Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Stolz der Pekinger

Im Zentrum des Reichs der Mitte prallen Welten aufeinander. Das war vor 700 Jahren nicht anders als heute. Vom Leben in einer unberechenbaren Stadt.

Der Abend des 19. Dezember 1999 war klar und frostig, ein Abend wie gemacht für Bier und Popcorn in der No. 50 Bar. Es war eine der ersten Pekinger Kneipen nach westlichem Vorbild, eröffnet von einem chinesischen Fagottisten, der sich bei einem Autounfall die Finger gebrochen hatte und seine Kreativität seitdem als Geschäftsmann auslebte. Seine Kundschaft bestand zur einen Hälfte aus ausländischen Studenten und zur anderen aus neuerdings wohlhabenden Chinesen, damals noch zwei Gruppen mit vergleichbarer Kaufkraft, die bereitwillig zehn Yuan für ein Bier bezahlten, das im Restaurant um die Ecke zwei Yuan kostete. Ich gehörte zu ersteren. Wir waren zu fünft, Austauschstudenten an der Pekinger Filmakademie, einer Zentralschmiede für Chinas Kreativschaffende, in deren Dunstkreis wir uns für mächtig nah am Puls des neuen China fühlten.

Es war kein gewöhnlicher Abend. Um Mitternacht würde die portugiesische Kolonie Macao nach 112 Jahren an die Volksrepublik zurückgegeben werden, der letzte Flecken Imperialschande aus der Zeit, als die Chinesen nicht Herren über ihr eigenes Reich waren. Seit Wochen hatte das Staatsfernsehen die Nation auf den Moment vorbereitet, da über der Kasinometropole, die oft das „asiatische Las Vegas“ genannt wird, wieder die rote Flagge mit den fünf gelben Sternen wehen würde: mit Liedern, die vor patriotischem Schwulst nur so trieften, und Dokumentarsendungen, in denen China sich erst in der historischen Opferrolle suhlte, bevor als Deus ex machina die Kommunistische Partei erschien. Nun war der Moment der Wiederauferstehung also gekommen, und wie im Rest des Landes beherrschte auch in der No. 50 Bar die Übertragung das Geschehen.

Die inszenierte Feierlichkeit war eine ideale Spottvorlage. „Warum friert man sich für so einen Zirkus den Arsch ab?“, fragte einer aus unserer Runde, als auf dem Bildschirm die bibbernden Volksmassen erschienen, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens das offizielle Feuerwerk erwarteten. „Weil China gleich noch ein paar Nutten, Zocker und Gangster mehr hat“, antwortete ein anderer. Wir hatten genügend Bier gehabt, um uns damit bestens zu amüsieren. So ließ sich die Propaganda ertragen.

Die Sprüche wären wohl wie die meisten Bar-Unterhaltungen in die Vergessenheit abgerauscht, wenn sie an diesem Abend nicht einen kleinen Eklat verursacht hätten. Wenige Minuten vor Mitternacht platzte einer jungen Chinesin am Nachbartisch der Kragen. „Ihr glaubt wohl, ihr seid die Einzigen, die hier Englisch sprechen“, schnaubte sie uns an. „Was versteht ihr schon von China?“ Damit stürmte sie in die Nacht hinaus. Es gab weit und breit keine andere Kneipe, in der sie die Übertragung hätte weitersehen können. So muss sie den historischen Moment in der Kälte verbracht haben, fluchend auf die ausländischen Klugschwätzer, die ihn ihr verdorben hatten.

„Was versteht ihr schon von China?“ Der Satz hallte nach. Es war das erste Mal, dass ich auf den chinesischen Nationalstolz getreten war, versehentlich, wenngleich wohl ziemlich trampelig. Ich hatte zwar eine Idee davon, wie viel den Chinesen ihr Land bedeutet: ihre glorreiche Geschichte, ihre kulturellen Errungenschaften und ihr mühsamer Wiederaufstieg in den vergangenen Jahrzehnten. Ich hatte von chinesischen Bekannten gehört, wie verletzend es für sie war, vom Ausland als „Kranker Mann Asiens“, „Gelbe Gefahr“ oder „Ameisenstaat“ betitelt zu werden. Ich hatte gesehen, dass in Pekings Buchhandlungen patriotische Titel wie „China kann nein sagen“ Bestseller waren. Aber noch nie war mir bewusst geworden, wie empfindsam die Chinesen gegenüber Dingen sind, die meine westlichen Kommilitonen und ich an diesem Abend nur als Kitsch, Pathos und Propaganda gesehen hatten. Zwar versicherten mir später viele Chinesen, wie peinlich auch sie derartige Inszenierungen fanden. Es machte jedoch einen gewaltigen Unterschied, ob ein Chinese oder ein Ausländer sich darüber mokierte. Denn was verstehen wir schon von China?

Ich will jetzt nicht selbst pathetisch werden und so tun, als hätte die kleine Szene vor bald neun Jahren mein Leben verändert – oder mich davor bewahrt, wieder in die Fettnäpfe der chinesischen Empfindsamkeiten zu treten. Aber wenn sie mich eine kleine Lektion gelehrt hat, dann die, dass mit Chinas Patriotismus nicht zu spaßen ist.

Der Stolz aufs „Mutterland“ ist das soziale Bindemittel und hat den Kommunismus schon längst als kulturelle Leitkultur abgelöst. Er speist sich ebenso aus der Besinnung auf Chinas ruhmreiche Geschichte wie aus der Erinnerung an die Demütigungen, die das Land seit dem Opiumkrieg durch die Kolonialmächte erdulden musste. Deswegen solidarisieren sich selbst Chinesen, die der Partei und vielen Entwicklungen ihres Landes kritisch gegenüberstehen, schnell mit ihrer Regierung, wenn sie China vom Westen angegriffen sehen. Was an jenem Abend vor neun Jahren galt, gilt umso mehr heute, da in der Volksrepublik das nächste nationale Großereignis ansteht, ungleich riesiger in der Anlage als seinerzeit die Rückkehr Macaos – und deswegen umso mehr mit Gefühlen, Hoffnungen und Enttäuschungspotenzial aufgeladen.

Es geht um nicht weniger als eine chinesische Relaunchkampagne: Die Olympischen Spiele sollen das ramponierte Ansehen und Selbstwertgefühl der Chinesen wiederherstellen und das Land von der Dritten Welt in die erste katapultieren. Ähnliche Versuche, die Volksrepublik zurück an die Spitze der Entwicklung zu bringen, sind grandios gescheitert, Maos „Großer Sprung nach vorn“ (1958-1961) etwa, oder die „Große Proletarische Kulturrevolution“ (1966-1976). Nun setzt China also auf ein neues Vehikel, eine weltweit erprobte Marketingplattform, die Kommunismus durch Konsum, und Massenmobilisierung durch Massenmedien ersetzt. Kann das gut gehen?

Das Für und Wider der Pekinger Spiele wird seit bald zwanzig Jahren debattiert (Anfang der Neunziger bewarb sich Chinas Hauptstadt vergeblich um Olympia 2000), und die Argumente dürften auch noch nach dem 24. August aufeinandertreffen, wenn das Olympische Feuer wieder gelöscht ist. Vielen im Westen ist die Veranstaltung nicht geheuer: wegen der Menschenrechte, wegen der Einparteidiktatur, wegen der wirtschaftlichen Konkurrenz, aber vor allem auch wegen des neuen chinesischen Selbstbewusstseins. Denn in der Erinnerung aller, die heute leben, ist ein international stark und selbstüberzeugt auftretendes China ein Novum, während es für die Chinesen nur die Rückkehr zu alter Größe ist. Konflikte sind da vorprogrammiert, beabsichtigte ebenso wie unbeabsichtigte. Auf einer historisch angemesseneren Bühne als Peking könnte sich all dies nicht abspielen.

Denn wenn es einen Ort gibt, der in der Lage ist, derartige Konfrontationen auszuhalten und daraus sogar Kraft zu schöpfen, dann ist es die Hauptstadt, die sich im Umbruch befindet, seitdem sie besteht, in der Welten verwachsen, die nie zusammen gehörten und dennoch Teil eines Ganzen sind: Hofkultur und Nomadenleben, ländliche Armut und urbanes Dolce Vita, klassischer Kapitalismus und kommunistische Avantgarde; östliche Tradition und westliche Moderne. Manche Gegensätze lassen sich weich verschmelzen, andere müssen gewaltsam verschweißt werden. Hitze und Funken entstehen in beiden Fällen. Zweifellos sind die Pekinger die mit Abstand stolzesten Chinesen, und die Olympischen Spiele geben ihnen Gelegenheit, endlich wieder die Rolle zu spielen, die ihnen die allerliebste ist: die der Titelhelden der chinesischen Geschichte.

Peking 2008 – Ein Weltreich kehrt zurück.

Seit Jahrhunderten sind sie die Protagonisten der chinesischen Historie, die Besetzung von Chinas glorreichsten Erfolgen und dramatischsten Momenten. „Die Pekinger leben zu Füßen der Kaiser“ besagt ein altes Sprichwort, das die Hauptstädter bis heute gerne verwenden, auch wenn es mit dem Kaiser einst unter nicht ganz rühmlichen Umständen zu Ende ging und es nach herrschender kommunistischer Ideologie alles andere als politisch korrekt ist, nostalgisch von den Zeiten des Feudalismus zu schwärmen. Doch wer könnte den Mitbewohnern der Kaiser vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben? Höchstens der Kaiser selbst. Das hat er oft genug getan.

Der Stolz der Pekinger ist ihre Entschädigung dafür, dass die Geschichte stets ruppig mit ihnen umgegangen ist, eine Geschichte, die das Schicksal des ganzen Landes widerspiegelt, auch wenn die Stadt erst in dem Moment die Führung übernahm, als das im dritten vorchristlichen Jahrhundert gegründete Reich der Mitte seinen 1 500. Geburtstag feierte. 1278 überwand der Mongolenfürst Kublai Khan, Enkel von Dschingis Khan, mit seinen Reitertruppen die chinesische Mauer und machte die bis dahin unbedeutende Niederlassung zu seiner Hauptstadt. 130 Jahre später wurden die Mongolen von der chinesischen Ming-Dynastie wieder aus dem Land geworfen, und Kaiser Yongle formte aus der nomadischen Zeltburg eine Metropole, die sich sehen lassen konnte. Er baute Stadtmauern, Tempel, Parks und im Herzen seinen eigenen Palast mit 9 999 Zimmern. Bis heute sieht die „nördliche Hauptstadt“ – so die wörtliche Übersetzung von Peking – auf dem Stadtplan aus wie das Produkt linealbewaffneter Stadtplaner, die nichts dem Zufall überlassen haben. Von sechs Ringautobahnen sauber eingeschnürt und durch rechteckige Straßenzüge in penible Quadrate unterteilt, liegt sie wie ein Karo-Teppich in der nordchinesischen Steppe, ein idealtypischer Bürokratentraum zur Verwaltung von mittlerweile 16 Millionen Menschen plus eines Riesenreichs.

Die Zugehörigkeit dazu war stets beschränkt. Um sich tumbe Barbaren wie die Mongolen künftig vom Leib zu halten, erhöhten die Ming-Kaiser die große Mauer. Vergeblich. 1644 kam das nächste Reitervolk eingeritten, die Mandschuren. Denen gefiel der kultivierte chinesische Lebensstil, den sie hinter der Mauer vorfanden. So wurden sie erst sesshaft, dann verfeinert und schließlich feist und faul. Nach zweieinhalb Jahrhunderten hatten sie das Reich an den Rand eines Abgrunds gewirtschaftet, in den sie als erste stürzten. 1911 dankte der Kindkaiser Pu Yi ab – das Kaiserreich war zu Ende. Doch Peking blieb das Epizentrum der chinesischen Entwicklung.

Anfang der Zwanziger entdeckte ein geistreicher Bauernsohn namens Mao Zedong in der Bibliothek der Peking-Universität die Ideen von Marx und Engels sowie seinen eigenen Hang zum Pathos. Ein chaotisches viertel Jahrhundert später rief er vom Tor des Himmlischen Friedens mit bebender Stimme die Volksrepublik aus. So gründlich er das Volk umpflügte, so beharrlich beackerte er auch Peking. Aus der malerischen Kaiserstadt mit ihren flachen grauen Häusern, über deren Dächern weit sichtbar die Paläste und Tempel strahlten, sollte ein sozialistisches Proletarierparadies werden. „Zehntausend Schornsteine“ wollte Mao als Zeichen des Sieges der Arbeiterklasse über der Stadt rauchen sehen. Die Beamtenstadt südlich des Kaiserpalasts wurde zu einem gewaltigen Aufmarschplatz eingeebnet.

Das Neue China hatte seine Bühne: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens begann 1966 die Große Proletarische Kulturrevolution, 1976 beweinte das Volk hier den Tod von Mao und dessen engstem Gefolgsmann Zhou Enlai; 1989 setzte Deng Xiaoping gegenüber demonstrierenden Studenten Panzer ein, um den Machtanspruch der Kommunistischen Partei zu bekräftigen. Zwölf Jahre später, im Juli 2001, feierten Zehntausende am gleichen Ort ausgelassen den Zuschlag für Olympia. Sie ahnten nicht, was ihrer Stadt bevorstand.

Denn in den kommenden Jahren wurde Peking von Grund auf überholt. Stadtviertelweise werden die traditionellen Hofhäuser – die sogenannten „Hutongs“ – plattplaniert und von Arbeiterheeren mit Straßen, Brücken und Hochhäusern bebaut. Zehntausende Familien mussten den Mammutprojekten weichen und wurden umgesiedelt, in der Regel mit wenig Mitspracherecht bei der Wahl ihres neuen Wohnorts. Wo es um die Sanierung der ganzen Volksseele geht, muss jeder Einzelne mit seinen Wünschen kürzer treten. Über 20 Milliarden Euro pumpte der Staat in Infrastruktur, Sport- und Wohnanlagen; durch privatwirtschaftliche Investitionen, etwa in den Aufbau des neuen Central Business Districts im Stadtteil Chaoyang, kam noch ein Vielfaches hinzu. Für die internationale Architektenelite war es ein Jubelfest – sie durfte die Wahrzeichen des neuen Peking entwerfen. Sir Norman Foster entwarf einen neuen Flughafen und die Schweizer Herzog und DeMeuron ein Olympiastadion in Form eines Vogelnests. Der Holländer Rem Kohlhaas designte dem chinesischen Zentralfernsehen CCTV einen spektakulären Doppelturm, der statisch zu den anspruchsvollsten Projekten aller Zeiten gehört. Dass Architektur, Macht und nationale Strahlkraft symbiotisch zusammengehören, hat in Peking Tradition: Der Kaiserpalast, die sogenannte „Verbotene Stadt“, war darauf angelegt, denjenigen, die ihn doch betreten durften, mit seinen Höfen und Hallen eine Mischung aus Angst und Ehrfurcht einzuflößen.

Europäische Missionare und Händler schrieben in ihre Heimat, dass Chinas Hauptstadt die vollkommenste der Welt sei.

Nichts anderes wollen die Pekinger in den kommenden Wochen in den internationalen Zeitungen lesen. Die Pekinger waren sich noch nie selbst genug, stets brauchten sie Auswärtige, um ihnen ihre Erfolge zu bescheinigen. Früher waren dies die Beamten, die aus dem ganzen Land in die Hauptstadt berufen wurden, heute sind es die Gäste aus aller Welt, die Peking und damit stellvertretend ganz China bescheinigen sollen, wo es im weltweiten Vergleich steht. Doch aus der Jubelshow wird nichts, denn die Hauptstadt ist ihrem Land ähnlicher, als sie es wohl eigentlich sein möchte: Sie hat ihre Glanzlichter, doch beneiden tut man ihre Bewohner nicht.

Denn die Metropole kann nicht verbergen, dass es in ihr drunter und drüber geht. Sie ist ein wild verwobenes Dickicht aus Träumen, Hoffnungen und Lebensentwürfen, die abwechselnd scheitern und in Erfüllung gehen. Peking ist die Stadt, von der die Chinesen sich ihren ganz persönlichen großen Sprung nach vorn erträumen: früher ein „Bestanden“ in der kaiserlichen Beamtenprüfung, später eine Parteikarriere, heute das große Geld. Für die meisten bleibt freilich nur das kleine. Die Kluft zwischen Pekings Träumen und Wirklichkeiten ist auch vielen Chinesen ungeheuer – und nicht alle können sich mit Hauptstädterstolz über die Widersprüche der Metropole hinwegtäuschen.

Künstler, Intellektuelle und Aktivisten haben Peking in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Facette verschafft, die der Kaisersitz früher nicht kannte: Die Stadt ist zum Zentrum der Subkulturen geworden. Denn das Leben jenseits des Kommunismus hat mehr zu bieten als Komfort und Konsum. Da die meisten heute nicht mehr um ihre Existenz fürchten müssen, gewinnen sie die Freiheit, abseits des Überlebenskampfes auf Sinnsuche zu gehen: in Kunst oder Literatur, in Philosophie oder Wissenschaft, in Natur oder fremden Ländern. In Peking steht dieser Spielraum erstmals in der Geschichte einem großen Teil der Bevölkerung offen, und es sind vor allem die Kinder der Reform-Ära, die ihn zu nutzen wissen. Während ihre Eltern noch die Armut im Nacken spüren und sich Richtung Reichtum flüchten wie in einen sicheren Hafen, kennen ihre Kinder die nackte Not nur noch vom Hörensagen. Damit sind sie unbelastet genug, auf die Idee zu kommen, dass Geld nicht der einzige Weg zum Glück sein muss und Selbstverwirklichung womöglich die bessere Form des sozialen Aufstiegs ist. Deshalb spielen heute in Pekings Bars Rockbands, in Cafés trifft sich die Intelligenzia und in Galerien zeigen sich Chinas neue Maler.

Was etwa in den Ausstellungshallen des Pekinger Szene-Viertels „798“ zu sehen ist, ist weit entfernt von der offiziellen Aufschwungästhetik, mit der die Regierung das Bild der Olympiastadt zu formen versucht: Da sind Unglücks-Szenarien des jungen Malers Zhou Jinhua, gemalt aus der Vogelperspektive, die ihm in allen Lebenssituationen die angenehmste zu sein scheint. Daneben entwirft Chen Ke kindliche Traum- und Alptraumwelten. Wang Jie, der von sich sagt, er wäre wohl zur Luftwaffe gegangen, wenn er nicht Künstler geworden wäre, sucht den Horror im Alltag, in polizeilicher Willkür oder dem kollektiven Strammstehen der jungen Pioniere. Seinem Kollegen Yang Jiang haben es dagegen die frivolen Ikonen der japanischen Manga-Kultur angetan, die er in barocken Rahmen auftreten lässt. Der Pekinger Bildhauer Li Hui produziert in seiner Werkstatt am Rande der Stadt Laserinstallationen und plexi-gläserne Kriegsschiffe, die in ihrem Bauch Buddhas, Skelette oder Atompilze transportieren. Vor seiner Halle steht ein Fahrzeug, das er aus zwei Autofrontteilen zusammengeschweißt hat und das wirklich fährt – wenn man sich denn entscheiden kann, in welche Richtung es gehen soll.

Der 24-jährige Chen Lei gießt seine Heile-Welt-Sehnsucht in die Statue eines Kindes, das aus der Luft ein großer, weiß-wolkiger Eisbär küsst. Im Gegensatz dazu liebt Zhou Yilun wilde Tiger und alles Verruchte. „Ich werde sie zerstören“ steht etwa auf einem Bild, auf dem eine Raubkatze eine Ferkelherde jagt. Zwei Tigern beim Liebesakt hat Zhou den Satz: „Do they enjoy?“ (Macht es ihnen Spaß?) mit auf den Weg gegeben, einem anderen die Warnung: „Überall Gefahr“. Solche Botschaften kommen dem Empfinden der Pekinger gewiss näher als die glatte Propaganda, mit der die Staatsmedien die Stadt derzeit auf Olympia einstimmen.

Doch es gehört zum Stolz der Pekinger, dass sie sich ihre Mühen gegenüber Außenstehenden nicht gerne anmerken lassen. Auch wenn der Wettbewerb wohl noch nie erbarmungsloser, der Erwartungsdruck höher und das Enttäuschungspotenzial größer war als heute, so will sich Peking doch als Stadt des mühelosen Aufschwungs geben. Man sollte es ihr nicht abnehmen, aber für die Zeit der Spiele womöglich trotzdem einmal durchgehen lassen. Denn wie groß die Vorfreude der Pekinger auf „ihre“ Spiele ist, lässt sich nicht übersehen. Sie sind wirklich nicht zu beneiden. Kein Ort der Welt wurde in den vergangenen Jahren von der Welt kritischer unter die Lupe genommen, nirgends wurde jede Straße und jedes Haus penibler inspiziert als bei ihnen.

So auch das kleine Restaurant in meiner Straße. „Sieh mal, wir haben uns auf Olympia vorbereitet“, begrüßte mich dort kürzlich Frau Li, die freundlichste Kellnerin Chinas, die glücklicherweise ausgerechnet bei mir um die Ecke arbeitet. Stolz schob sie mir die Speisekarte hin. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass sie das tat. Eigentlich weiß Frau Li nämlich, was ich gerne esse und fragt einfach ab, was ich diesmal möchte: Tofu nach Art des Hauses, Tomaten mit Rührei, Lamm mit Kreuzkümmel. Nur wenn Frau Li frei hat, bestelle ich von der Karte, aber das ist nicht häufig der Fall. Jetzt musste ich sie mir aber natürlich trotzdem anschauen. Die Speisekarte war neu: Aus der fleckigen, doppelseitig kopierten Menüliste war eine achtseitige Hochglanzbroschüre geworden, in der die Gerichte abgebildet und auf Englisch beschriftet waren. „Donnerwetter“, sagte ich und suchte nach meinen Tomaten mit Rührei. Das Bild war schnell gefunden, aber was stand darunter? „Tomato speculation egg.“ Tomatenspekulationsei? „Tolle Speisekarte“, sagte ich, „aber wer hat das denn übersetzt?“ „Eine Nichte des Chefs spricht sehr gut Englisch“, erklärte mir Frau Li und strahlte noch immer so stolz, dass ich die Sache nicht weiter vertiefte, ihr ihre Freude ließ und mir also ein Tomatenspekulationsei bestellte. Vielleicht habe ich ja doch etwas verstanden. Und wenn nicht, dann war ich hoffentlich wenigstens nett. Das kann man zu Olympia schon mal sein.

Erschienen in: Berliner Zeitung, 2. August 2008

Bernhard Bartsch | 02. August 2008 um 16:40 Uhr

 

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