Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Knoblauchblase

Knoblauch ist in China zum heißen Spekulationsobjekt geworden – dank Finanzkrise und Schweinegrippe.

Frau Wens Imbiss am Tuanjiehu, dem „Solidaritäts-Teich“ in der Pekinger Oststadt, ist eine beliebte Adresse für rustikale Hausmannskost. Nachbarn, die selbst keine Zeit zum Kochen haben, können sich dort für wenig Geld den Magen füllen. Dicht an dicht sitzen sie auf niedrigen Hockern vor dampfenden Nudelsuppen, die sich jeder nach Geschmack deftig würzt. Auf den Tischen stehen verschmierte Töpfe mit Koriander und Chili, Sojasoße und Essig. Bis vor kurzem gehörten auch gestampfter Knoblauch und eingelegte Zehen zum Selbstbedienungssortiment. Aber die gibt es inzwischen nur noch auf Nachfrage und in kleinen Mengen. „Knoblauch ist einfach zu teuer geworden“, rechtfertigt Wen die Sparmaßnahme. „Bei den Mengen, die meine Gäste davon essen, hätte mich das noch in den Ruin getrieben.“

Das mag ein wenig übertrieben sein. Allerdings tatsächlich nur ein wenig. Denn der Preis für Knoblauch spielt derzeit verrückt: Im Verlauf des Jahres 2009 stieg er um etwa das 40-fache. Im Vergleich zum Oktober 2008, als Knoblauch so billig war wie seit Jahren nicht mehr, ist der Preis sogar um den Faktor 50 in die Höhe geschnellt: Im Dezember lag der Preis bei mehr als neun Yuan (0,90 Euro) pro Kilogramm. Vor einem Jahr waren es noch 0,2 Yuan (0,02 Euro) gewesen.

Die Entwicklung trifft die Chinesen an einer ihrer verwundbarsten Stellen: beim Essen. Weil Knoblauch in China eines der am häufigsten verwendeten Gewürze ist, wird seit Monaten in Restaurants, auf Märkten und in den Medien erregt die Frage diskutiert, wer hinter der Knoblauchhausse steckt – und wie lange sie noch weitergeht. Schließlich bereiten sich die Chinesen derzeit auf ihr Neujahrsfest Mitte Februar vor, und dabei darf vor allem an Knoblauch nicht gespart werden.

„Die Preisexplosion hat zwei Gründe“, sagt Li Jingfeng, Vorsitzender des Knoblauchbauernverbands im Kreis Jinxiang in der Provinz Shandong, der größten Anbauregion des Landes. „Der eine ist die Finanzkrise, der andere ist die Schweinegrippe.“ Als im Winter 2008 mit der Weltwirtschaft auch der Lebensmittelmarkt zusammenbrach, entschieden sich viele chinesische Bauern, im Frühjahr nur noch halb so viel Knoblauch anzubauen und stattdessen mehr auf Weizen und Baumwolle zu setzen. Doch als die Erntezeit kam, hatte sich die chinesische Wirtschaft bereits erholt, nicht zuletzt, weil die Pekinger Regierung rund 400 Milliarden Euro in die Stabilisierung des Konsums gepumpt hatte.

Der Knoblauchkonsum schoss sogar weit über das bisherige Niveau hinaus, weil chinesische Medien verbreiteten, das Lauchgewächs eigne sich als Prophylaxe gegen die Schweinegrippe. Da in China seit dem Trauma wegen des Sars-Grippevirus im Jahre 2003 schnell Panik ausbricht, kam es auf vielen Märkten zu Hamsterkäufen. Schulen, Universitäten und Firmen ließen ihre Kantinen Knoblauchvorräte anlegen, um sich für eine mögliche Pandemie zu wappnen.

Doch den Ansturm hätte der Markt wohl noch verkraftet – hätten nicht clevere Geschäftsleute begonnen, Knoblauch lastwagenweise aufzukaufen und in Lagerhäusern zu horten.

Mehrere Millionen Tonnen Knoblauch wurden so zur Spekulationsmasse. Schnell etablierten sich im Internet spezialisierte Internetseiten wie dasuan.cn (das chinesische Wort für Knoblauch) oder 51garlic.com, auf denen die aktuellen Preise verfolgt und Transaktionen eingefädelt werden können.

Chinesische Medien, in denen das Märchen vom plötzlichen Reichtum ohnehin ein festes Genre ist, veröffentlichen seit Monaten die Geschichten von erfolgreichen Knoblauchzockern. Etwa dem Chauffeur Liu Jun, der mit umgerechnet 40.000 Euro, den gesamten Ersparnissen von Familie und Freunden, 300 Tonnen Knoblauch kaufte und sie wenige Monate später mit einem Profit von 50.000 Euro wieder abstieß. Oder dem 22-jährigen Arbeitslosen Shao Mingqing. „Ich habe mir Geld geliehen und im September hundert Tonnen Knoblauch für 3,2 Yuan pro Kilogramm gekauft“, erzählt Shao. „Einen Monat später habe ich ihn zum Preis von 7,2 Yuan verkauft und damit 400.000 Yuan Profit gemacht.“ Das entspricht in etwa 40.000 Euro. Von dem Geld kaufte Shao sich eine schwarze Limousine. Der Händler Han Yunzhe hat es mit Spekulationen sogar zu einer 300 Quadratmeter großen Villa gebracht. Und das sei nicht einmal ein großer Verdienst, sagt Han. „Andere haben mit Knoblauch dieses Jahr hunderte Millionen verdient.“ Doch über die wahren Hintermänner des Knoblauchgeschäft wird nur gerätselt. Es heißt, einige für ihre Skrupellosigkeit bekannte Kohleminenbesitzer sollen auf dem Markt mitmischen, ebenso Geschäftsleute aus dem südchinesischen Wenzhou, deren Spürsinn für Goldadern legendär ist.

Bei den Bauern bleibt wenig hängen. Knoblauchbauer Wang Qingyu erklärt, er habe vergangenes Jahr mit seinem halben Hektar 1600 Euro verdient. „Damit bin ich schon ganz zufrieden“, sagt der Landwirt. Inzwischen beschäftigt der Knoblauch auch die Regierung in Peking. Um den überhitzten Markt abzukühlen, sah sich das Wirtschaftsministerium gezwungen, auf seiner Internetseite Mediziner zu Wort kommen zu lassen. Diese erklärten, dass es für die prophylaktische Wirkung von Knoblauch gegen die Schweinegrippe „keine wissenschaftlichen Beweise“ gebe. Auch Jinxiangs Landwirtschaftsbehörde hat inzwischen erklärt, dass die Anbaufläche für Knoblauch dieses Jahr um mindestens zehn Prozent ausgeweitet werden solle. Damit wird der Preis wohl wieder fallen und der Knoblauch-Notstand an Frau Wens Imbiss ein Ende haben.

Bernhard Bartsch | 14. Januar 2010 um 09:53 Uhr

 

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