Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Vorträumer

China feiert einen behindrten jungen Mann, der mit den Füßen Klavier spielt – weil er sich von der Realität nicht seine Träume verderben ließ.

In China geht es derzeit zu wie während der Fußball-WM. „Wo schaust du die nächste Runde“, fragen sich sie Leute, „zu Hause oder in einer Bar?“ Gemeint ist der kommende Sonntagabend, die neue Folge von „China’s Got Talent“ und der zweite Auftritt von Chinas neuestem Volkshelden: Liu Wei.

Der Held ist 23, schmal und trägt eine breitrandige Brille. Er hat die Strubbelfrisur chinesischer Popstars und auch das dazugehörige Lachen. „Ich bin ein glücklicher Mann mit einem interessanten Leben, so wie andere junge Leute auch“, sagt er und strahlt. Es ist dieses Strahlen, das seine Landsleute umgehauen hat. Denn Liu ist behindert. Die Ärmel seines Polohemds hängen leer von seinen Schultern. Im Alter von zehn Jahren verlor er beide Arme, als er beim Versteckspiel an eine Starkstromleitung kam.

Trotzdem spielt er Klavier: mit den Füßen. Bei seinem ersten Auftritt Ende August bewegte er das Publikum mit Richard Claydermans „Mariage d’amour“ zu Tränen und Begeisterungsstürmen. Seitdem macht die Aufnahme im chinesischen Internet Furore, auch im Ausland erhielt sie viel Aufmerksamkeit. Allein die mit englischen Untertiteln versehene Version auf dem Filmportal Youtube, das in China blockiert ist, wurde inzwischen mehr als 1,7 Millionen mal angeklickt. „Ich glaube, man kann auf zwei Arten leben: Entweder man stirbt schnell, oder man lebt schön“, sagt Liu darin und hat damit das Credo der jungen Chinesen glaubwürdiger in Worte gefasst als viele andere Stars, die etwas Ähnliches sagen, aber es nicht leben.

Viele Chinesen träumen heute vom Unmöglichen – und lieben deshalb Geschichten von Menschen, denen es gelingt. „Du musst lernen, selbst zu essen, denn wer soll sich um dich kümmern, wenn du alt bist?“, bläute Lius Mutter ihrem Sohn nach dessen Unfall und der Amputation seiner Arme ein. Tatsächlich könne er heute fast alles alleine tun, erklärt Liu. In seiner Schule war er einer der besten Fußballspieler, er könne essen, sich waschen, im Internet surfen. „Was andere Leute mit den Händen machen, mache ich einfach mit den Füßen“, sagt Liu. „Nur Autofahren kann ich leider nicht.“

Nach seinem Schulabschluss hatte er den Traum, Musikproduzent zu werden. Er nahm Unterricht in Musiktheorie und legte sich auf Anraten seines Lehrers ein Keyboard zu. Dass er daran bald mehr machte, als Harmonien zusammenzusuchen, wussten zunächst nicht einmal seine Eltern. Anfangs holte er sich Krämpfe und Abschürfungen, doch irgendwann konnte er anfangen, richtige Musik zu machen. „Es ist halt mein Hobby und ich habe mir gedacht: Wenn du das willst, dann machst du das auch“, erklärt er. „Keiner sagt, dass man Klavier nur mit den Händen spielen darf.“

Dass seine Möglichkeiten beschränkt sind, kann Liu nicht verbergen. Seine Stücke entsprechen einfachen Vier-Finger-Fassungen, und manchmal haut er daneben. Aber darum geht es nicht – sondern darum, dass er es trotzdem macht. „Musikmachen ist für mich so normal wie Atmen geworden“, sagt Liu. „Ich weiß nicht, warum Menschen immer denken, mein Leben sei schrecklich, nur weil ich keine Arme habe.“

Die Fernsehmacher des Shanghaier Senders „Drachen TV“, der „China’s Got Talent“ produziert, hatten ihren Paul-Potts-Moment sorgfältig geplant. Für die seit Ende Juli jeden Sonntagabend laufende Sendung nahmen sie neben herkömmlichen Gesangs- oder Tanztalenten auch zahlreiche Underdogs ins Programm – etwa die kleinwüchsige Zhu Jie, die das Aussehen eines Schulmädchens mit der Koketterie einer 23-jährigen Frau verbindet und von ihrem ebenfalls kleinwüchsigen Freund vor laufenden Kameras eine Liebeserklärung bekam. Oder der 45-jährige Fahrradmonteur Jiang Renrui, der einen aberwitzigen Automaten bastelte und sich auf den Rücken schnallte, um den Balztanz eines Pfauen zu imitieren. Jiang erklärte, er habe damit seine querschnittsgelähmte Frau zum Lachen bringen wollen – seitdem gilt „Bruder Pfau“ in China als Liebkosung.

Doch niemand inspiriert die Chinesen mehr als Pianist Liu. In Zeitungen und Internetforen tost der Beifall: „Liu Wei hat aus einem schweren Schicksal einen wundervollen Neuanfang gemacht“, schreibt die renommierte Wochenzeitung Nanfang Zhoumo. Das Internetportal Xinlang erklärt Liu zum „Symbol von Stärke“ – er lehre uns, „dass jeder gesund ist, solange er Interessen und Träume hat“. In einem Chatforum hinterlassen die Benutzer Sätze wie: „Menschen brauchen Träume – und eine geeignete Bühne, um sie auszuleben.“ Oder: „Von jetzt an werde ich tun, was ich will und mich nie wieder über etwas beschweren.“ Ein weiblicher Fan kommentierte: „Alles Gute Liu Wei – du hast ja keine Vorstellung davon, wie sehr du die Lebenseinstellung eines gewöhnlichen Mädchens verändert hast.“

Bernhard Bartsch | 10. September 2010 um 03:23 Uhr

 

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