Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Grenzen des Wachstums

Das Jahr des Drachen war für China ein Jahr der Desillusionierung.

In China kursiert derzeit eine Scherzfrage: Angenommen, die Eltern hätten für ihr Baby nur die Wahl zwischen Milchpulver aus China oder Japan, welches würden sie nehmen? Die Pointe besteht darin, dass sie den Antwortenden zwingt, entweder gegen die politische Korrektheit zu verstoßen oder gegen den gesunden Menschenverstand. Zwar ist es in China üblich, die Japaner als Erbfeinde zu verteufeln. Doch wenn es um die Gesundheit des eigenen Kindes geht, hört der Patriotismus auf. Besser als chinesisches Milchpulver ist das japanische bestimmt, glauben die Chinesen, Fukushima hin oder her.

Der schwarze Humor ist typisch für die aktuelle Gemütslage. Mit dem traditionellen Neujahrsfest geht mit dem Jahr des Drachens auch ein Jahr der Desillusionierung zu Ende. Zwar hütet sich die Kommunistische Partei, unabhängige repräsentative Meinungsumfragen zu erlauben. Doch die Stimmung in Medien, Internetforen und persönlichen Gesprächen lässt kaum Zweifel, dass die Chinesen düster in die Zukunft blicken. Die Ernüchterung zeigt sich in Diskussionen über unsichere Lebensmittel, schlechte Luft, sinkende Jobchancen und staatliche Misswirtschaft. Das Vertrauen ist dahin, dass sich China auf dem richtigen Weg befindet.

Es ist eine Desillusionierung mit Ansage. Seit Jahren warnen Experten, dass Chinas Boomphase zu Ende gehe. Zwar klingen die Wachstumszahlen weiter beeindruckend, vor allem in westlichen Ohren: 2012 expandierte die chinesische Wirtschaft um 7,8 Prozent. Doch nicht nur die Zahlen selbst sind umstritten, sondern vor allem die Frage, wie gesund das Wachstum ist und wer davon profitiert. Die Zeiten, in denen die Mehrheit der Chinesen das Gefühl hatte, ihr Leben habe sich verbessert und werde dies weiterhin tun, sind vorbei. Gleichzeitig merken sie, dass materieller Fortschritt allein nicht glücklich macht.

Damit driftet die öffentliche Meinung langsam, aber sicher, in Richtung jener Frage, welche die Pekinger Führung fürchtet: die Systemfrage. Direkte Angriffe auf die Ein-Partei-Herrschaft wissen Zensoren und Propagandisten zwar noch immer effektiv abzufedern. Doch in vielen Bereichen des täglichen Lebens sind die Missstände so groß geworden, dass die Chinesen sich grundsätzliche Gedanken machen. Galt nicht einmal die Devise, dass China die Ziele, die es sich setzt, auch erreichen kann? Warum tut es das dann nicht?

Beispiel Lebensmittel: Das Vertrauen in einheimisches Milchpulver und andere Nahrungsmittel sinkt. Das liegt nicht an kritischer Berichterstattung in den Staatsmedien. Doch die bekannt gewordenen Skandale und ein intuitives Verständnis für Chinas Strukturen reichen als Warnsignale aus und entkräften all die Beteuerungen der Regierung, das Problem durch bessere Kontrollen zu lösen.

Beispiel Luftverschmutzung: Der Smog in Peking und anderen Großstädten in jüngster Zeit zeigt, dass die Umweltpolitik den Problemen nicht gewachsen ist. Zwar trumpft China mit Rekordinvestitionen in erneuerbare Energien auf. Doch die Bevölkerung ist davon wenig beeindruckt und vertraut bei den Schadstoffwerten inzwischen lieber Messungen der US-Botschaft als Angaben der eigenen Behörden.

Beispiel Korruption: 2012 erregte der Skandal um Chongqings gestürzten Parteichef Bo Xilai die Öffentlichkeit. Wirklich überrascht hat er aber nur wenige. Chinesen haben kaum noch Illusionen über die Sauberkeit ihrer Politiker. Im Alltag macht schließlich fast jeder die Erfahrung, dass Beziehungen und Bestechung mächtiger sind als alle Gesetze.

Die Partei ist sich bewusst, welche Gefahr der Vertrauensverlust für sie bedeutet. Die neue Führung um Staats- und Parteichef Xi Jinping sendet deshalb Signale, die Hoffnung machen: Sie verspricht Reformen, eine gleichmäßigere Verteilung der Einkommen, einen gestärkten Rechtsstaat und ein umweltfreundlicheres Wirtschaftsmodell. Allerdings hat die Vorgängerregierung schon mit den gleichen Parolen um Vertrauen geworben. Und die Vorvorgängerregierung.

Chinas neues Jahr steht im Zeichen der Schlange, die auch als kleiner Drachen gilt. Zwar ist sie weniger mächtig als ihr fabelhafter Verwandter, dafür aber schlauer. Das wäre ein gutes Leitbild, für China und den Rest der Welt. Denn eines ist klar: Ein China, das an seinen Herausforderungen scheitert und in seinen Problemen versinkt, ist das letzte, was die internationale Gemeinschaft gebrauchen kann.

Bernhard Bartsch | 10. Februar 2013 um 07:40 Uhr

 

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