Bernhard Bartsch

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Die Bombe vor der Tür

In China regt sich zunehmend Widerstand gegen die enge Allianz mit Nordkorea.

Nordkorea feierte am Samstag den 71. Geburtstag von Kim Jong Il – und das sozialistische Bruderland China feierte mit. Pekings Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichte gefällige Bildstrecken von Nordkoreanern, die vor dem Standbild ihres 2011 gestorbenen «Geliebten Führers» Blumen niederlegen und sich verneigen. Der Atomtest vom vergangenen Dienstag blieb unerwähnt. Im Internet hagelte es dagegen Spott, für Kim ebenso wie für Chinas unkritische Berichte. «Unsere Medien schreiben alle, der Spinner wäre 71 geworden – müssen wir Chinesen jetzt also auch nordkoreanische Märchen glauben?», schrieb einer in Anspielung auf die offizielle Geburtslegende, wonach Kim Jong Il 1942 auf Nordkoreas heiligem Berg Paektu das Licht der Welt erblickt haben soll. In Wahrheit wurde er ein Jahr vorher in der Sowjetunion geboren.

Die Kluft zwischen offiziellen und inoffiziellen Geburtstagsgrüssen sagt viel über Chinas gespaltenes Verhältnis zu Nordkorea: Die Regierung in Peking zeigt sich entschlossen, Pjongjang trotz dem jüngsten Atomtest die Treue zu halten. Doch die Öffentlichkeit sieht das Bündnis zunehmend kritisch. Pekings Diplomaten stehen damit doppelt unter Druck: Als einzige Macht mit einem gewissen Einfluss auf Pjongjang spielt China in der sich zuspitzenden Krise eine Schlüsselrolle und wird dabei nicht nur von der internationalen Gemeinschaft, sondern auch vom eigenen Volk skeptisch beobachtet.

Vor allem im Nordosten verfolgt die Bevölkerung die Entwicklungen mit Sorge. Die Bergwerkstollen, in denen Nordkoreas Atomphysiker ihre letzten beiden Bomben testeten, sind schliesslich nur 75 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt. Die von der Detonation ausgelösten Erdstösse waren auch in China zu spüren. In Internetforen wird seitdem über radioaktive Belastung spekuliert. Chinas Umweltministerium versicherte zwar, dass bis jetzt keine erhöhte Strahlung festgestellt worden sei und dass möglicherweise austretende Radioaktivität nach momentanen Wettervorhersagen nicht nach China, sondern nach Südkorea oder Japan getragen werde. Doch die Erklärung trug wenig dazu bei, die erregten Gemüter zu beruhigen. Denn Windrichtungen können sich ändern, und ausserdem soll Nordkorea gegenüber chinesischen Diplomaten angekündigt haben, für das laufende Jahr noch zwei weitere Atomtests sowie einen Raketentest zu planen. «Das Umweltministerium spricht auf jeden Fall im Namen der Regierung, aber welcher? Jener Nordkoreas?», mokierte sich der bekannte Schauspieler Sun Haiying in seinem Mikroblog.

In Peking ringt man derweil darum, wie weit man den internationalen Forderungen nach harten Sanktionen gegen Nordkorea entgegenkommen will. Ende Januar hatte China im Uno-Sicherheitsrat für eine Ausweitung der bestehenden Handelseinschränkungen gestimmt, als Reaktion auf den Raketenstart vom Dezember. Doch selbst wenn Peking noch einmal einer Verschärfung zustimmt, nimmt damit der Druck auf Nordkorea nicht unbedingt zu. Denn die Umsetzung der Sanktionen hängt weitgehend davon ab, dass China als mit Abstand grösster Handelspartner Nordkoreas sie auch durchsetzt. Diplomaten gehen jedoch davon aus, dass die Volksrepublik die Vereinbarungen regelmässig unterläuft. So bezieht Pjongjangs Nomenklatura etwa weiterhin teure Autos und andere Luxuswaren aus China.

Hinter der Bereitschaft, Nordkorea politisch den Rücken zu stärken, stehen vor allem geostrategische Interessen. Für Sicherheitsstrategen ist das Land ein willkommener Pufferstaat zu den in Südkorea stationierten US-Truppen. Gleichzeitig hat China weitgehend exklusiven Zugang zu Nordkoreas wirtschaftlichen Ressourcen: Chinesische Firmen bauen Rohstoffe ab, betreiben Häfen und nutzen die billigen Arbeitskräfte. Ausserdem hat China ein Interesse daran, Nordkoreas Herrschern bei der Bewältigung ihrer internen Probleme zu helfen, weil im Fall einer Hungersnot oder eines Zusammenbruchs des Regimes grosse Flüchtlingsströme nach China drängen könnten.

Dass das allerdings gute Gründe sind, um Nordkorea die Stange zu halten, wird auch in China zunehmend bezweifelt. Der einflussreiche Wissenschafter Yu Jianrong von der Staatlichen Akademie für Sozialwissenschaften erklärte, der jüngste Atomtest sei Pekings verdiente Strafe für eine falsche Politik. «Wenn man langfristig eine verfehlte diplomatische Linie verfolgt, darf man sich nicht wundern, wenn vor der eigenen Tür eine Stinkbombe explodiert.»

Bernhard Bartsch | 17. Februar 2013 um 08:52 Uhr

 

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