Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Buddha-Bar

Buddhistische Mönche betreiben in Tokio eine Kneipe. Sie wollen zeigen, dass Spiritualität und Spaß gut zusammenpassen.

Gugan_Taguchi_(Copyright Martin Gottske)Donnerstagabend, kurz nach zehn. Aus den Lautsprechern sprudelt Jazz, und der blinde Mönch an der Theke lauscht, wie sich John Coltranes Saxofon in die Stimmen seiner Gäste webt. Knapp zwei Dutzend sind gekommen, und wenn einer aufsteht, muss sich die Hälfte des Raumes mit ihm erheben, so eng ist es. Ursprünglich war die Vowz-Bar ein Einzimmerapartment im zweiten Stock eines Hauses in Tokios Stadtteil Shinjuku. Doch nun steht an der Stelle des Bettes eine Theke, auf der neben den Sakeflaschen auch ein paar Bände buddhistischer Schriften ausliegen. An den Wänden hängen Gebetswimpel und Kalligrafien, und in der hinteren Ecke sitzt ein Bronzebuddha, vor dem Räucherstäbchen ihren Sandelholzduft in den Zigarettenqualm mischen.

Der Buddha ist hier nicht Dekoration, sondern der Hausherr. „Bar und Buddha sind für mich kein Widerspruch“, sagt der Vowz-Gründer Gugan Taguchi, der blinde Mönch. „Ich finde, sie passen sogar ziemlich gut zusammen.“ Warum gehen Menschen in den Tempel?, fragt er. „Weil sie nach Glück suchen.“ Und in die Kneipe? Aus dem gleichen Grund. „Warum sollte man das also nicht verbinden?“

Auf den ersten Blick scheint Taguchi mit seinen Gästen wenig gemein zu haben. Während die Kundschaft mit Anzug und geöffnetem Krawattenknoten Bier trinkt, trägt Taguchi eine schwarze Robe und eine Gebetskette. Dabei war er früher selbst ein Salaryman, ein Gehaltsempfänger, dessen Leben nach dem gleichen Muster ablief wie das der meisten Japaner: früh ins Büro, spät in den Feierabend, auf dem Heimweg ein paar Drinks. Doch dann riss ihn eine Augenkrankheit aus seinem Trott. Mit Ende 20 war er arbeitsunfähig, heute ist es um ihn fast vollkommen dunkel. Der Schlag zwang ihn zur inneren Einkehr, und so wandte er sich dem Buddhismus zu.

„Ich begann, in meinem neuen Leben auch gute Seiten zu sehen“, sagt Taguchi. „Viele Menschen suchen nach Spiritualität, aber ihnen fehlt die Zeit, um zur Ruhe zu kommen.“ Wo es in der modernen Welt noch Religion gebe, da werde sie mehr konsumiert als wirklich gelebt, findet er. In Japan sei dieser Trend besonders stark, weil sich die Glaubensrichtungen nie so exklusiv gegeneinander abgegrenzt haben wie in anderen Kulturen. Umfragen zufolge bezeichnen sich 80 Prozent der Japaner als Anhänger der traditionellen Shinto-Religion, aber gleichzeitig sehen sich 75 Prozent als Buddhisten.

Zusammen mit Christen, Atheisten und anderen Glaubensrichtungen verschreibt jeder Japaner seine Seele statistisch gesehen gleich zwei Religionen. Doch mehr als ein paar Rituale zu Feiertagen oder Beerdigungen bekommen sie davon kaum noch mit. „Ich kann verstehen, warum junge Leute sich nicht mehr für den Buddhismus interessieren“, sagt Taguchi. „Deswegen wollte ich einen neuen Zugang schaffen.‘

vowz_bar_2Als er sich vor fünf Jahren entschied, eine Bar zu eröffnen, erntete er zunächst Unglauben. Doch schon bald erkannten auch andere Buddhisten, dass es nicht schaden kann, zurück in die Gesellschaft zu gehen, statt zu warten, bis diese wieder in den Tempel kommt. Immerhin leiden viele von Japans 75 000 buddhistischen Gebetsstätten unter finanziellen Schwierigkeiten. Nebengeschäfte sind da höchstwillkommen. So eröffnete Tokios Baijozan Komyoji Tempel vor seiner Haupthalle ein Café. Der Zendoji-Tempel in Kyoto betreibt einen Schönheitssalon, und im Tokioer Jazz-Club Chippie treten neben Saxofonisten auch Mönche auf, die in Sanskrit Sutren singen.

Taguchi findet das nur natürlich. „Früher sind die Menschen nicht nur in spirituellen Fragen zum Tempel gegangen, sondern wegen aller möglicher Anliegen“, sagt er. „Heute ist das halt eher eine Bar.“ Er unterhalte sich mit den Menschen nicht nur über Spirituelles. Je nach Gemütslage hält sein Barmann für sie besondere Cocktails bereit, die er mit der Sorgfalt eines Apothekers mixt. „Liebe ist die Hölle“ heißt eine Spezialität des Hauses, andere nennen sie „Heiße Hölle“. „Man muss durch die Hölle gehen, um ihr zu entkommen“, sagt Taguchi und lässt offen, ob das eine buddhistische Weisheit oder ein Stammtischwitz ist. Im Zweifel beides.

Bernhard Bartsch | 22. Juni 2009 um 04:50 Uhr

 

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