Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Hölle ist ein Amt

Sollten die alten Chinesen mit ihrem Höllen-Modell richtig liegen, war die katholische Kirche mit ihren Ablässen auf dem richtigen Weg. Und Martin Luther hat jetzt einen Hasenkopf.

Die Fortschrittlichkeit der alten Chinesen ist unbestritten. Ihre Erde war schon rund, als wir noch auf einer Scheibe lebten. Sie kreisten bereits um die Sonne, während wir uns im Mittelpunkt des Universums wähnten. Und in ihrer Hölle herrschte längst ein moderner Rechtsstaat, derweil uns die Diktatur des Satans als gottgegebene Ordnung erschien.

Wer’s nicht glaubt, kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Der Pekinger Dongyue-Tempel, ein 700 Jahre altes taoistisches Heiligtum, bereitet die Chinesen in einem Höllenmuseum mit lebensgroßen Figuren auf den Ernst des Nachlebens vor. Als Abendländer fühlt man sich hier mal wieder hinterwäldlerisch: Mit unserer Vorstellung vom Fegefeuer liegen wir zwar nicht völlig falsch, aber vom großen Ganzen haben wir abermals nur einen Bruchteil erfasst.

In Wirklichkeit ist es nämlich so: Der Hades ein Amt, eine Jenseitsbürokratie mit 76 Unterabteilungen, die jeden Einzelfall ausführlich prüft und bei Bedarf ein individuelles Strafprogramm zusammenstellt. Für die unsterbliche Seele bedeutet das diverse Behördengänge. Für jede Sünde gibt es ein eigenes Gericht: für Mord und Korruption, für Obszönität und Ehebruch, ja sogar für Verbrechen gegen die Natur. Wer im Leben Reichtum erworben hat, muss außerdem im Büro für „gerechtes und ungerechtes Eigentum“ vorsprechen. Alle Urteile werden in der „Schreibstube für Unterschriften“ abgestempelt und an die Dienststelle für Strafausführung weitergereicht. Dort bekommt man dann wahlweise eine Tracht Prügel, die Zunge abgeschnitten oder einen Hasenkopf angehext. Wer es ganz schlimm getrieben hat, wird auf eine von 15 Todesarten hingerichtet, wovon das Fegefeuer nur eine ist.

Dabei muss nicht alles mit Zeter und Mordio enden. Wer sich zu Unrecht verurteilt fühlt, kann in der Revisionsabteilung Widerspruch einlegen. Erhält er dort Recht, kann er im Büro für Haftbefehle Anzeige gegen seine Verleumder erstatten. Auch für Proteste gegen den eigenen Tod gibt es eine Anlaufstelle, von der zur Unzeit Verstorbene an die Behörde für Wiedergeburten überwiesen werden.

Das ist beruhigend zu wissen, und gerade in den Neujahrstagen lockt der Tempel viele Besucher an, die hier ihr Sündenkonto zu überschlagen versuchen. Wobei man natürlich auch in China mit dem Teufel Geschäfte machen kann: Für eine Spende erhält man rote Plaketten, die man vor die Büros hängen kann, womit die Sünden schon zu Lebzeiten abgegolten sind.

Sollten die alten Chinesen mit ihrem Modell von der Hölle richtig liegen, war wohl auch die katholische Kirche des Mittelalters mit ihren Ablässen auf dem richtigen Weg. Und der arme Martin Luther hat jetzt womöglich einen Hasenkopf.

Bernhard Bartsch | 04. März 2008 um 03:33 Uhr

 

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