Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die faule Stelle des Apfels

Steve Jobs hat viel erreicht, eines allerdings nicht: Zweifel an den Produktionsbedingungen bei seinen Zulieferern hat Apple nie ausräumen können.

„Die Welt hat einen wahren Helden verloren und ich einen Freund“, trauerte der taiwanesische Unternehmer Terry Gou um den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs. Über das persönliche Verhältnis der beiden Männer ist wenig bekannt, doch beruflich verband sie eine Partnerschaft, die für beide gleichermaßen profitabel wie rufschädigend war. Gous Elektronikkonzern Foxconn, in dessen chinesischen Werken auch Apples iPhones und iPads gefertigt werden, steht seit Jahren wegen angeblich schlechter Produktionsbedingungen am Pranger. Erst wenige Tage vor Jobs’ Tod veröffentlichte eine Hongkonger Arbeiterrechtsorganisation eine Studie, die Foxconn medienwirksam vorwirft, seine Angestellten wie „iSklaven“ zu behandeln. Der Ausbeutungsvorwurf ist die faule Stelle des Apfels.

Ohne seinen Starkunden Apple wäre Foxconn in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Der weltgrößte Elektronikhersteller hat keine eigenen Produkte, sondern fertigt im Auftrag großer Marken, darunter auch Sony und Nokia. 1,2 Millionen Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, davon eine Million in der Volksrepublik. Die Fabrikanlagen gleichen Kleinstädten, die mit hohen Mauern und bewachten Toren von der Außenwelt abgeschottet werden. Das sei notwendig, um Firmengeheimnisse zu schützen, sagt Foxconn. Kritiker glauben, dass dort dunklere Geheimnisse versteckt werden als neue Telefone oder Tablet-Computer.

Vergangenes Jahr machte Foxconn Schlagzeilen, als innerhalb weniger Monate 13 Angestellte Selbstmord begingen. In Abschiedsbriefen klagten einige über hohen Druck, lange Arbeitszeiten und niedrige Bezahlung. Foxconn wies die Vorwürfe zwar zurück und rechnete vor, dass die Selbstmordrate unter seinen Arbeitern weitaus niedriger sei als in der chinesischen Gesellschaft allgemein. Auf Druck von Apple und anderer Kunden erhöhte das Unternehmen die Gehälter aber um 70 Prozent und versprach, besser auf die Einhaltung von Sozial- und Sicherheitsstandards zu achten.

Inwieweit das gelungen ist, bleibt unklar. Im Februar musste Apple eingestehen, dass man in den Fabriken der chinesischen Zulieferer 91 Unter-16-Jährige entdeckt habe, achtmal mehr als im Vorjahr. Im Mai gab es in Foxconns Werk in Chengdu, wo iPads gefertigt werden, eine Explosion, bei der mindestens drei Menschen getötet und 15 schwer verletzt wurden. Im August und September starben erneut zwei Angestellte bei Stürzen von Wohnheimgebäuden, wobei es sich in mindestens einem Fall um einen Selbstmord handelte. Foxconn ist nicht der einzige Problemlieferant. In einer Fabrik der Firma Wintek im ostchinesischen Suzhou, wo iPhone-Bildschirme gefertigt werden, trugen 137 Arbeiter Gesundheitsschäden davon, weil sie ungeschützt mit giftigen Chemikalien hantiert hatten.

Die jüngsten Vorwürfe erhebt die Hongkonger Organisation „Students & Scholars Against Corporate Misbehaviour“ (SACOM), welche die Zustände bei der Foxconn-Tochter „Futaihua Precision Electronics Co.“ im zentralchinesischen Zhengzhou untersucht hat. Ihr Bericht „iSlave behind the iPhone“ beschreibt Zehn-Stunden-Schichten ohne Pause, militärischen Drill, unbezahlte Überstunden, ungeschützten Umgang mit Chemikalien und unwürdige Wohnquartiere ohne Strom und Wasser. Eine 19jährige Arbeiterin soll von 80 Überstunden im Monat berichtet haben, obwohl das Gesetz nur 36 erlaubt. Dafür verdiene sie rund 1800 Yuan (209 Euro) im Monat.

Zwar sind die Inhalte derartiger Berichte mit ebenso großer Vorsicht zu genießen wie die Selbstdarstellung der Konzerne. Seine Prominenz hat Apple zur Lieblingszielscheibe von Globalisierungskritikern gemacht, die oft nicht nur um Aufklärung kämpfen, sondern auch um Aufmerksamkeit und Finanzmittel. Doch weder die jährlichen „Berichte über die Verantwortlichkeit der Zulieferer“, noch öffentlichkeitswirksame Inspektionsbesuche, wie sie Anfang des Jahres der neue Konzernchef Tim Cook absolvierte, können darüber hinwegtäuschen, dass Apples hohe Gewinne nicht nur der Lohn der eigenen Innovationskraft sind, sondern auch das Ergebnis einer gewaltigen Marge zwischen Herstellungskosten und Verkaufspreis.

Die nicht zuletzt als Reaktion auf die Ausbeutungsvorwürfe steigenden Lohnkosten haben Foxconn dazu bewogen, künftig mehr auf Automatisierung zu setzen. Ende Juli gab der Konzern bekannt, in den kommenden drei Jahre eine Million Roboter anschaffen zu wollen. Sie sollen einfache Routineaufgaben wie Schweißen, Lackieren oder Montieren übernehmen, die derzeit noch von Hand gemacht werden. Die ersten 300.000 Automaten sollen bis Ende 2012 installiert werden. Viele Arbeiter dürften dadurch ihren Job verlieren.

Bernhard Bartsch | 17. Oktober 2011 um 11:40 Uhr

 

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