Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die besten Bomben

In China gelten Männer, die Süßigkeiten essen, als degeneriert. Dabei könnten französische Törtchen womöglich den nordkoreanischen Atomkonflikt lösen.

WindbeutelIn meiner Pekinger Nachbarschaft hat kürzlich eine französische Bäckerei eröffnet. Ich bin zweifellos einer ihrer besten Kunden, aber noch häufiger als ich kommen die Diplomaten der nahen nordkoreanischen Botschaft. Wann immer ich meine Mandel- oder Schokocroissants kaufe, sitzen dort mehrere Männer mit den unverkennbaren roten Kim-Jong-il-Ansteckern bei Törtchen und Cappuccino.

Vermutlich bezahlen sie ihren Kaffeeklatsch von den internationalen Hilfsgeldern, die ihr „Geliebter Führer“ mit seinen Atomwaffen erpresst. Aber beim Bäcker ist mir das egal. Dort sehe ich die Nordkoreaner als Leidensgenossen und Verbündete – als Männer, die wie ich gerne Kuchen essen, und damit in China einen schweren Stand haben.

Chinesen halten männliche Süßmäuler für degeneriert. Wenn ich mir nach dem Essen die Frage nach einem Nachtisch nicht verkneifen kann, muss ich mir anhören, ich ernähre mich wie ein kleines Mädchen. In der Regel ist der Blick auf die Dessertkarte in China ohnehin vergeblich. Obwohl die Chinesen sicherlich über die vielseitigste und raffinierteste Küche der Welt verfügen, ist ihre Zivilisation in Bezug auf Süßspeisen kurz nach der Steinzeit stecken geblieben.

Natürlich sehen Chinesen das vollkommen anders. Als ich seinerzeit in Peking studierte und mir in der Pause gelegentlich einen Schokoriegel genehmigte, fragte mich die Dozentin besorgt, ob alles in Ordnung sei. „Wenn Männer Süßigkeiten essen, ist das ein Zeichen für psychische Probleme“, erklärte sie mir. Ich entgegnete, in Deutschland äßen alle Männer Süßes, worauf sie mitleidig nickte. In den folgenden Monaten schnitt mir die Dozentin in regelmäßigen Abständen Zeitungsartikel zu „meinem Problem“ aus. Darin argumentierten Mediziner und Psychologen, Appetit auf Süßes sei bei Männern ein Symptom für eine traumatische Kindheit, mangelnde Zuneigung oder ein zerrüttetes Privatleben. Auf meine Feststellung, die Häufigkeit der Beiträge lege den Schluss nah, dass zuckerinduzierte Männerpsychosen in China offenbar ein besorgniserregender Trend sei, seufzte die Dozentin und murmelte etwas Trauriges über die „Einflüsse des Westens“.

Kann es wirklich sein, dass Süßigkeiten ein Volk seiner Seele berauben und eine Kultur in die Knie zwingen können? In Hinblick auf Nordkorea wäre das eigentlich wünschenswert. Würden die Herrscher weniger die harten Männer markieren und mehr wie kleine Mädchen fühlen, wäre der Atomkonflikt gelöst. Womöglich ist die Bäckerei ja ein Geniestreich französischer Geheimagenten, die Nordkoreas Betonköpfe mit Baisers und Eclairs verweichlichen (und nebenbei die Hilfsgelder einsacken). Jedenfalls wirken die Nordkoreaner im Café wie nette Kerle, die längst kapiert haben, dass französische Kalorienbomben die einzigen Bomben sind, für die man wirklich sterben möchte.

Bernhard Bartsch | 04. Juli 2009 um 15:35 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Mimi

    15. Juni 2012 um 11:38

    Einfach köstlich! Es gefällt mir wie Sie schreiben. Mimi