Bernhard Bartsch

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Die Kirschblütenflüsterer

Wenn die Kirschbäume blühen, ist den Japanern das Privatleben für kurze Zeit wichtiger als die Arbeit. Wehe, die Meteorologen sagen die Blüte falsch voraus!

Japans Behörde für Meteorologie hat drei Aufgaben. Zwei davon sind trockene Routinearbeiten: Wettervorhersagen und Erdbebenwarnungen. Treffen ihre Prognosen ein, sind alle zufrieden, liegen sie daneben, ist aber auch niemand böse. Die Japaner haben sich damit abgefunden, dass die Natur sich schwer in die Karten schauen lässt und ihr Leben so weit wie möglich vom Einfluss der Elemente entkoppelt, wohnen in klimatisierten Räumen, bauen einsturzsichere Häuser und beherrschen ihre Katastrophenschutzübungen im Schlaf.

Bei der dritten Aufgabe dürfen sich die Meteorologen allerdings keinen Fehler erlauben: bei der Vorhersage des Kirschblütenfests. Jedes Frühjahr muss die Behörde berechnen, wann die Kirschbäume wo ihre zartrosa Blüten öffnen. Zeitungen drucken die Termine auf ihren Titelseiten, denn die Kirschblütenzeit ist für die Japaner die schönste des Jahres. Sie richten ihren Urlaub danach und machen Pläne für Familientreffen, Partys oder romantische Eroberungen. Fotografen drapieren Hochzeitspaare in Tüll und Smoking zwischen die Bäume. In Tokio strömen die Menschen in den Park des Kaiserpalasts und versuchen, im Blütenmeer auch einen Blick auf den Tenno erhaschen. Für eine kurze Ewigkeit von rund zehn Tagen ist das Privatleben wichtiger als die Arbeit.

Umso grösser ist daher die Aufregung, dass sich die Behörde dieses Jahr verrechnet hat. Um eine ganze Woche lag sie in manchen Städten daneben. Chefmeteorologe Keiichi Kashiwagi musste sich in einer landesweit übertragenen Pressekonferenz entschuldigen. „Wir haben die Benutzer unserer Informationen durcheinander gebracht,“ sagte er und verbeugte sich tief. „Es tut uns wirklich sehr leid.“ Schuld an dem Fehler sei nicht etwa der globale Klimawandel, wie manche spekulierten, sondern ein Computerfehler. „Das Programm, mit dem wir die Daten ausgewertet haben, hatte einen Defekt.“

Ein peinliches Eingeständnis für das technikverliebte Land. Einige Medien planen deswegen, im nächsten Jahr neben den Staatsmeteorologen auch wieder Wetterdeuter der alten Schule zu Wort kommen lassen. Erfahrene Bauern und Gärtner sollen den offiziellen Kirschblütenbericht kontrollieren.

Bernhard Bartsch | 25. März 2007 um 08:45 Uhr

 

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