Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die chinesische Weltformel

Namen sind in China keine Geschmackssache, sondern eine Schicksalsfrage. Die richtige Antwort findet man mit kosmologischer Mathematik.

„Holt euch professionelle Hilfe“, rieten uns chinesische Freunde nach der Geburt unseres ersten Kindes. Ihre Sorge galt der Namenswahl. Wie unsere Tochter auf Deutsch heißen sollte, stand fest, aber ein in Peking geborenes Kind müsste auch einen chinesischen Namen haben, fanden wir. Dass wir dafür Unterstützung benötigten, war uns klar, denn in chinesischen Schriftzeichen schwingen viele Bedeutungen mit, die sich nur einem Muttersprachler erschließen. Doch als wir unsere Freunde um Rat fragten, schreckten sie zurück: „Wendet euch lieber an einen Namensgeber!“

Den fanden wir in einem kleinen Büro in der Nachbarschaft des Pekinger Konfuziustempels. Er war Mitte vierzig, trug ein chinesisches Gelehrtengewand aus blauer Seide und ließ sich mit Meister Chen anreden. An der Wand hing ein gerahmtes Foto vom Jahreskongress der Vereinigung der Namensberater, an dem mehrere Hundert Mitglieder teilgenommen hatten. „Sehen Sie, ich sitze ganz vorn in der Mitte“, warf sich Meister Chen in Pose. „Unsere Familie beschäftigt sich schon in dritter Generation mit der Wissenschaft vom richtigen Namen.“ Die vier dicken Bücher auf seinem Schreibtisch habe er schon als Kind auswendig gelernt, und er lege sie eigentlich nur aus, damit seine Kunden sich davon überzeugen könnten, dass er sich streng an die traditionelle Lehre halte.

Dann kam er zur Sache: Er fragte nach Datum und Uhrzeit der Geburt und vertiefte sich in ein Buch mit Tabellen. Auf einem Block machte er sich Notizen. Nach einigen Minuten eröffnete er uns seine Diagnose: „Dem Mädchen fehlt Holz.“ Er schob uns seine Aufzeichnungen hin und rechnete vor: einmal Feuer, zweimal Wasser, einmal Metall, viermal Erde. „Aber kein einziges Holz – das müssen wir ins Lot bringen“, sagte er mit ernster Miene. „Ihr könnt von Glück reden, dass ihr zu mir gekommen seid.“

Solche Rechnungen sind in China weitverbreitet: Feuer, Wasser, Metall, Erde und Holz sind die „Fünf Elemente“, aus denen nach traditioneller Vorstellung das Universum besteht. Dass Meister Chen acht dieser Elemente gezählt hatte, leitet sich aus den sogenannten „Acht Trigrammen“ ab, einem alten Orakel, das einst aus Rissen in erhitzten Schildkrötenpanzern oder Rinderknochen gelesen wurde und die Grundlage des auch in Deutschland bekannten Buches der Wandlungen „I Ging“ bildet. Zusammen ergeben die Fünf Elemente und die Acht Trigramme so etwas wie eine Weltformel, mit der sich zu allen Menschheitsfragen eine Antwort ausrechnen lässt.

Das ist kein Witz. Der Glaube an die traditionellen Wissenschaften spielt für viele Chinesen eine ähnliche Rolle wie in anderen Kulturen die Religion. Dabei vertrauen sie ihr Schicksal nicht unergründlichen Göttern an, sondern stützen sich auf kosmische Gesetzmäßigkeiten, die ihre Vorfahren entdeckt haben und die bis heute mit mathematischer Präzision funktionieren. Wahrsagerei heißt deshalb im Chinesischen „suan ming“, wörtlich: „das Leben berechnen“.

Doch die Bedeutung der Fünf Elemente und Acht Trigramme geht weit darüber hinaus: Wo immer auf der Welt Menschen ihre Wohnung nach Feng-Shui-Regeln einrichten oder sich mit Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) behandeln lassen, setzen sie auf Weisheiten, die aus den alten Büchern stammen, die Meister Chen auf seinem Tisch liegen hat. „In der Mao-Zeit wurde unsere Wissenschaft als Aberglaube verfolgt“, sagte er. „Aber heute merken viele Menschen wieder, dass unsere Vorfahren mehr von der Welt verstanden, als wir es heute tun.“ Wir hätten gern mit ihm darüber diskutiert, aber ließen es bleiben. Obwohl man mit Chinesen grundsätzlich über alles streiten kann, sollte man Debatten über die chinesische Seinslehre vermeiden und es bei der höflichen Feststellung belassen, dass China eine sehr alte Kultur sei und Europa nur eine junge – wie könnten wir verstehen, was die Chinesen schon seit Jahrtausenden wissen?

Da die Umrechnung der Geburtsstunde in kosmische Schicksalseinheiten ergeben hatte, dass die Natur unserem Kind kein Holz mit auf den Weg gegeben hatte, machte sich Meister Chen daran, diesen Mangel auszugleichen. Ihr Name müsse aus besonders „holzhaltigen“ Schriftzeichen bestehen, erklärte er. Die chinesische Schrift beruht auf 214 Zeichenbausteinen, die jeweils einem der fünf Elemente zugeordnet werden können. Feierlich holte Meister Chen eine Urkunde mit dem Siegel der Vereinigung der Namensberater aus der Schublade, mischte in einem Reibstein frische Tinte an und begann mit einem Pinsel zu schreiben. „Offizieller Name: Linxin“, trug er ein. Das heißt so viel wie „Ein Wald aus Gold“. Mit Spitznamen sollten wir unsere Tochter „Linlin“ rufen: „Ein Hain aus Jade“. Und sollte sie je einen Künstlernamen brauchen, wäre „Songhua“ passend: „Pinienpferd“. Mit diesem Namen werde sie eine große Karriere machen, wahrscheinlich als Pianistin oder Diplomatin.

Goldwald? Jadehain? Pinienpferd? Obwohl wir uns vorgenommen hatten, die Autorität des Gelehrten nicht anzuzweifeln, baten wir, ob er nicht noch ein paar andere Vorschläge habe und ob wir beim Namen unserer Tochter vielleicht sogar mitentscheiden dürften. Selbstverständlich, antwortete der Meister, aber das koste zusätzlich. Bis hierhin habe er uns zum Basistarif von 198 Yuan (23 Euro) beraten. „Dafür habt ihr Namen bekommen, die ein Vielfaches wert sind“, versicherte er. Für einen besseren Namen müsse er noch weitere Berechnungen anstellen. Er schob uns eine Preisliste hin. Für 888 Yuan (103 Euro) ließen sich noch ganz andere Schicksalsmanipulationen vornehmen, sagte er. „Das mag jetzt nach viel Geld klingen, aber eine bessere Investition als in einen guten Namen kann man kaum machen.“

Wir verabschiedeten uns mit dem Hinweis, dass ein so wichtiger Schritt gut überlegt sein müsse und wir noch eine zweite Meinung einholen wollten. Tatsächlich ließen wir ein weiteres Gutachten erstellen, das ebenfalls zu dem Ergebnis kam, dass unsere Tochter dringend Holz brauche. Aber auch dort sollte ein guter Name viel Geld, ein ausgezeichneter ein Vermögen kosten.

Vor einigen Monaten wurde in Peking unser zweites Kind geboren, ein Junge. Seine große Schwester ist inzwischen zwei und hat noch immer nur einen deutschen Namen. Unsere Freunde finden das seltsam und schütteln den Kopf, wenn wir erzählen, dass wir ihren Fünf-Elemente-Haushalt mit Holzspielzeug ins Gleichgewicht zu bringen versuchen. Aber wenn man mit dem richtigen chinesischen Namen viel gewinnen kann, kann man mit dem falschen auch viel verlieren. Das Risiko ist uns zu groß. Falls unsere Kinder wirklich einmal einen chinesischen Namen wollen, müssen sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. –

Bernhard Bartsch | 29. Oktober 2011 um 01:44 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Susanne

    29. Oktober 2011 um 02:36

    … wunderbar! diese kinder werden vor allem selbstbewusst und nicht fremdgesteuert erwachsen.