beide Preise als beste Produktneuheit erhielten. Sie staunten über lebensgroße Darstellungen von „Primitiven“ aus Madagaskar und diskutierten die amerikanische Hampton-Universität, wo Nachfahren der Sklaven erstmals eine höhere Bildung bekamen. Sportinteressierte besuchten die Olympischen Spiele, die als Teil der Weltausstellung in Paris stattfanden.

Am 30. April wird Chinas Staatspräsident Hu Jintao die Shanghaier Weltausstellung eröffnen. Auch sie soll alle Vorgänger in den Schatten stellen. Sicher sind ihr bereits die Rekorde für die meisten Teilnehmerländer (192), die größte Ausstellungsfläche (5,28 Quadratkilometer) und die höchsten Investitionen (schätzungsweise 45 Milliarden Euro). Und mit mindestens 70 Millionen erwarteten Besuchern wird die Expo 2010 das größte Massenereignis aller Zeiten werden.

Es scheint, als habe China einen Dinosaurier wieder zum Leben erweckt. Denn eigentlich galt das Konzept der Expo längst als Auslaufmodell, als Fossil aus einer Zeit, als die Welt noch groß und „Made in China“ etwas Exotisches war. Während sich die größten Metropolen um die Olympischen Spiele reißen, ist die Weltausstellung zunehmend zu einer B-Attraktion geworden. Lange Jahre lang nahm die Zahl der teilnehmenden Länder beständig ab, und die Gastgeber blieben meist auf hohen Schulden sitzen. Denn im Zeitalter von Flugverkehr, Massenmedien und Internet braucht sich die Menschheit nicht mehr alle paar Jahre zu verabreden, um zu erfahren, wie es am anderen Ende des Planeten aussieht. Auch die Ära, in der große Innovationen zuerst bei Expos präsentiert wurden, ist längst Vergangenheit. So wurde aus dem Markt der Neuigkeiten ein staatlich subventioniertes Zwitterwesen aus Industrie- und Tourismusmesse, notdürftig verpackt als globales Selbstlernzentrum. „Bessere Stadt, besseres Leben“ lautet das Shanghaier Motto, von dem Impulse für Umweltschutz und Nachhaltigkeit ausgehen sollen. Dabei sind die vorgestellten Rezepte altbekannt.

Trotzdem ist in Shanghai alles anders. Denn genau genommen stellen die Länder diesmal nicht für einander aus – sondern für ihren Gastgeber. 95 Prozent der Besucher werden Chinesen sein, erwarten die Organisatoren – auch das ist ein Rekord. Die Welt präsentiert sich China, der neuen Supermacht und bald zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Kein Land kann es sich leisten, hier keinen repräsentativen Auftritt hinzulegen – selbst die USA, die der Expo längst den Rücken gekehrt hatten, sind wieder dabei. Die Welt ist vereint in der Hoffnung, mit China noch besser ins Geschäft zu kommen.

Für die Chinesen lohnt sich die Expo – und das nicht nur, weil Immobilienunternehmen einmal Milliarden zahlen werden, um auf dem prominent gelegenen Ausstellungsgelände neue Wohnsiedlungen bauen zu können. Die Kommunistische Partei zelebriert die Veranstaltung als Beweis chinesischer Stärke – Tributgaben fremder Länder hatten schließlich schon am Kaiserhof Tradition. Dabei kommt ihr besonders zupass, dass die Expo, anders als die Olympischen Spiele 2008, politisch kaum nicht aufgeladen ist. Was westliche Menschenrechtsgruppen kritisieren, kann bei der Völkerverständigung durchaus hilfreich sein. Viele chinesische Besucher sehen die Expo – ganz im Sinne ihrer Erfinder – als Ersatz für unerschwingliche Weltreisen und kommen in Shanghai mit den Ländern ihrer Träume trotzdem direkt in Kontakt. Umgekehrt kann sich auch das Ausland erstmals ganz unmittelbar den Chinesen darstellen, ohne den Filter des regierungskontrollierten Medienapparats.

So hat die Shanghai der Weltausstellung einen neuen Sinn gegeben. Doch welche Standorte wären geeignet, um die Expo weiterzuentwickeln? Yeosu in Südkorea, wo 2012 die nächste Weltausstellung stattfindet, wohl eher nicht, und auch nicht Mailand, die Expo-Stadt des Jahres 2015. Womöglich werden danach große Schwellenländer wie Russland, Indien, Indonesien oder Brasilien die Chance ergreifen und sich um Weltausstellungen bemühen. Allerdings dürfte es ihnen kaum gelingen, an die chinesischen Superlative heranzureichen und die Welt dazu zu bewegen, noch einmal ähnlichen Aufwand zu betreiben. Betrachten wir die Expo 2010 deshalb als glorreiche Abschiedsvorstellung des großen Wanderzirkus der Globalisierung.

Bernhard Bartsch | 30. April 2010 um 07:29 Uhr

 

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