Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Stellvertreterkonflikt

Der Streit um Nordkorea offenbart die Bruchstellen der neuen Weltordnung.

Nein, diesen Gefallen werden wir Kim Jong-il nicht tun! Mit seinen jüngsten Provokationen – dem Beschuss der südkoreanischen Insel Yeonpyeong und der Präsentation seiner Urananreicherungsanlage – will Nordkoreas Diktator der Welt Angst vor einem neuen Korea-Krieg machen. Er möchte, dass man ihm jeden Wahnsinn zutraut, selbst den Einsatz seiner Atombomben. Denn nur wenn das Ausland Kim fürchtet, macht es ihm die politischen und finanziellen Zugeständnisse, die er braucht, um sein tyrannisches Regime am Leben zu erhalten.

Obwohl der Konflikt am 38. Breitengrad derzeit zu eskalieren scheint, ist Pjöngjangs Kriegsdrohung ein Bluff. Kim Jong-il hat häufig genug unter Beweis gestellt, dass er zwar grausam ist, aber nicht irre, und selbst wenn ihn Alter und Krankheit um den Verstand gebracht haben sollten, so weiß doch immer noch der Rest der nordkoreanischen Herrschaftselite, dass ein Krieg gegen die militärische Übermacht der USA politischer Selbstmord wäre. Auch die Gefahr, die von Kims Atombomben ausgeht, ist zumindest derzeit noch gering, weil Nordkorea über keine geeigneten Raketen verfügt (Pjöngjang könnte höchstens eine sogenannte „schmutzige Bombe“ einsetzen, bei der radioaktives Material mit herkömmlichem Sprengstoff vermischt wird – eine fürchterliche, aber nicht annähernd so verheerende Waffe.).

In Wirklichkeit versucht Kim, der Weltgemeinschaft wieder einmal so sehr lange zur Last zu fallen, bis sie es für das kleinere Übel hält, ihm Zugeständnisse zu machen, statt immer höhere finanzielle und politische Kosten für teure Manöver und diplomatische Zerwürfnisse auflaufen zu lassen. Nordkoreas Spiel mit den Großmächten funktioniert, weil der Streit um Pjöngjangs Atomprogramm zu einem Stellvertreterkonflikt geworden, an dem die Bruchstellen der neuen Weltordnung sichtbar werden: Auf der einen Seite steht die alte Supermacht USA mit ihren Verbündeten Südkorea und Japan, auf der anderen das neue weltpolitische Schwergewicht China, und am Rande erinnert auch Russland an seine Ansprüche. Theoretisch wäre es für die Parteien ein Leichtes, das Pjöngjang-Problem und die menschliche Tragödie der 24 Millionen Nordkoreaner ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Doch die Lösung scheitert an geostrategischen Interessen und nationalen Eitelkeiten.

Bei jeder friedlichen Lösung des Konflikts wären alle großen Mächte Verlierer. Für Washington ist die Verteidigung der innerkoreanischen Grenze die stärkste Rechtfertigung für ihre massive Militärpräsenz in der Region, unmittelbar vor den Grenzen Chinas und Russlands. Müssten sich die USA aus Südkorea zurückziehen, ginge automatisch auch ein großer Teil der Stützpunkte in Japan verloren, die an die Koreamission gebunden sind. Der Gewinner wäre vor allem China, dessen Aufrüstung im Pentagon als die größte Gefahr für die amerikanische Vorherrschaft in Asienpazifik gilt. Auch Südkorea und Japan fürchten ein Erstarken des großen Nachbarn und können sich mit Verweis auf Nordkoreas Atomwaffen bequem unter den Schutzschild der USA zurückziehen, ohne sich offen zu ihrer Angst vor China bekennen zu müssen und damit regionale Spannungen auszulösen.

In Peking macht man sich über dieses Kalkül keine Illusionen. Doch obwohl am in China davon ausgeht, dass es eines Tages zu einem militärischen Konflikt in der Region kommen könnte, soll dieser so lange wie möglich hinausgezögert werden. Denn die Zeit spielt für die Volksrepublik, deren wirtschaftlicher und politischer Einfluss beständig wächst und deren Militär nach Kräften aufholt. Für die Zwischenzeit sind Chinas Generäle froh, mit Nordkorea einen Puffer zu den US-Truppen in Südkorea zu haben. Darüber hinaus ist Nordkorea eine exklusive chinesische Einflusszone: Peking stützt das System mit Hilfslieferungen und diplomatischer Schützenhilfe in internationalen Gremien und erhält im Gegenzug alleinigen Zugang zu Nordkoreas Rohstoffen.

Als dritter im Bunde hat auch Russland Interesse daran, Nordkorea als Pufferstaat zur US-Armee zu behalten. Ebenso wenig will man in Russland allerdings eine Situation herbeiführen, in der Nordkorea ganz an China fallen würde – im Fall eines Zusammenbruchs eine der wahrscheinlichsten Varianten. Die sich zuspitzende Rivalität zwischen China und den USA ist deshalb durchaus im russischen Interesse, und der Nordkoreakonflikt eine Möglichkeit, das Spannungspotential zu erhöhen.

Für Kim Jong-il ist dies eine komfortable Konstellation. Solange sich die Großmächte nicht einigen können, geht der Konflikt, der sein Regime am Leben hält, weiter – ein trauriges Stück Realpolitik.

Bernhard Bartsch | 27. November 2010 um 10:37 Uhr

 

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