Bernhard Bartsch

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„Deutsche Medien sind die arrogantesten“

China feiert seinen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse als gelungene Kulturpolitik – trotz angeblicher Sabotageversuche von Medien und Dissidenten.

„Wenn Barack Obama nach China kommt und unser Präsident empfängt am gleichen Tag Osama Bin Laden – was würden die Amerikaner dann von uns denken?“ Mit diesem Vergleich formuliert ein chinesischer Blogger seinen Ärger darüber, dass die Frankfurter Buchmesse neben Chinas offizieller Delegation auch Kritikern und Dissidenten ein Forum gegeben hat. „Auch wenn China in Sachen Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie noch viel verbessern muss, sollte es sich nicht die Methoden des Westens abschauen.“

Solche Kommentare lesen Pekings Politiker zweifellos gerne. Sie zeigen, dass die Berichterstattung der Staatsmedien über Chinas Ehrengastauftritt bei der weltgrößten Buchmesse Erfolg hatte. Einerseits feiert die Volksrepublik ihre Präsentation als gelungene „Kulturolympiade“, andererseits sieht sie sich wieder einmal als Opfer feindlicher ausländischer Kräfte.

So wirft ein Artikel auf der Website der parteinahen Volkszeitung deutschen Medien vor, „China boshaft kritisiert“ zu haben. Diese seien „von allen europäischen die arrogantesten und sarkastischsten“, sagt der Politologe Zhao Guojun von der Akademie für Sozialwissenschaften in Shanghai. „Einige Medien haben China vor der Eröffnung Ärger bereitet und damit unharmonische Signale für die chinesisch-deutschen Beziehungen gesendet.“ Die für ihre nationalistischen Positionen bekannte Zeitung „Huanqiu Shibao“ moniert, deutsche Politiker und Organisationen würden „mit den Wörtern Demokratie und Freiheit ihre Spiele betreiben“ und „Dissidenten als Requisiten einladen“. Mit der Auswahl der Gäste habe der Westen seine „Engstirnigkeit“ unter Beweis gestellt.

Peking bewertet seinen Auftritt als Erfolg. Bis zum Abschluss der Fachbesuchertage seien 882 Lizenzverträge für den Export chinesischer Titel unterzeichnet worden, mehr als je zuvor, erklärte Zhang Fuhai, Mitglied der chinesischen Delegation. Im Gegenzug erwarben die 223 in Frankfurt anwesenden chinesischen Verlage Rechte an 1 310 internationalen Werken. Das sieht man in Peking als Zeichen dafür, dass China weltoffen, die Welt aber weniger chinaoffen sei. Nach offiziellen Angaben sind in der Volksrepublik in den 60 Jahren ihres Bestehens über 100 000 ausländische Bücher übersetzt worden, weitaus mehr als umgekehrt. „Die Deutschen müssen noch sehr fleißig sein“, schreibt die Volkszeitung.

Mit besonderer Genugtuung berichten Chinas Medien darüber, dass der niederländische Wissenschaftsverlag Elsevier in Frankfurt die englische Übersetzung zweier Bücher des ehemaligen chinesischen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin präsentiert hat. Elseviers Geschäftsführer habe in einem Interview bekannt gegeben, „dass die beiden Bücher großen Einfluss auf Führungspersönlichkeiten in aller Welt haben werden“, meldete die offizielle Nachrichtenagentur. Chinas stellvertretender Staatspräsident Xi Jinping brachte Jiangs Werke „Zur Entwicklung der chinesischen IT-Industrie“ und „Forschung zu Energiefragen in China“ als Gastgeschenk für Bundeskanzlerin Angela Merkel mit. Bei der Übersetzung drängt sich allerdings der Verdacht auf, das der Wissenschaftsverlag Jiangs Bücher nicht zuletzt aus strategischen Gründen ins Programm genommen hat, um seine Expansion auf dem chinesischen Markt zu unterstützen.

Kontrovers wird Chinas Gastlandauftritt dagegen in einigen chinesischen Internetforen diskutiert. Der Blogger Yan Changhai erklärte: „Auf der Buchmesse kann man zwei Chinas sehen: die offizielle Delegation und die Dissidentenschriftsteller. Beide treten gleichermaßen selbstbewusst auf, aber zwischen ihnen gibt es keinerlei Kommunikation.“ Für Kritik sorgte besonders die Auswahl der offiziellen Schriftstellerdelegation, die zum Großteil aus relativ unbekannten Propagandaliteraten besteht. Insbesondere die Auswahl des Dichters Wang Zhaoshan, der in China nach einem geschmacklosen Gedicht über das Sichuan-Erdbeben im vergangenen Jahr zur Spottfigur geworden war, sorgte für Hohn. „Das ist eine Ohrfeige für die chinesische Literatur“, kommentierte ein Internetbenutzer. „Meiner Meinung nach sollten nicht nur die offiziellen Beamtenschriftsteller zu Wort kommen“, meint der Blogger Shan Shibing im Internetforum QQ. „In Wahrheit ist die chinesische Literatur viel lebendiger – das sollte die Welt sehen.“ Ein anderer Internet-User vermerkte lakonisch: „Der Ehrengast ist nicht China, sondern Chinas Kommunistische Partei.“

Bernhard Bartsch | 19. Oktober 2009 um 03:08 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. beowulf

    07. Dezember 2009 um 01:23

    „Sie zeigen, dass die Berichterstattung der Staatsmedien über Chinas Ehrengastauftritt bei der weltgrößten Buchmesse Erfolg hatte.“

    Nein, sie zeigen, dass die deutschen Medien wirklich arrogant sind. Der Artikel von Ihnen ist ein Musterbeispiel dafür.

    Und nein – ich bin kein Chinese.