Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die chinesische Herausforderung

Chinas Aufstieg stellt die Vormachtstellung des Westens in Frage. Doch wie stark die Chinesen künftig unser Leben beeinflussen können, liegt vor allem an uns selbst.

Im Winter 1907 erhielt der britische Außenminister Edward Grey zwei Strategiepapiere für den Umgang mit dem erstarkenden Deutschland. Das eine warnte vor den deutschen Großmachtambitionen. „England muss damit rechnen, dass Deutschland versuchen wird, den Einfluss seiner Rivalen zu beschneiden, um seine eigene Machtsphäre auszubauen“, argumentierte der Karrierediplomat Eyre Crowe. Sein Kollege Thomas Henry Sanderson setzte dagegen auf gutnachbarschaftliche Beziehungen: „Deutschland ist ein hilfsbereiter, wenn auch anspruchsvoller Freund, ein strammer und hartnäckiger Verhandler (…) und nervös darauf bedacht, in allen Fragen, bei denen es sich betroffen fühlt, konsultiert zu werden.“ Die gegensätzlichen Standpunkte wurden einige Monate lang diskutiert und dann beide als „geheim“ abgeheftet − Grey konnte sich für keine der Strategien entscheiden. Sieben Jahre später brach der erste Weltkrieg aus.

Der englische Strategiestreit steht als Lehrstück am Ende des neuen Buches des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger, das die Welt auf die Umwälzungen im globalen Mächtegleichgewicht einschwören soll und folgerichtig den Titel „China“ trägt. Wie damals sieht sich auch heute die herrschende Großmacht (1907 England, 2011 die USA oder was man gemeinhin den „Westen“ nennt) mit dem Aufstieg eines neuen Konkurrenten konfrontiert, dessen Potenzial und Ambitionen schwer einzuschätzen sind. Das Spektrum der strategischen Vorschläge reicht einmal mehr von Eindämmung bis Einbindung, wobei in der Realität die Quadratur des Kreises versucht wird. Diplomatie eben.

In Deutschland schwingt das Pendel diese Woche weit in Richtung Einbindung: Am Dienstag halten deutsche und chinesische Regierung erstmals eine gemeinsame Kabinettssitzung ab. Chinas Premier Wen Jiabao reist mit 13 Ministern nach Berlin. Noch nie hat die Volksrepublik eine hochrangigere Delegation ins Ausland entsendet. Von Kulturaustausch über Wirtschaftskooperationen bis zur Finanzreform soll über alles gesprochen werden, was Deutschland und China verbindet. Die Veranstaltung hat vor allem symbolischen Wert: Der gemeinsame Kabinettstisch soll Verbundenheit signalisieren. Dahinter steckt die Hoffnung, dass aus regelmäßigen intensiven Treffen eine Freundschaft entstehen kann, die mehr ist als diplomatische Rhetorik und politische Vernunft.

Ohne Frage sind gutnachbarschaftliche Beziehungen wünschenswerter als offene Rivalität. Doch die vergangenen Monaten haben einmal mehr offenbart, wie gravierend sich die Wert- und Weltvorstellungen der Chinesen (oder besser gesagt: der chinesischen Regierung) von denen des Westens unterscheiden: Pekings verschärften Repressalien gegen Kritiker, die Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit und die Farce um die Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei wecken ernste Zweifel, ob sich China tatsächlich auf dem richtigen Weg befindet. In der Wirtschaft sind die Sorgen nicht weniger gravierend.

Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man sprechen. Im Umgang mit China wird oft gefordert, der Westen müsse Rücksicht auf vermeintliche kulturelle Besonderheiten oder historische Empfindlichkeiten nehmen. Die vergangenen Wochen haben das Gegenteil bewiesen: Nicht leise Empfehlungen, sondern lauter Protest haben Peking dazu gezwungen, im Fall Ai Weiwei Zugeständnisse zu machen. Doch auch die reichen noch lange nicht aus, um den Westen davon zu überzeugen, dass China ein Rechtsstaat sei. Darüber muss in Berlin nicht nur gesprochen, sondern wenn nötig auch gestritten werden.

Kritik darf freilich kein selbstgerechtes Dampfablassen sein. China ist für uns eine Herausforderung, aber nicht unser größter Feind – das sind wir noch immer selbst. Obwohl die Entwicklungen in Fernost zu einem Faktor geworden sind, der unsere Zukunft mit beeinflusst, so liegt es doch in unserer eigenen Hand, die entscheidenden Weichen zu stellen: in Deutschland, in Europa und innerhalb der westlichen Gesellschaften, mit denen wir mehr Interessen, Werte und Geschichte teilen als mit China. Dass uns dies nicht immer gut und manchmal erbärmlich schlecht gelingt, entgeht auch den Chinesen nicht. Chinas Aufstieg ist für uns deshalb mehr als alles andere ein Aufruf, unsere Hausaufgaben zu machen. Andernfalls bestraft uns die Geschichte – und auch wenn sie sich niemals wiederholt, ist doch keine Epoche so einzigartig, wie sie ihren Zeitgenossen erscheint.

Bernhard Bartsch | 27. Juni 2011 um 02:35 Uhr

 

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