Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Wink mit dem Zahnstocher

Immer mehr Nordkoreanern gelingt die Flucht aus einem Land, aus dem es einst kein Entrinnen gab. Im Süden angekommen, sind sie überwältigt von ihrer neuen Freiheit. Und enttäuscht vom Desinteresse, mit dem ihnen ihre Landsleute begegnen.

Kim Yong-sun (Copyright Martin Gottske)Kim Yong-sun ist eine Frau, der man ihre Geschichte nicht ansieht. „Das ist mein großer Stolz“, sagt die 71-Jährige mit einem Anflug von mädchenhafter Koketterie. Wie so oft sitzt sie in der sonnigen Fensternische eines Coffeeshops in Seouls Geschäftsviertel, eine elegante Dame in Seidenbluse, umgeben von jungen Büroangestellten. Kim bewegt sich ganz selbstverständlich in dieser Gesellschaft. Dabei hat sie ihren ersten Cappuccino erst vor vier Jahren getrunken. In Nordkorea gibt es keinen Milchkaffee.

Ihre Geschichte trägt Kim mit sich herum: einen dicken Stapel eng beschriebener Seiten, auf denen sie ihre Memoiren festgehalten hat. „Der Titel lautet: , Die schönste Frau der Welt'“, sagt sie mit einem Lächeln und zieht ein kleines Schwarz-Weiß-Foto aus ihrer Brieftasche. Es zeigt sie mit Anfang 30 im Stil früher Leinwandgöttinnen, mit – womöglich gespielt – schüchternem Blick. Neben ihren Erinnerungen ist das Bild das Einzige, was ihr aus den ersten 64 Jahren ihres Lebens geblieben ist.

Was sie aufgeschrieben hat, ist kurz gefasst Folgendes: 1937 als Tochter eines koreanischen Soldaten geboren, genoss Kim Yong-sun von klein auf die Privilegien, die der Freiheitskämpfer und spätere „Große Führer“ Kim Il-sung den Familien seiner verdienten Veteranen angedeihen ließ (trotz des gemeinsamen Nachnamens ist Kim Yong-sun nicht mit dem bis heute herrschenden Clan verwandt; jeder fünfte Koreaner heißt Kim, was wörtlich „Gold“ heißt). In Pjöngjang durfte sie das staatliche Ballettkonservatorium besuchen und wurde später zu einem der Stars in Nordkoreas Tanzensemble, gemeinsam mit ihrer Jugendfreundin Sung Hae-rim. Gemessen am Elend, das nach den Kriegen gegen die Japaner und die westlichen Alliierten den koreanischen Alltag prägte, lebten die Tänzerinnen in Wohlstand und Sicherheit.

Bis 1968, da erkor der Sohn des Großen Führers, Kim Jongil, die schöne Sung zu seiner Geliebten. „Sie wurde abgeholt, und weder ich noch ihre Familie sahen sie je wieder“, erzählt Kim. „Sungs Mann bekam einfach mitgeteilt, dass seine Ehe geschieden sei.“ Da dem Großen Führer die Schürzenjägerei seines Sohnes missfiel, musste die Beziehung jedoch geheim bleiben, und als Sung zwei Jahre später schwanger wurde, ließ der künftige Herrscher alle Zeugen ihres Vorlebens verschwinden. Kims Mann wurde ermordet, sie selbst kam in ein Straflager. „Anfangs hatte ich keine Ahnung, warum“, sagt sie. „Aber als ich von den Vergehen der anderen Häftlinge hörte, wurde mir alles klar: Einer hatte gesagt, dass der Große Führer einen Pickel am Hals habe, ein anderer hatte versehentlich eine Gipsbüste von ihm fallen lassen und ein dritter eine Zeitungsseite auf den Boden gelegt, auf der Kim Il-sungs Name stand.“

Als sie acht Jahre später freikam, war der Glaube an ihr Land gebrochen, nicht jedoch ihr Lebenswille. Heimlich, aber beharrlich, begann sie nach Fluchtmöglichkeiten zu suchen. 2001, im Alter von 64 Jahren, gelang es ihr durch Bestechung eines Grenzbeamten, nach China zu entkommen. Es dauerte noch einmal drei Jahre, bis Kim, nach einer Odyssee quer durch Asien, die südkoreanische Botschaft in Bangkok erreichte, von wo sie schließlich nach Seoul ausgeflogen wurde. „Ist das nicht ein Filmstoff?“, fragt Kim. Seit Monaten sucht sie einen Verleger. Ohne Erfolg. „Die meisten Menschen hier interessieren sich nicht für uns Nordkoreaner“, klagt sie. „Wenn es nach ihnen ginge, könnte im Norden alles so bleiben, wie es ist.“

Tatsächlich sind die Südkoreaner immer weniger bereit, die Nordkoreaner als Landsleute zu betrachten, für deren Los sie Mitgefühl oder gar Verantwortung empfinden. Denn ein gutes halbes Jahrhundert nach dem Ende des Koreakriegs – und einer Phase dramatischer Entwicklung im Süden und ebenso dramatischer Fortschrittsverweigerung im Norden – sind die beiden Staaten so unterschiedlich, wie es nur geht. Südlich der Demarkationslinie am 38. Breitengrad wird für die Weltmärkte produziert und auf hohem Niveau konsumiert; das Land nördlich dieser Linie gleicht einem stalinistischen Themenpark.

Doch während die Medien rund um den Globus die Meldungen aus dem Reich des sagenumwobenen Diktators Kim Jong-il wie eine anachronistische Realsatire verfolgen, stellen diese Nachrichten für Südkorea eine Existenzfrage dar: Nicht nur Pjöngjangs Atombombenarsenal macht dem Süden Sorge, sondern auch die Aussicht auf einen möglichen Kollaps des Regimes. „Nordkorea ist Ostdeutschland hoch zehn“, sagt Lee Geun, Politologe von der Seoul National University. „Wenn das Land zusammenbräche, müssten wir es auffangen, und alles, was wir seit dem Krieg aufgebaut haben, wäre zerstört.“

Flüchtlinge wie Kim Yong-sun führen den Südkoreanern vor Augen, wie nah das Ende Nordkoreas sein könnte. Obwohl Pjöng jang seine Grenzen nach Kräften abschottet, hat sich in den vergangenen Jahren eine rege Fluchtindustrie entwickelt, die zeigt, wie marode der Machtapparat geworden ist. Tausende fliehen jährlich über die chinesische Grenze, wo ihnen die dortige koreanische Minderheit hilft. 25 000 Überläufer leben heimlich im Norden Chinas, schätzen Experten wie der Russe Andrej Lankov, der in den Achtzigern als einer von wenigen Ausländern in Nordkorea studierte und heute als Professor an der Kookmin University in Seoul unterrichtet. „Die Flüchtlinge arbeiten auf Baustellen, in Fabriken oder Haushalten und sparen sich so das Geld zusammen, für das ein Schlepper sie später nach Thailand, Russland oder in die Mongolei schmuggelt“, erklärt Lankov. „Dort nehmen Südkoreas Botschaften bereitwillig Überläufer auf und fliegen sie aus.“

Inzwischen haben es 15 000 Menschen in den Süden geschafft; allein 2008 wurden rund 3000 Neuankömmlinge registriert, mehr als je zuvor. „Ende der neunziger Jahre waren Desertationen noch eine Sensation, aber heute ist das ein hoch entwickeltes Geschäft“, sagt Lankov. „Das Angebot reicht von Reiseführern, die einem einen schlecht bewachten Übergang durch den Grenzfluss zeigen, bis hin zu VIP-Fluchten mit gefälschten Pässen, Flug-Tickets, Schweizer Konten und allem Drum und Dran.“

Dennoch kann Nordkorea noch immer als das isolierteste Land auf dem Planeten gelten. In keinem anderen Staat werden Nachrichten aus dem Ausland rigider abgeblockt. Radios sind so gebaut, dass sie nur den offiziellen Staatssender empfangen können, und die Mehrzahl der Nordkoreaner dürfte das Wort Internet noch nie gehört haben. Zweifel oder gar Kritik an der offiziellen Linie sind lebensgefährlich. „Bei Widerspruch zeigt das Regime null Toleranz“, so Lankov. „Wer das Falsche sagt, ist innerhalb kürzester Zeit tot, womöglich auch seine ganze Familie.“

Die Exilanten staunen über das Licht. Und dass sich jeder frei bewegen darf.

Doch die totale Kontrolle lässt sich immer schwerer aufrechterhalten. So florieren seit Jahren Schwarzmärkte, und die Korruption unter den Amtsträgern wächst. Pekinger Händler, die mit Nordkoreas Botschaft Geschäfte machen, erzählen, dass wöchentlich mindestens ein Sonderzug mit chinesischen Waren Richtung Pjöngjang fährt. Unter den nordkoreanischen Eliten seien inzwischen ausländische Filme verbreitet, außerdem Handys, mit denen man im chinesischen Mobilfunknetz telefonieren kann. „Die Oberschicht weiß ziemlich genau Bescheid, wie es im Ausland aussieht und wo Nordkorea im Vergleich dazu steht“, sagt Charles Armstrong, Koreanist an der Columbia University in den USA. „Aber solange sie von dem System profitiert, hat sie keinen Grund zu rebellieren, ganz abgesehen davon, dass alle große Angst vor Kims Unterdrückungsapparat haben.“

Auch außerhalb der Nomenklatura verändert sich die Gesellschaft. Seitdem in den Neunzigern eine verheerende Hungersnot zwischen 600 000 und einer Million Menschenleben forderte und das sozialistische Verteilungssystem zusammenbrach, hat sich eine privatwirtschaftliche Parallelwirtschaft entwickelt. Zwar hat Nordkorea nie offiziell Reformen eingeführt, aber trotzdem sind Märkte auf dem Land zu einem wichtigen Versorgungsmechanismus geworden, mit dem das wenige, was es in Nordkorea zu verteilen gibt, etwas effizienter in Umlauf kommt als über die sonst allmächtige Armee.

Eine Studie des Washingtoner Peterson-Instituts für Internationale Wirtschaft kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass die Schwarzmärkte die Anfälligkeit des Landes für eine neue Hungersnot merklich verringert haben. „In der Not haben die Nordkoreaner ihre eigene Form des Kapitalismus erfunden“, sagt Lankov. „Handel und kleine Privatunternehmen entwickeln sich sehr schnell.“ Weil das staatliche Versagen sich so kaschieren lässt, gewähren die Behörden der freien Wirtschaft einen gewissen Spielraum, auch wenn Kims Leitideologie des “ Juche“- oder Selbstständigkeitssozialismus, für den – laut offizieller Propaganda – alle Welt Nordkorea bewundert, an Glaubwürdigkeit verliert.

Yu Hye-sil (Copyright: Martin Gottske)„In meinem Dorf war uns schon seit Langem klar, dass in unserem Land etwas nicht richtig läuft“, sagt Yu Hye-sil, eine 34-jährige Überläuferin, die vor einem Jahr in Seoul angekommen ist. Sie benutzt einen falschen Namen, weil der Rest ihrer Familie noch in dem 700-Einwohner-Ort an der chinesischen Grenze lebt. „Wenn wir von uns aus auf die chinesische Seite schauen, sehen wir Häuser, aus denen Rauch aufsteigt und die nachts beleuchtet sind“, erzählt sie. In ihrer Heimat müssten die Menschen mit Decken vorliebnehmen. Strom gebe es nicht, und das Heizmaterial reiche nur für wenige Stunden am Tag. Dabei liegt Yus Heimat in einem Kohleabbaugebiet, wo die Brennstoffversorgung besser ist als anderswo. Die heimlich gesammelten schwarzen Batzen seien auch die Währung, mit der man auf dem Schwarzmarkt Handel treibe. „Für eine Portion Kohle gibt es eine Schale Mais“, sagt Yu. „Das ist nicht viel, aber bei uns ist man schon froh, wenn man zwei Mahlzeiten am Tag hat.“

Um auf die helle Seite des Lebens zu kommen, beschloss die Familie, dass Yu die Flucht nach Südkorea versuchen und dann zunächst ihren Sohn und später andere Verwandte nachholen sollte. Sie war nicht die Erste in ihrem Dorf. „Es gab einen Kontakt zu einem Schlepper, der die Flucht organisieren konnte.“ Da sie als vertrauenswürdig galt, musste sie keine Vorkasse leisten, sondern versprechen, nach ihrer Ankunft in Seoul einem Mittelsmann 4000 Dollar von dem Geld zu geben, das die südkoreanische Regierung den Flüchtlingen als Starthilfe schenkt.

Zusammen mit acht anderen Überläufern wurde sie an einem bestochenen Beamten vorbei über die Grenze geschmuggelt und dann in Etappen auf Lastwagen Richtung Südchina gebracht. Die Führer wechselten sich ab. Das Gebirge an der Grenze zu Vietnam überquerte die Gruppe zu Fuß, schlug sich dann nach Kambodscha durch und erreichte sechs Monate nach ihrem Aufbruch die thailändische Hauptstadt. „Wir hatten die ganze Zeit panische Angst, entdeckt zu werden“, sagt Yu. „Erst als wir in der Botschaft waren, fühlten wir uns sicher.“

Aus einer Welt entkommen, in der die Zeit seit Jahrzehnten stillsteht, sah sie zum ersten Mal in ihrem Leben moderne Autos, Häuser und Geschäfte, schaute ihren ersten Fernsehfilm, trank ihren ersten Softdrink und trug ihre ersten Turnschuhe. Den stärksten Eindruck machten die Städte auf sie. „So viel Licht, und die Menschen können einfach laufen, wo es ihnen gefällt.“ In Nordkorea brauchte sie bereits zum Besuch des Nachbardorfes eine Sondergenehmigung.

Umso größer war der Schock, als Yu nach ihrer Ankunft in Seoul direkt vom Flughafen in ein geschlossenes Lager gebracht wurde. Jeder Neuankömmling steht zunächst im Verdacht, ein Spion zu sein. „Vier Wochen lang wurde ich täglich verhört und musste immer wieder die gleichen Sachen erzählen“, sagt Yu. Als die Geschichte ihrer Herkunft akzeptiert war, wurde sie in ein Wohnheim verlegt und zu einem Umorientierungsprogramm geschickt, das den Nordkoreanern die Grundlagen des modernen Lebens beibringen soll. Sie lernen, wie man mit der U-Bahn fährt, im Supermarkt einkauft und elektrische Geräte benutzt. Sie bekommen gezeigt, wie man ein Konto eröffnet, ein Telefon anmeldet und sich um einen Job bewirbt. Ihnen wird erklärt, was in der Zeitung steht und wann man sich an die Polizei wendet.

„Die meisten Flüchtlinge sind zuerst überwältigt, dann überfordert und fallen schließlich in ein großes Loch“, sagt Kim Sanghun, ein südkoreanischer Menschenrechtsaktivist, der sich in Seoul um Nordkoreaner kümmert. Zwar stellt der Staat den Überläufern eine Wohnung, ein monatliches Grundeinkommen in Höhe von rund 300 Euro und versucht, sie in Arbeit zu bringen.

Aber nur wenige finden eine geeignete Anstellung. So schickte das Arbeitsamt etwa die ehemalige Bäuerin Yu mangels eines passenden Jobs als Beschäftigungstherapie zu einem Fortbildungskurs in Textildesign, auch wenn sie in dieser Branche nie ernsthafte Chancen haben dürfte. Als Kellnerin oder Putzfrau will Yu allerdings auch nicht arbeiten. „Ich hoffe auf die Möglichkeit eines guten Einkommens“, sagt sie. Denn nur wenn sie genug verdient, kann sie es sich leisten, ihr Kind nachzuholen.

Kim Sang-hun (Copyright: Martin Gottske)„Wie orientierungslos viele Nordkoreaner sind, kann man daran sehen, dass man häufig welche von ihnen auf der Straße in Designerkleidung betteln sieht“, so der Helfer Kim Sang-hun. „Sie haben nicht gelernt, mit größeren Summen umzugehen, und kaufen sich am Anfang des Monats teure Kleidung, sodass sie schon nach ein paar Tagen nichts mehr zu essen haben.“ Auch Anschluss finden nur die wenigsten; viele Südkoreaner begegnen den Nordkoreanern mit Ablehnung. Lediglich von den Kirchen – fast die Hälfte der Bevölkerung sind Christen – gibt es Unterstützung. „Aber selbst die Christen gehen oft lieber als Missionare nach Afghanistan, als ihren Brüdern und Schwestern aus dem Norden zu helfen“, sagt Kim Sang-hun. „Das ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.“

Ihm geht es um mehr als Nächstenliebe. In Kim Sang-huns Augen begeht das nordkoreanische Regime Verbrechen, vor denen die Südkoreaner ebenso wie der Rest der Welt die Augen verschließen. „Im Norden verhungern Menschen, weil ihre Regierung sich weigert, Hilfslieferungen anzunehmen. Aber weil das Land so verschlossen ist, dass davon keine Bilder an die Außenwelt gelangen, findet diese Tragödie in den Weltmedien auch nicht statt.“

Den Überläufer plagt sein schlechtes Gewissen. Vielleicht tut er aber auch nur so.

Nachdem Kim Jong-il im Herbst 2006 seine erste Atombombe testete, traue sich die Weltöffentlichkeit nicht mehr, offensiv auf seinen Sturz hinzuarbeiten, sagt Kim Sang-hun. Und das sei den meisten Südkoreanern recht, die mit den Problemen ihrer Nachbarn nichts zu tun haben wollten. Der Politologe Lee Geun bestätigt: „Viele Menschen wünschen sich, dass unsere Regierung das Ziel einer Wiedervereinigung eines Tages aus der Verfassung streicht. Bisher traut sich zwar noch kein Politiker, das öffentlich zu fordern, aber vielleicht dauert das nicht mehr lange.“ Der Anfang 2008 vereidigte konservative Präsident Lee Myung-bak hatte zu Beginn seiner Amtszeit bereits einen Versuch unternommen, das Wiedervereinigungsministerium aufzulösen, scheiterte jedoch – allerdings nicht am öffentlichen Protest, sondern am Widerstand der Bürokraten.

Diese Flucht aus der Verantwortung möchte Kim Sang-hun seinen Landsleuten nicht durchgehen lassen. Seitdem der ehemalige Uno-Mitarbeiter vor mehr als zehn Jahren in den Ruhestand ging, arbeitet er mit anderen Aktivisten daran, Nordkoreas humanitäre Lage zu dokumentieren, in der Hoffnung, eines Tages genug Material für eine Klage vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte zu haben. Die Flüchtlinge sind dabei seine wichtigsten Quellen; mehr als 400 hat er bereits interviewt. „Ich bin vielleicht einer von wenigen Südkoreanern, die sich über jeden Neuankömmling freuen. Denn wenn Leute aus der gleichen Region kommen und die gleichen Leute kennen, kann ich überprüfen, wer mir die Wahrheit sagt und wer übertreibt.“

Dies ist auch deshalb notwendig, weil die Exil-Nordkoreaner erkannt haben, dass sich spektakuläre Leidensgeschichten gut verkaufen lassen, insbesondere an japanische Medien. Zwar seien auch die überzogenen Erzählungen oft plausibel und beruhten auf möglichen Ereignissen. „Aber für meine Zwecke brauche ich echte Zeugenaussagen, die auch vor Gericht Bestand haben können“, sagt Kim. Alle für diesen Artikel interviewten Flüchtlinge gehören zum Kreis derer, die Kim als glaubwürdig einschätzt.

Einer seiner Hauptzeugen ist ein schmaler, dabei kräftiger Endvierziger, der sich Gwon Hyeok nennt, aber auch diverse andere Namen benutzt. Auf der Straße trägt er stets einen Hut und eine Brille, die er jedoch ablegt, sobald sich die Zimmertür hinter ihm schließt. „Es gibt in Seoul eine ganze Reihe von nordkoreanischen Geheimagenten, die Deserteure liquidieren sollen, und ich stehe mit Sicherheit auf jeder ihrer Listen.“ Er kennt ihre Methoden, denn früher war er einer von ihnen, und wer Gwon erzählen hört, erhält eine Ahnung davon, warum sich das Regime in Pjöngjang seit Jahrzehnten an der Macht halten kann.

„Meine Karriere begann mit einem Dummejungenstreich“, erzählt Gwon. Er war 13, als er eines Nachmittags mit seinen Freunden die Schule schwänzte, um ins Kino zu gehen. Da sein Vater der Propagandachef seiner Heimatstadt Kimchaek war, glaubte er, eine Sondervorstellung bekommen zu können. Doch die Angestellten schickten ihn mit einigen Ohrfeigen zurück in den Unterricht. Um sich zu rächen, warf er brennendes Stroh durchs Klofenster. Der Brand konnte zwar schnell gelöscht werden, aber dabei wurden einige Bilder von Kim Il-sung beschädigt. Ein Vergehen, auf das die Todesstrafe stand. Doch da die Familie über beste Beziehungen verfügte, wurde der Junge nach drei Wochen Haft begnadigt und in eine Ausbildungseinheit für Spezialkräfte geschickt, das ein Onkel kommandierte.

„Wer erst einmal Mitglied der Staatssicherheit ist, kommt da nie wieder raus“, sagt Gwon, gibt allerdings auch unumwunden zu, dass er diesen Wunsch in seiner 27-jährigen Laufbahn nie hegte. „In meiner Position stand ich über dem Gesetz und genoss alle Privilegien, die man in Nordkorea haben kann.“ Nicht ohne Stolz lässt er die Operationen Revue passieren, an denen er beteiligt gewesen sein will (zumindest ein Teil davon ist verifizierbar). Mehrfach sei er zu Mordkommandos nach Südkorea und in andere asiatische Länder geschickt worden, ebenso zu Waffenschmuggel und Kidnapping-Einsätzen. In Nordchina habe er Flüchtlinge aufgespürt. Und zudem mehrere Jahre als Aufseher in Nordkoreas „Konzentrationslager 22“ gearbeitet, in dem 35 000 Häftlinge leben sollen, teilweise bereits in dritter Generation.

Gwon Hyeok (Copyright Martin Gottske)„Das Camp ist die Hölle auf Erden“, sagt Gwon. Die Insassen arbeiteten in Minen und auf Feldern, mit einem Minimum an Verpflegung. Wer zu fliehen versuche oder den Gehorsam verweigere, werde öffentlich hingerichtet. Auch humanbiologische Experimente seien an der Tagesordnung. „Ich war dabei, als Giftgas an Menschen getestet wurde“, sagt Gwon. Über den Umgang mit weiblichen Insassen und Untergebenen berichtet er ebenfalls bereitwillig. „Wenn mir eine Frau gefiel, habe ich sie mir genommen“, erzählt er. „Ich hatte uneingeschränkte Macht über das Leben anderer Menschen, und ich habe das sehr genossen.“

1999, während eines Einsatzes in Peking, habe Gwon den Tipp bekommen, nicht in die Heimat zurückzukehren. „Wegen einer Frauengeschichte.“ So sei ihm keine andere Wahl geblieben, als in Südkorea Schutz zu suchen. Dort weiß man mit dem Überläufer aber offenbar nichts anzufangen. Auf seiner Visitenkarte firmiert er als Präsident einer Handelsfirma, aber in Wirklichkeit ist er nur ein Strohmann seiner Geschäftspartner, die Verantwortung für zwielichtige Geschäfte auf ihn abwälzen wollen. Mehrfach habe er daran gedacht, sich als Söldner in Pakistan zu verdingen oder im Irak als Personenschützer zu arbeiten. „Nordkoreaner haben in diesem Milieu einen guten Ruf, weil wir gut ausgebildet sind und unsere Fäuste einzusetzen wissen.“

Doch er habe, so sagt er, Skrupel. „In Südkorea wurde mir allmählich bewusst, was für fürchterliche Dinge ich getan habe. Wer in Nordkorea Macht hat, unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse, sondern nur zwischen Nutzen und Schaden. Das ist eine ganz und gar verrottete Gesellschaft.“ Es lässt sich schwer einschätzen, wie echt dieses schlechte Gewissen ist. Schließlich macht Gwon keinen Hehl daraus, dass er das Gefühl der Macht gelegentlich vermisst und sich ärgert, heute „für alles bezahlen zu müssen, was ich früher umsonst haben konnte“. Zwar bezeichnet sich Gwon heute als Demokrat und erzählt in Kim Sang-huns Gefolge seine Geschichte. Aber ein gutes Quäntchen Eigennutz dürfte auch dabei eine Rolle spielen. Damit Gwon diesem Interview zustimmte, musste Kim ihm einen Tag lang sein Auto ausleihen. „Viele Flüchtlinge lieben es, einfach übers Land zu fahren“, sagt Kim. „Das gibt ihnen ein Gefühl von Freiheit.“

Die Gruppe der rund 15 000 nordkoreanischen Flüchtlinge könnte eine Kleinstadt bevölkern. Doch eine Gemeinschaft bilden sie nicht. „Die meisten träumen davon, Teil der südkoreanischen Gesellschaft zu werden, und scheitern einsam daran“, sagt Andrej Lankov. „Außerdem gibt es keine Führungsfiguren, hinter denen sich die Nordkoreaner vereinigen könnten.“ 75 Prozent der Überläufer seien Frauen vom Lande und der Anteil echter Eliten sehr gering, schätzt er. Fast keiner sei in der Lage, Ideen beizusteuern, wie Südkorea mit dem Norden umgehen sollte, oder Szenarien zu entwickeln, wie auf einen Kollaps zu reagieren sei. „Die Exilgemeinde ist ganz anders als etwa die russische gegen Ende der Sowjetzeit“, so Lankov. „Sie hat so gut wie keine Intellektuellen und schon gar keinen Solschenizyn.“

Der Wissenschaftler glaubt an die Kraft des Windes und die Macht der Worte

Lee Min-pok ist eine Ausnahme. Jeden Morgen schaut er aus seiner Wohnung am Stadtrand von Seoul nach dem Wind. Weht er in Richtung Norden, setzt er sich in seinen Kleintransporter und fährt zur entmilitarisierten Zone entlang des 38. Breitengrads. Ein paar Kilometer vor dem Sperrgebiet sucht er sich zwischen den Feldern einen Platz, wo er ungestört ist. Er entfaltet einen Plastikschlauch, zwölf Meter lang und vier Meter breit, füllt ihn mit Wasserstoff, befestigt einige Pakete daran und lässt den so entstandenen Lastenballon aufsteigen. „Wenn er die Grenze erreicht, ist er bereits fünf Kilometer hoch, und keiner kann ihn mehr abschießen“, sagt der 50-Jährige. „In zwei bis drei Stunden erreicht er Pjöngjang.“ Unterwegs öffnen sich durch einen ausgeklügelten Mechanismus die Bündel und lassen 60 000 Flugblätter hinabschneien. „Wenn Nordkoreas Soldaten über die Grenze schauen, sehen sie grüne Felder, endlose Autoschlangen und Häuser, die nachts erleuchtet und im Winter beheizt sind“, steht darauf geschrieben. “ Jeder darf gehen, wohin er möchte. Alle Menschen sind frei.“ Lee weiß, welche Macht solche Worte entwickeln können. Vor 18 Jahren hob er selbst ein solches Blatt auf und fasste den Entschluss, aus Nordkorea zu fliehen.

Lee Min-pok (Copyright: Martin Gottske)Lee gehörte damals zur Elite. In der Akademie für Wissenschaften beschäftigte er sich mit der Züchtung von Saatgut und somit auch mit der Frage, warum sein Land immer wieder von Hungersnöten heimgesucht wurde. „An den Pflanzen konnte es nicht liegen und an den natürlichen Bedingungen auch nicht“, wusste er. „Deshalb ging ich davon aus, dass mit unserer Produktionsweise etwas nicht stimmte.“ In einem Dorf begann er, mit Landreformen zu experimentieren. Kaum hatte er den Bauern die Hoheit über ihre eigenen Felder und deren Ertrag gegeben, verfünffachte sich die Ernte. Lee verfasste einen Bericht für Kim Il-sung – und wurde prompt eingesperrt, weil er gegen die wirtschaftlichen Vorgaben der Zentralregierung verstoßen hatte.

„Da habe ich den Glauben an das System verloren.“ Kaum wieder freigelassen, wanderte Lee zu Fuß Richtung Norden und schwamm durch den Grenzfluss nach China. Keine zwölf Stunden später war er wieder zurück in Nordkorea. Chinesische Polizisten hatten ihn verhaftet, zusammengeschlagen und dann an der Grenze des kommunistischen Bruderstaats abgegeben. Drei Monate lang wurde er in einem Lager für Fahnenflüchtige befragt, und er stellte sich darauf ein, entweder erschossen oder in ein Arbeitslager geschickt zu werden.

Doch irgendwie kam der ausgezeichnete Wissenschaftler und einst überzeugte Parteigänger mit der Ausrede durch, er habe in China nur Forschungen betreiben wollen. Man begnadigte ihn. Sobald er wieder Kraft geschöpft hatte, türmte er erneut, versteckte sich ein Jahr in Nordchina und schlug sich dann nach Moskau durch. Aber auch dort war die südkoreanische Botschaft angewiesen, keine Flüchtlinge aufzunehmen, sodass Lee weitere vier Jahre im russischen Untergrund lebte. Erst 1994 – fünf Jahre nach seiner Flucht – wurde er auf Veranlassung des Uno-Flüchtlingshochkommissariats nach Südkorea geflogen.

In Seoul bot man ihm eine Laborantenstelle in einem Forschungsinstitut an. Doch Lee lehnte ab, als er hörte, dass die südkoreanische Armee ihr Flugblattprogramm mittlerweile eingestellt hatte, um Pjöngjang nicht zu verärgern. „Ich war darüber entsetzt, wie leicht die Menschenrechte der Nordkoreaner dem politischen Opportunismus geopfert wurden“, sagt er. Mithilfe von Kirchengruppen und Nichtregierungsorganisationen entwickelte Lee deshalb sein eigenes Flugblattprogramm und schickt jährlich mehr als hundert Ballons los. Neben seinen Zetteln steckt er auch leichte Alltagsgegenstände in die Pakete: Stifte, Papierservietten, Zahnstocher – alles Sachen, die in Nordkorea als Luxus gelten. Die Wirkung bleibt nicht aus. „Pjöngjang hat sich schon 19-mal in Seoul über meine Aktivitäten beschwert“, sagt Lee. „Die Behörden haben versucht, mich zum Aufhören zu zwingen. Aber dazu haben sie kein Recht. Wir leben hier schließlich in einer Demokratie.“

Erschienen in: brand eins, April 2009

Bernhard Bartsch | 30. April 2009 um 11:00 Uhr

 

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