Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Die Kraft der seltenen Erden

China setzt Exporte seltener Rohstoffe als diplomatisches Druckmittel gegen Japan ein. Ein Warnschuss für andere Länder: Auch Deutschland wäre erpressbar.

Am Dienstag waren die „Systemfehler” auf wundersame Weise behoben. Seit vergangenen Donnerstag hatte der chinesische Zoll Exporte von Seltenerdmetallen nach Japan blockiert – angeblich wegen technischer Probleme bei der Bearbeitung der Ausfuhrformulare, wie betroffene Firmen berichteten. Dass Peking und Tokio sich zeitgleich den schärfsten diplomatischen Schlagabtausch seit Jahren lieferten, stehe damit in keinerlei Verbindung, versicherten die chinesischen Behörden. Doch nachdem die Japaner im politischen Streit nachgegeben haben und den inhaftierten Kapitän eines chinesischen Fischerboots, das in einem umstrittenem Seegebiet zwei japanische Küstenwachschiffe gerammt hatte, nach Hause fliegen ließen, funktionieren auch die Computer des chinesischen Zolls wieder tadellos.

Wenn die Systemfehler kein Zufall waren, haben die Japaner als erste erlebt, was Unternehmen und Regierungen weltweit schon seit längerem befürchten: Chinas Beinahe-Monopol bei der Förderung von Seltenen Erden, die zur Produktion vieler Hightechprodukte unverzichtbar sind, geben der Pekinger Regierung ein mächtiges wirtschaftspolitisches Druckmittel in die Hand. Müssen nun auch deutsche Firmen fürchten, von Schlüsselrohstoffen abgeschnitten zu werden, wenn es zum nächsten Mal zu Verstimmungen zwischen Berlin und Peking kommt? Oder stoppt China die Exporte der Seltenerdmetalle eines Tages sogar ganz, so dass nur noch die chinesische Industrie Zugriff auf sie hat?

„Seltene Erden“ oder „Seltenerdmetalle“ ist der Überbegriff für eine Gruppe aus 17 Metallen. Sie kommen in der Natur gemeinsam und nur in chemischen Verbindungen vor, in Form von Oxiden, die früher „Erden“ genannt wurden – daher der verwirrende Name. Seltenerdmetalle werden für die Produktion vieler Hightechprodukte benötigt, etwa für Computer und Flachbildschirme, Elektromagneten, leistungsstarke Akkus, Rüstungsgüter und Windturbinen. 97 Prozent der Seltenen Erden werden derzeit in der Volksrepublik China gefördert und verschaffen dem Land eine Monopolstellung – zumindest für die kommenden Jahre. Denn große Vorkommen gibt es auch in Grönland, Australien und Kanada, nur sind diese bisher kaum erschlossen. Doch bis dahin ist das Angebot auf den Weltmärkten begrenzt. Für 2010 hat China Ausfuhrquoten von 30.300 Tonnen festgesetzt – Ende August waren davon schon 28.500 Tonnen verbraucht. Im Juli hatte die Regierung eine Drosselung des Exportangebots im zweiten Halbjahr um 72 Prozent angekündigt: Nur 8000 Tonnen sollen in diesem Zeitraum ausgeführt werden, gegenüber 28.000 Tonnen im Vorjahr. Seitdem haben sich die Preise auf den Weltmärkten teilweise verdoppelt.

Und es scheint Peking nicht einmal darum zu gehen, internationale Konzerne zu zwingen, einen noch größeren Teil ihrer Produktion nach China zu verlagern. Deutsche Unternehmen, die in China fertigen lassen, berichten schon heute von Diskriminierungen gegenüber chinesischen Konkurrenten. Als deutsche Firmenvertreter Chinas Regierungschef Wen Jiabao im Juli mit ihren Sorgen konfrontierten, versicherte dieser zwar, alle Fabriken in der Volksrepublik würden gleich behandelt, unabhängig davon, wem sie gehören. Doch die Realität scheint eine andere zu sein – und es wäre nicht das erste Mal, dass zwischen den Beteuerungen der chinesischen Regierung und der Realität eine große Kluft liegt. Pekings vehemente Dementis, dass mit den Seltenen Erden Politik gemacht werde, macht es für ausländische Politiker schwer, das Thema auf die diplomatische Tagesordnung zu heben.

Obwohl die Ausfuhren nach Japan vorerst weitergehen, sieht man den Disput dort als Weckruf. Am Dienstag startete das Wirtschaftsministerium eine Umfrage unter japanischen Unternehmen, um Klarheit über das Ausmaß der Diskriminierung zu erhalten. Wirtschaftsminister Banri Kaieda kündigte an, sein Land werde versuchen, seine Bezugsquellen zu diversifizieren und Alternativprodukte zu entwickeln. Schließlich lagern Seltenerdmetalle auch in anderen Ländern, nur werden sie dort kaum gefördert.

Auch China will den Abbau seiner Seltenen Erden verstärken. Am Dienstag kündigte der staatliche Aluminiumkonzern Chinalco an, dafür in der Provinz Jiangxi in den kommenden drei bis fünf Jahren zehn Milliarden Yuan (1,1 Mrd. Euro) investieren zu wollen. Dafür übernimmt das Unternehmen die Jiangxi Rare Earth and Rare Metals Tungsten Group. Chinalco soll nach einem Plan der chinesischen Regierung auf dem Sektor der Seltenerdemetalle zu einem „nationalen Champion“ werden. In welcher Form die Seltenen Erden in Zukunft bevorzugt exportiert werden sollen, scheint eindeutig: nicht als Rohstoffe, sondern lieber in Form von fertigen Hightech-Produkten.

Bernhard Bartsch | 29. September 2010 um 09:01 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.