Bernhard Bartsch

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Der Zug fährt jetzt ab

Deutsche Bahntechnikhersteller hoffen auf das Chinageschäft. Doch die Chinesen wollen selbst Züge exportieren und werden zu ernstzunehmenden Konkurrenten.

China plant einen gewaltigen Ausbau seines Schienennetzes – und die Bahntechnikhersteller in Deutschland rechnen sich Chancen für neue Großaufträge aus. Mit Siemens Mobility und Bombardier Transportation haben zwei der weltgrößten Branchenunternehmen ihren Sitz in Deutschland. „Wir denken, dass wir das Know-how haben, um aus China weitere Aufträge zu erhalten“, sagte ein Siemens-Sprecher der Berliner Zeitung. Bisher habe Siemens 60 Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ Velaro, dem ICE-3-Nachfolger, an die Chinesen verkauft. Hinzu komme eine Vereinbarung über die Lieferung von 100 Velaro-Antriebskomponenten. „Die ersten Antriebe werden jetzt geliefert.“ Neben weiteren Aufträgen im Hochgeschwindigkeitsbereich erhoffe man sich „Aufträge für die Streckenelektrifizierung und Betriebsleittechnik“, heißt es bei Siemens. Ähnlich optimistisch gibt man sich bei Bombardier Transportation. „Wir sind in China inzwischen an drei Joint Ventures beteiligt und besitzen mehrheitlich fünf weitere chinesische Firmen“, beschreibt ein Sprecher die wichtige Rolle, die China für das Unternehmen spielt.

Was Chinas Eisenbahnplaner auf ihren Reißbrettern haben, ist eines der größten Infrastrukturprojekte aller Zeiten – und damit einer der größte Märkte in der Geschichte der Eisenbahnbranche. Bis 2025 sollen allein für Hochgeschwindigkeitszüge, die schneller als 250 Stundenkilometer fahren können, Trassen mit einer Gesamtlänge von 20.000 Kilometern gebaut werden. Unter anderem soll eine Hauptlinie die wirtschaftlich prosperierende Ostküste verbinden und von Dalian im Norden bis auf die südchinesische Insel Hainan reichen. Neben Hochgeschwindigkeitszügen soll auch neues Zugsystem mit einer Reisegeschwindigkeit von rund 200 km/h aufgebaut werden, das vor allem für den Güter- und Regionalverkehr gedacht ist und helfen soll, das riesige Land zu einem logistisch effizient vernetzten Wirtschaftsraum zusammenzuschweißen. Allein in den kommenden sechs Jahren will die chinesische Regierung 3,7 Billionen Yuan (445 Milliarden Euro) investiert, berichtet die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua.

Allerdings wollen die Chinesen sicherstellen, dass von den Mammutplänen in erster Linie die einheimische Wirtschaft profitiert. Chinas Eisenbahnhersteller haben inzwischen mit ausländischen Partnern eigene Hochgeschwindigkeitszüge entwickelt – und zwar parallel mit Deutschen, Franzosen und Japanern. Der vergangenen Dezember vorgestellte „Zidan“ (wörtlich: Geschoss), erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 350 Stundenkilometern. Bei Siemens und Bombardier macht man sich daher keine Illusionen, dass ein großer Teil der Aufträge aus China im Land der Mitte realisiert wird. „Die Zeiten, in denen wir an China komplette, fertige Züge verkauft wurden, sind vorbei“, kommentierte der Siemens-Sprecher. Dennoch könnten deutsche Werke Aufträge aus China erhalten: Bei Drehgestellen, Antriebskomponenten oder auch Betriebsleittechnik zum Beispiel habe Siemens „noch immer einen technischen Vorsprung“. Solange dies der Fall sei, würden deutsche Werke weiter von den Aufträgen aus China profitieren – wenngleich der Anteil zunehmend schrumpft. „Zahlreiche Engineering-Leistungen kommen weiter aus Deutschland“, heißt es auch bei Bombardier. Unter anderem liefere Bombardier bis zum Jahr 2014 an China 80 Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ Zefiro 380. „Wir produzieren die Züge dort, aber mit Engineering-Leistungen sind auch 150 Ingenieure aus unserem Werk in Hennigsdorf beschäftigt.“

Allerdings ist es nur eine Frage der Zeit, bis deutsche und andere ausländische Unternehmen in China vor eine strategisch heikle Entscheidung gestellt werden: Sollen sie sich mit ihren chinesischen Jointventure-Partnern gemeinsam um Projekte in Drittländern bemühen – und damit ihren Heimatstandorten Konkurrenz machen.  Immerhin haben die chinesischen Gemeinschaftswerke hohe Kapazitäten und profitieren von Chinas niedrigen Löhnen. Und die Chinesen machen keinen Hehl daraus, dass sie ihre Eisenbahnen künftig auch exportieren wollen. Begonnen haben sie bereits: In weiten Teilen Afrikas ist die Volksrepublik bereits seit drei Jahrzehnten der führende Lieferant von Eisenbahntechnik, darunter in Tansania, Nigeria und dem Sudan. Auch zahlreiche asiatische Staaten kaufen Trassen und Züge von den Chinesen. Zuletzt erhielt ein chinesisches Konsortium im vergangenen November einen 2,3-Milliarden-Dollar-Auftrag in Malaysia, um eine 250 Kilometer lange Strecke zwischen den Städten Johor Baru und Gemas zu bauen. Der Durchbruch in den westlichen Industriestaaten könnte ausgerechnet in den USA kommen, wo Präsident Barack Obama als Teil seines Konjunkturpakets den Bau von 13 Hochgeschwindigkeitsstrecken in 31 Staaten anschieben will. Die Chinesen Staatsunternehmen wollen dort im Konsortium mit GE antreten. Ein entsprechendes Kooperationsabkommen existiert bereit, und auch politische Rückendeckung scheint es zu geben, nachdem die Präsidenten beider Länder im vergangenen Herbst ein gemeinsames Plädoyer für „mehr technologische Zusammenarbeit“ abgaben. Analysten der japanischen Investmentbank Nomura trauen den chinesischen Bahntechnikfirmen zu, außerhalb von China einen Weltmarktanteil von zehn Prozent zu erobern.

Bisher schließen Siemens’ Verträge mit seinen chinesischen Partnern einen Export der gemeinsamen Entwicklungen aus. Angesichts der chinesischen Ambitionen befürchtet der Chef des Instituts für Bahntechnik Berlin, Peter Mnich, dass die Bahntechnikbranche in Deutschland künftig weitere Kompetenzen nach China verlieren könnte. Während die Chinesen riesige Projekte verwirklichen würden, „verharrt Deutschland bei gerade einmal 900 Kilometern ICE-Strecke, die nicht einmal zusammenhängend ist“, kritisierte der Bahnexperte. Dabei seien viele Bahnverbindungen in Deutschland völlig unbefriedigend, wie zum Beispiel die Strecke von Berlin nach Dresden, die noch weiter bis nach Prag, Bratislava und Budapest ausgebaut werden könnte. Ebenso vernachlässigt werde die Verbindung Berlin-Warschau. „Wenn wir keine Projekte im eigenen Lande haben, werden wir in Zukunft auch in der Bahntechnik die Technologieführerschaft verlieren“, warnte Mnich.

Von Bernhard Bartsch und Peter Kirnich, Berliner Zeitung, 14.Juni 2010

Bernhard Bartsch | 14. Juni 2010 um 04:32 Uhr

 

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