RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Der unendliche Stau

Auf einer chinesischen Autobahn steckten tausende Fahrer seit zehn Tagen fest – und das Land diskutierte wieder einmal den drohenden Verkehrskollaps.

Es war eine der spektakulärsten Staumeldungen in der Geschichte des Automobils: „Chinesische Behörden bemühen sich, einen 96 Kilometer langen Stau zu beenden, der von Peking bis in die nördliche Region der Inneren Mongolei reicht“, berichtete gestern die Tageszeitung China Daily. Aufgrund von Bauarbeiten steckten auf einem Teilstück der Autobahn Peking-Tibet Tausende Fahrer rund zehn Tage lang in einem Dauerstau. An manchem Tag ging der Verkehr nur einen Kilometer voran. Medien berichteten, die Betroffenen, größtenteils Lastwagenfahrer, hätten sich in ihr Schicksal gefügt. Bewohner der benachbarten Dörfer machten mit dem Verkauf von Getränken, Lebensmitteln und Zigaretten ein gutes Geschäft. Das chinesische Staatsfernsehen berichtete deshalb, die Lage sei „im wesentlichen normal“. Die Version hielt nicht, es war doch zu peinlich. Man gab die Baustellen frei, seit gestern rollt es wieder.

Doch in der Öffentlichkeit hat der Superstau die Diskussion über die Verkehrssituation des Landes wieder aufflammen lassen. Chinas Straßennetz ist seit Jahrzehnten eine Dauerbaustelle. Doch egal wie viele neue Autobahnen durch Chinas Städte und Landschaften gefräst werden – es gibt immer mehr Fahrzeuge als Platz auf den Straßen. „Die Peking-Tibet-Autobahn ist ein drei Milliarden Yuan teurer Parkplatz“ ätzte deshalb ein Blogger, während sich die Zeitung Global Times darüber ärgerte, dass der Stau dem Ausland wieder einmal eine Vorlage für Spott über China gibt. „Der zehntägige Autobahnstau ist für die internationalen Medien ein großer Witz“, schrieb die Zeitung und zitierte den US-Fernsehsender CNN, der seinen Zuschauern gesagt hatte: „Seien sie froh, dass sie nicht in China geboren wurden.“ Allerdings ohne zu vermerken dass China auch für amerikanische Autos einer den größten Absatzmärkte ist. Eine neuseeländische Zeitung schrieb: „Wir können abwarten, bis in der Asphaltgemeinschaft das erste Kind zur Welt kommt.“

Viele chinesische Experten sind sich einig, dass nicht nur Baustellen Schuld an der schlechten Verkehrssituation tragen, sondern auch die Fahrer, denen es an Disziplin im Straßenverkehr mangele. Gleichzeitig täten die Behörden zu wenig, um den Fahrern Verkehrsbenimm beizubringen, heißt es. Vergangene Woche sorgte ein Bericht der Nachrichtenseite Guangbowang für Aufsehen, demzufolge Verkehrspolizisten in der Provinz Jiangxi eine innovativen Form der Bestrafung erfunden haben: das Knöllchen-Abo. „Wenn Fahrer einmal 1 900 Yuan (220 Euro) bezahlen, können Verkehrspolizisten ihnen drei Monate lang keine weitere Strafe geben.“ Eine Halbjahres-Pauschale kostet 3 600 Yuan (418 Euro), und für 8 000 Yuan (929 Euro) ist man ein ganzes Jahr lang unantastbar. „Nach der Bezahlung bekommt der Fahrer ein Etikett an sein Auto“, heißt es in dem Bericht, der bezweifelt, ob sich Chinas Verkehrsprobleme mit derartigen Methoden beheben lassen. Offiziell sei die Regelung zwar noch nicht, „aber die Verkehrspolizisten handeln schon danach“. Im Superstau auf der Autobahn Peking-Tibet hätte einen aber auch der Verkehrssünderablass nicht vorangebracht.

Bernhard Bartsch | 26. August 2010 um 03:15 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Dennis

    03. September 2010 um 11:58

    Gab es den Stau nun, oder gab es ihn nicht? Die ARD-Korrespondentin Ariane Reimers hat sich auf dem Weg gemacht und den Stau gesucht… und hat ihn nicht gefunden: http://blog.tagesschau.de/?p=8145http://blog.tagesschau.de/?p=8145

    Gestern berichtet Spiegel von einem neuen, noch längeren Stau: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,715357,00.html

    Was ist nun dran an der ganzen Geschichte? Gibt es den Stau? Gibt es ihn nicht? Wurden einfach alle Staus auf dem Beijing-Tibet Expressway aufaddiert und ist man so auf über 100km gekommen? Weißt du da vielleicht mehr?