Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die große Vorsingende

Die Volkssängerin Peng Liyuan wird Chinas erste echte First Lady. Trotzdem muss sie die Bühne vor allem ihrem Mann überlassen.

Unsere Heimat liegt auf den Ebenen der Hoffnung, Generation um Generation leben wir auf diesem Feld.“ Mit diesen Zeilen sang sich die Volkssängerin Peng Liyuan 1982 bei der Neujahrsgala des Zentralfernsehens CCTV in die Herzen der Chinesen. Auch der damalige Jungfunktionär Xi Jinping liebte den patriotischen Schlager, und als er die berühmte Sopranistin vier Jahre später über Freunde kennenlernte, habe er nach vierzig Minuten gewusst, dass sie seine Frau werden würde, erzählte er später. So kam es dann auch.

Pünktlich zur Silberhochzeit macht die Liebesgeschichte zwischen der Schönen und dem Apparatschik noch einmal Schlagzeilen. Beim Pekinger Parteitag soll Xi diese Woche zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas und zum Oberbefehlshaber der Volksbefreiungsarmee gewählt werden. Obwohl der 59-Jährige für viele Chinesen noch ein unbeschriebenes Blatt ist, bekommt Pekings politische Kultur durch ihn einen bisher unbekannten Glanz: Zum ersten Mal seit Mao Zedong hat Chinas Staatschef eine Frau an seiner Seite, die keine unscheinbare Kadergattin ist, sondern eine echte First Lady.

Zwar tritt Peng beim Parteitag nirgends in Erscheinung. Doch schon im Vorfeld demonstrierte die 49-Jährige, dass sie in Zukunft eine aktivere Rolle spielen will als ihre Vorgängerinnen, die ihre Männer höchstens zu besonderen Auslandsreisen begleiteten. Seitdem Xi vor fünf Jahren zum Vize-Staatschef ernannt wurde, steht Peng zwar nur noch selten als Sängerin auf der Bühne, engagiert sich dafür aber sozial: Sie ist Sonderbotschafterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wirbt für Aids- und Tuberkulose-Aufklärung – in China bis vor kurzem noch Tabuthemen. Im Mai trat sie in Peking zusammen mit Microsoft-Gründer Bill Gates beim Weltnichtrauchertag auf, beide in roten T-Shirts mit der Aufschrift: „Passivrauchen – will ich nicht!“ Außerdem bekleidet sie eine Reihe von Ämtern im künstlerischen Bereich und war bis vor Kurzem Professorin an Pekings Zentralem Konservatorium.

Geboren wurde Peng in einem Dorf in der ostchinesischen Provinz Shandong. Mit 18 ging sie zur Volksbefreiungsarmee, wo ihr Gesangstalent entdeckt wurde. Im Militärmusikkorps avancierte sie schnell zum Star und war mit zwanzig Jahren bereits auf dem Olymp des chinesischen Propagandamusikbetriebs: CCTVs Neujahrsgala, die mittlerweile 700 Millionen Zuschauer anzieht. Zwölf Mal trat die Sopranistin im Rang eines Generalmajors dort auf und wurde in Umfragen mehrfach zu Chinas beliebtester Sängerin gewählt. Pengs Repertoire besteht vor allem aus patriotischer Erbauungsmusik: „Wer wird uns befreien? Die liebe Volksbefreiungsarmee“, singt sie etwa im „Lied vom Wäschewaschen“, das die Tibeter für ihre Zugehörigkeit zur Volksrepublik begeistern soll. „Der rettende Stern der Kommunistischen Partei! Die Armee und das Volk sind eine große Familie, und die Soldaten helfen uns beim Wäschewaschen.“

Auch das erste Date des Paares ist heute Teil der staatlichen Propaganda. Ernst, interessiert und klug sei ihr Xi vorgekommen, erzählte Peng später in Interviews: „Ich fand seine Kleidung altmodisch und einfach, und sein Gesicht sah älter aus als er war.“ Schon beim zweiten Treffen habe er ihr offenbart, dass er wenig Zeit für Familienleben haben werde, und tatsächlich verpasste er sechs Jahre später die Geburt der gemeinsamen Tochter, weil er einen Katastrophenschutzeinsatz leiten musste.

Pengs Eltern sollen von der Wahl ihrer Tochter zunächst nicht angetan gewesen sein. Die Familie hatte unter der Kulturrevolution schwer gelitten und wollte nicht mit der Pekinger Nomenklatura verbandelt sein. Doch Xi habe die Vorbehalte schnell zerstreut und seine Schwiegereltern von seiner Aufrichtigkeit überzeugt. Dass solche Geschichten auch die breitere chinesische Öffentlichkeit für den künftigen Staatschef einnehmen sollen, liegt auf der Hand.

Obwohl sich viele Chinesen von ihren Politikern etwas mehr Glamour nach amerikanischem Vorbild wünschen dürften, bleibt abzuwarten, wie viel Medienpräsenz die First Lady tatsächlich bekommt. Denn dass Chinas Politiker ihre Gattinnen lieber zu Hause lassen, hat historische Gründe: Mao Zedongs letzter Ehefrau Jiang Qing wird verheerender Einfluss auf ihren Mann nachgesagt. Die revolutionsfanatische Schauspielerin war maßgeblich für die Gräuel der Kulturrevolution verantwortlich und wurde nach Maos Tod als Anführerin der sogenannten „Viererbande“ zu lebenslanger Haft verurteilt. 1991 beging sie Selbstmord.

Doch mehrere Jahrzehnte und ein Wirtschaftswunder später könnten die Chinesen es noch einmal mit einer charismatischen First Lady versuchen. In dieser Rolle muss Peng allerdings auch Spott abkönnen. Regimekritiker amüsieren sich, dass China nun ein ähnliches erstes Paar bekommt wie Nordkorea. Diktator Kim Jong-un ist auch mit einer Propagandasängerin liiert.

Bernhard Bartsch | 13. November 2012 um 09:06 Uhr

 

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