Bernhard Bartsch

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Der Wetterfrosch der Erholung

Chinas Konjunktur zeigt weitere Anzeichen der Stabilisierung. Doch die Erholung beruht vor allem auf staatlichen Konjunkturmaßnahmen.

Bei der weltweiten Suche nach konjunkturellen Erholungssignalen spielt China für viele Analysten die Rolle des Wetterfroschs – und gleich zu Beginn des zweiten Halbjahrs sendet die drittgrößte Volkswirtschaft neue Anzeichen für ein mögliches Ende der Krise. Das staatliche Informationszentrum verkündete am Donnerstag, die Talsohle der Konjunktur sei erreicht und die Wirtschaft beginne sich zu erholen, so dass Pekings Wachstumsziel von acht Prozent für das Jahr 2009 erreicht werden könne. Auch die Statistiken des Automarkts, der Exportwirtschaft und des Finanzsektors verzeichneten eine deutliche Verbesserung.

In den vergangenen Wochen hatten zahlreiche Ökonomen optimistische Schätzungen zur chinesischen Konjunktur veröffentlicht. Zuletzt hatte am Mittwoch der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognose für 2009 auf 7,5 Prozent verbessert. Die Weltbank geht aktuell von 7,2 Prozent aus. Dass die chinesische Regierung ihrerseits auf mindestens acht Prozent beharrt, hat vor allem symbolischen Charakter: Die Marke gilt in Peking seit Jahrzehnten als Minimalwachstum, das die Volksrepublik erreichen muss, um die soziale Stabilität aufrecht zu erhalten. Nicht zuletzt deshalb ist die Genauigkeit der chinesischen Daten umstritten, da die Staatsstatistiker jeden Anreiz haben, die Zahlen solange aufzurunden, bis die gewünschte Acht vor dem Komma steht. Derzeit scheint Peking besonders bemüht, positive Nachrichten in Umlauf zu bringen. In einem ungewöhnlichen Schritt, hatte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Donnerstag der für nächste Woche geplanten Quartalspressekonferenz des Statistikamtes vorgegriffen und unter Berufung auf noch unveröffentlichte Daten berichtet, Chinas Wirtschaft sei zwischen April und Juni wieder um nahezu acht Prozent gewachsen, nach 6,1 Prozent im ersten Quartal. Womöglich will die Regierung verhindern, dass die aktuellen Meldungen über die Xinjiang-Unruhen negative Auswirkungen auf das Vertrauen in die chinesische Wirtschaft und Pekings Steuerungsfähigkeit haben.

Denn Experten sind sich einig, dass Chinas Erholungsanzeichen vor allem dem 460 Milliarden Euro schweren staatlichen Konjunkturpaket zu verdanken ist. Peking will Projekte in Bereichen wie Verkehrsinfrastruktur, Energieversorgung, Umweltschutz, Bildung und technologische Entwicklung fördern und den Binnenkonsum ankurbeln, der bisher als Achillessehne der von Exporten und Investitionen getriebenen chinesischen Wirtschaft gilt. Auf dem Automarkt, einem Hauptindikator für die Kaufstimmung der Mittelschicht, scheint die Anreizpolitik zu funktionieren. Im Juni stieg der Pkw-Absatz im Vergleich zum Vorjahresmonat um 48,5 Prozent. Wie der Automobilverband am Donnerstag mitteilte, wurden 874.000 Fahrzeuge verkauft, fast 45.000 mehr als im Mai. Für das Gesamtjahr erhöhte der Verband seine Prognose von 10,2 Milliarden verkauften Fahrzeugen auf mindestens elf Millionen. Vor allem Kleinwagen verkauften sich derzeit gut, hieß es. Die Regierung hatte die Verkaufssteuer auf Pkw mit weniger als 1,6 Liter Hubraum halbiert.

Auch Chinas Bankensektor vermeldete positive Entwicklungen. Im Juni seien fast doppelt so viele Kredite vergeben worden wie im Mai, hieß es am Mittwoch in einer Mitteilung der Chinesischen Zentralbank. Der staatlich kontrollierte Bankensektor habe umgerechnet 161 Milliarden Euro in Umlauf gebracht, gegenüber 70 Milliarden Euro im Vormonat. Inzwischen fließt das Geld in China sogar so leicht, dass die Regierung wieder über Einschränkungen der Kreditvergabe nachdenkt. Blasenbildung an den Aktien- und Immobilienmärkten soll verhindert werden.

Gute Nachrichten gibt es schließlich auch von der Exportfront. China Handelsminister Yi Xiaozhu erklärte kürzlich, im Juni habe es bei den Ausfuhren eine leichte Verbesserung gegeben. Zuvor waren sie sieben Monate am Stück gefallen. Für das erste Halbjahr erlitt China einen Exporteinbruch von 21,7 Prozent.

Bernhard Bartsch | 09. Juli 2009 um 23:36 Uhr

 

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