Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Des Wahnsinns fette Beute

Bill Clinton will in Nordkorea die Freilassung von zwei US-Journalistinnen erreichen. Für Kim Jong-il ist der Besuch ein gewaltiger Propagandacoup.

Der Nordkoreakonflikt nimmt eine unerwartete Wendung: Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton reiste am Dienstag überraschend nach Pjöngjang, offenbar um die Freilassung von zwei inhaftierten US-Journalistinnen zu erreichen. Welche weiteren Verhandlungsaufträge ihm seine Frau, Außenministerin Hillary Clinton, mitgegeben haben könnte, ist in Diplomatenkreisen derzeit Thema heißer Spekulationen. Die Beziehungen zwischen Nordkorea und dem Rest der Welt, insbesondere den USA, sind seit Pjöngjangs zweitem Atombombentest Ende Mai äußerst gespannt.

Für Pjöngjangs Machthaber Kim Jong-il ist Clintons Besuch ein Propagandacoup, den die Staatsmedien nach allen Regeln instrumentalisieren dürften, um den Nordkoreanern die vermeintliche Macht ihres Landes glaubhaft zumachen. So sehr sich Clinton auch bemühen wird, nicht unterwürfig zu erscheinen – bei den Nordkoreaner wird der Eindruck entstehen, der ehemalige US-Präsident begegne ihrem „Geliebten Führer“ mit Anerkennung und Dankbarkeit. Vorab hatte Pjöngjang den Amerikanern sogar das ungewöhnliche Zugeständnis abgerungen, zuerst über die Reise berichten zu dürfen. Kurz vor Mittag Ortszeit meldete die offizielle Nachrichtenagentur KCNA Clintons Ankunft. Seine Entourage wurde am Flughafen von Parlaments-Vizepräsident Yang Hyong-sop und Vize-Außenminister Kim Kye-kwan empfangen. „Ein kleines Mädchen überreichte Bill Clinton einen Blumenstrauß“, hieß es in der Meldung.

Details über Clintons Programm wurden nicht bekannt. Südkoreanische Medien spekulierten allerdings, dass Clinton sicherlich mit Kim Jong-il zusammentreffen werde, über dessen Gesundheit seit Monaten gerätselt wird. Zuletzt hieß es, der 67-Jährige leide unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs, weshalb er begonnen habe, seinen jüngsten Sohn Kim Jong-un als Nachfolger aufzubauen. Bei aller Heimlichkeit der Reise darf allerdings davon ausgegangen werden, dass Clinton kaum ohne vorherige Zusagen für eine erfolgreiche Mission nach Nordkorea gereist sein dürfte. „Ich erwarte, dass die Journalistinnen zusammen mit Clinton ausreisen dürfen“, sagt ein für Nordkorea zuständiger europäischer Diplomat in Peking, der über den Besuch allerdings selbst erst aus der Presse erfahren hatte. Laura Ling und Euna Lee waren Mitte März bei Filmaufnahmen an der nordkoreanisch-chinesischen Grenze unter ungeklärten Umständen verhaftet worden. Pjöngjang warf ihnen vor, unerlaubt in Nordkorea eingedrungen zu sein. Mitte Juni waren sie wegen „schwerer Verbrechen“ zu jeweils zwölf Jahren Arbeitslager verurteilt worden. US-Außenministerin Clinton hatte die Strafe damals scharf kritisiert, aber erklärt, sich durch den Fall nicht politisch erpressen lassen zu wollen. Nordkoreas Staatsmedien hatten sie daraufhin als „komische Dame“ verspottet, die sich auf dem internationalen Parkett nicht zu bewegen wisse und manchmal wirke „wie ein kleines Schuldmädchen“.

Die Reporterinnen arbeiten für den kalifornischen Internet-Filmdienst Current TV, an dem auch Clintons ehemaliger Vize-Präsident Al Gore beteiligt ist. Weder amerikanische Regierungssprecher noch die Familien der beiden Reporterinnen kommentierten den Besuch.

Bill Clinton hatte während seiner Amtszeit mehrfach versucht, Nordkoreas Machthaber zu einer Aufgabe ihrer internationalen Isolation zu bewegen. 1994 schickte er den ehemaligen Präsidenten Jimmy Carter als inoffiziellen Unterhändler nach Pjöngjang. Kurz vor Ende seiner Amtszeit im Jahr 2000 besuchte auch seine Außenministerin Madeleine Albright das Land und stellte Kim Jong-il einen Besuch des US-Präsidenten in Aussicht gestellt, falls dieser zu entsprechenden Zugeständnissen bereit sei, insbesondere der Aufgabe seines Atomwaffenprogramms. Die Verhandlungen waren damals jedoch gescheitert. Womöglich nimmt Clinton sie nun selbst wieder auf.

Kim Jong-il hat von seinem Vater gelernt, mit Kidnapping Politik zu machen. 1968 ließ Kim Il-sung das amerikanische Aufklärungsschiff USS Pueblo kapern, wobei damals wie heute umstritten war, ob die Gefangenen auf nordkoreanischem Territorium gemacht wurden oder dorthin verschleppt wurden. Die 82 Besatzungsmitglieder wurden elf Monate festgehalten und erst freigelassen, nachdem Washington sich für den Vorfall entschuldigt hatte. Die USS Pueblo ist heute eine Touristenattraktion und versinnbildlicht für die Nordkoreaner die angebliche Überlegenheit ihrer Armee. Wie sein Vater dürfte nun auch Kim Jong-il die Freilassung der Journalistinnen als Gnadenakt darzustellen versuchen, ein perfides Stück Realitätsverdrehung, denn im Umgang mit seinem eigenen Volk ist dem Tyrann jede Gnade fremd. Auch ohne Ling und Lee hat Kim noch immer 28 Millionen Menschen als Geiseln und opfert ihr Leben dem Überleben seines zynischen Regimes. Dabei werden die Journalistinnen wahrscheinlich sogar über beste Haftbedingungen berichten, denn Kim wird nicht den Fehler gemacht haben, den Amerikanerinnen Anlass zu geben, Horrorgeschichten über sein Land zu verbreiten. Das wahre Grauen des nordkoreanischen Alltags bleibt dem Blick der Weltöffentlichkeit verborgen.

Sollten die Reporterinnen tatsächlich freikommen, wäre der Besuch allerdings nicht nur für Kim ein Coup, sondern auch für Bill Clinton. Denn auch wenn er nicht in offizieller Mission kommt, dürfte er Kim doch zur Rückkehr zu den Pekinger Sechs-Parteien-Gesprächen oder zur Aufnahme bilateraler Verhandlungen mit Washington zu bewegen versuchen. Womit er seiner Frau wieder einmal die Show stiehlt: Während Hilary Clinton als US-Außenministerin bisher keine überzeugende Figur gemacht hat und zuletzt in Washington abwechselnd kritisiert und verspottet wurde, kassiert den ersten echten Erfolg ihrer Diplomatie ausgerechnet ihr Ehemann.

Bernhard Bartsch | 04. August 2009 um 17:16 Uhr

 

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