Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Armut der anderen

Reisbauernhüte sind ein fester Bestandteil des westlichen Chinabilds. Dabei verraten sie mehr über uns als über die Chinesen.

In der Abflughalle des Pekinger Flughafens sehe ich häufig ausländische Touristen, die runde, spitze Bambushüte tragen. Die klassische Kopfbedeckung der Reisbauern gehört zu den beliebtesten Chinasouvenirs, und da die sperrigen Dinger in keinen Koffer passen, bleibt den Reisenden meist nichts anderes übrig, als sie aufzusetzen.

Bei dem Anblick muss ich daran denken, wie ich in der Grundschule einmal selbst einen Chinahut bastelte – aus gelber Pappe, verziert mit Fantasieschriftzeichen. Unsere Klasse führte damals zu Fasching einen Chinesentanz auf. An die Details kann ich mich nicht erinnern, aber wahrscheinlich haben wir Schlitzaugen geschminkt bekommen, kleine Trippelschritte gemacht und einen albernen Tsching-tschang-tschung-Text gesungen, der heutzutage einen diplomatischen Zwischenfall auslösen würde. Doch Anfang der Achtziger war China ja noch ein weit entferntes, fremdes Land.

Inzwischen lebe ich seit zehn Jahren dort und reise viel durchs Land. Die Reisbauernhütebegegnen mir allerdings fast ausschließlich bei Touristen. Die meisten chinesischen Bauern tragen heutzutage lieber Baseballkappen oder geflochtene Cowboyhüte. Trotzdem ist der spitze Hut ein fester Bestandteil des westlichen Chinabilds. In ihm manifestiert sich unsere romantische Vorstellung, dass es erfüllend sein muss, ein Leben lang mit einem Wasserbüffel ein Reisfeld zu pflügen und dabei Furche für Furche übers Werden und Vergehen zu meditieren. Solche Ideen verdanken wir der europäischen Chinoiseriebegeisterung des 19. Jahrhunderts und Brechts berühmtem Schulbuchgedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. Brecht war eben nie in China. Und außerdem Idealist, nicht Journalist.

Seit einiger Zeit sehe ich die spitzen Hüte am Flughafen übrigens auch in der Ankunftshalle – auf den Köpfen von chinesischen Touristen. Sie kommen aus Vietnam, Kambodscha oder Laos zurück und haben in den noch unterentwickelteren Nachbarländern offenbar die gleiche Rückständigkeitsidylle genossen, die Westler in China suchen. Armut kann so schön sein – solange es die Armut der anderen ist.

Bernhard Bartsch | 26. November 2009 um 18:01 Uhr

 

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