Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Sonnensohn und die Eisprinzessin

Wie in einem Shakespeare-Drama liegt Koreas Schicksal in den Händen zweier Diktatorenkinder. Können sie über die Schatten ihrer Väter springen?

Mun Se-gwang war kein Meisterspion. Aber er hatte einen japanischen Pass, eine gute Tarnung für einen nordkoreanischen Agenten. Am 15. August 1974 schmuggelt sich der 22-Jährige mit einem Revolver ins Nationaltheater von Seoul, um Südkoreas Präsident Park Chung-hee zu ermorden. Er nimmt er in einer der hinteren Reihen Platz, und als der Präsident ans Rednerpult tritt, pirscht er sich im Dunkel des Saales nach vorne. Den Revolver in seiner Tasche umfasst er aus Nervosität so fest, dass er versehentlich abdrückt und sich selbst in den Fuß schießt. Während die Bodyguards nach dem Präsidenten hechten, feuert Mun wahllos Richtung Bühne und trifft die First Lady tödlich in den Kopf. Im Verhör gibt Mun später an, keine Ahnung zu haben, von wem der Befehl zu Parks Ermordung ausgeht – ob vom „Großen Führer“ Kim Il-sung oder seinem Sohn Kim Jong-il, der angeblich Nordkoreas Geheimdienste steuert.

Knapp vier Jahrzehnte später hat sich an der Feindschaft zwischen den beiden Koreas wenig geändert, und wie in einem shakespearianischen Königsdrama sind es nun die Kinder der beiden einstigen Herrscher, die das Schicksal der Brudervölker in Händen halten. Im Dezember wählten die Südkoreaner Park Geun-hye, die älteste Tochter des ehemaligen Autokraten, an die Spitze ihres Staates. In Nordkorea hat ein Jahr zuvor Kim Jong-un das Machterbe seines Vaters und Großvaters angetreten.

Das Regentenpaar könnte Mutter und Sohn sein: Park Geun-hye (sprich: Bak Gunn-hjä) ist 60 Jahre alt, Kim Jong-un (sprich: Kim Dschong-un) gerade halb so alt. Beide verdanken sie ihre Positionen ihren Vätern, der monarchisch inthronisierte Kim ebenso wie die demokratisch gewählte Park, die im Wahlkampf mit dem Slogan „Die vorbereitete Präsidentin“ bewusst die Präsidententochterkarte spielte. Werden sie die alte Fehde wieder aufnehmen, oder gemeinsam über die Schatten ihrer Väter springen?

Der Auftakt der politischen Schicksalsgemeinschaft war holprig. Kurz vor der Wahl am 19. Dezember testete Nordkorea eine Langstreckenrakete. Am 12. Februar ließ Kim Nordkoreas dritten Atombombentest durchführen.  Demonstrationen militärischer Macht und atomarer Bedrohung sind seit Ende des Kalten Krieges an die Stelle der einstigen Attentatskommandos getreten, und die Konservative Park erklärte, dass sie sich nicht erpressen lassen werde. In seiner Neujahrsansprache schlug der junge Kim dann aber andere Töne an. Er versprach Reformen und „große Schöpfungen und Veränderungen, die einen radikalen Umschwung bewirken“ würden. Derartige Ankündigungen sind nicht ganz neu, aber dennoch wecken sie Hoffnungen, dass Bewegung in die Beziehungen kommen könnte. Denn sollte Kim es ernst meinen, könnte er in Park eine gute Beraterin und Partnerin finden – eine, die nicht nur mit Reformen Erfahrungen hat, sondern auch mit den Problemen, die diese für Diktatoren darstellen.

Denn ihr Vater Park Chung-hee, ein ehemaliger Grundschullehrer und späterer Karrieresoldat, war alles andere als ein Demokrat. 1961 putschte er sich an die Macht. Seine damals neunjährige Tochter besteht bis heute darauf, dass es sich dabei weniger um einen Coup d’état als um eine „Revolution zur Rettung des Landes“ gehandelt habe. Viele Südkoreaner teilen diese Ansicht, denn unter General Park erlebte Südkorea seine atemberaubende Metamorphose vom bettelarmen Drittweltland zum dynamischen Tigerstaat. Er ließ Infrastruktur bauen, förderte die Exportindustrie und unterstützte die Entstehung großer Firmenkonglomerate wie Samsung oder Hyundai. Auch seine älteste Tochter sollte Teil der Wirtschaftswundermaschine werden. Sie studierte Elektrotechnik, zunächst in Korea, dann in Frankreich, wo sie von der Ermordung ihrer Mutter erfuhr. Sie brach ihr Studium ab, reiste zurück in ihre Heimat und übernahm an der Seite ihres Vaters die Aufgaben der First Lady.

Wenn Park Geun-hye ihre damaligen Erfahrungen heute als politische Lehrjahre darstellt, so waren es nicht nur Lektionen in kluger Wirtschaftspolitik, sondern auch Schulungen in harter Diktatur. 1972 hatte sich Park mit Notstandsgesetzen zum uneingeschränkten Herrscher aufgeschwungen. Demokratieaktivisten und Bürgerrechtler ließ er grausam unterdrücken. 1979 wurde Präsident Park selbst Opfer seines Systems und von seinem Geheimdienstchef erschossen. Seine 27-jährige Tochter verschwand aus der Öffentlichkeit, doch sie blieb eine einflussreiche Strippenzieherin und leitete unter anderem eine mächtige Stiftung, die ihr Vater einst einem reichen Unternehmer abgepresst hatte und die zwei bedeutende Medienhäuser kontrollierte.

Als 1998 die Asienkrise Koreas Aufschwung bedrohte, war Park plötzlich wieder da. Sie wolle ihr Leben wieder dem Volk widmen, erklärte die familienlose Präsidententochter, und ließ sich – den mittlerweile etablierten demokratischen Spielregeln folgend – ins Parlament wählen. Doch sie war nicht mehr die alte. Aus dem Mädchen von einst war ein kühler Politikprofi geworden. In der konservativen Partei stieg sie schnell nach oben. Bald klebten Spitznamen wie „Eisprinzessin“, aber auch „Königin des Wahlkampfs“ an ihr. Wie weit Parks Ambitionen reichten, zeigte sich spätestens, als die Abgeordnete 2002 überraschend nach Nordkorea reiste, um sich mit Kim Jong-il zu treffen. Sie wolle sich für die koreanische Wiedervereinigung einsetzen, erklärte Park. „Versprichst du das?“ soll Kim gefragt haben. „Ja, ich verspreche es“, erwiderte sie.

Ihr künftiger Counterpart Kim Jong-un war damals noch nicht auf der politischen Bühne. Wo er stattdessen war, ist unklar. Medienberichten zufolge soll er seine Kindheit unter falschem Namen in der Schweiz verbracht und eine internationale Schule besucht haben. Er sei älter und größer gewesen als die anderen, berichten angebliche ehemalige Klassenkameraden. Englisch und Schweizerdeutsch soll er gesprochen haben. Im Unterricht war er offenbar keine Leuchte, aber dafür ein begeisterter Basketballspieler, der für Michael Jordan schwärmte. Im Herbst 2000 sei er plötzlich verschwunden. Da war er wohl gerade volljährig.

In den kommenden Jahren müssen sich hinter den Kulissen dramatische Machtkämpfe abgespielt haben. Kim Jong-un war als jüngster Sohn seines Vaters nicht der prädestinierte Thronerbe. Doch sein ältester Bruder Kim Jong-nam schoss sich allerdings berühmtermaßen selbst aus dem Nachfolgerennen, als er sich 2001 mit einem gefälschten Pass am Flughafen in Tokyo festnehmen ließ, wo er angeblich Disneyland besuchen wollte. Ein weiterer älterer Bruder soll wegen schlechter Gesundheit ausgefallen sein. So fiel das Los schließlich auf Jong-un, der ab 2009 intern als neue „Sonne Koreas“ aufgebaut wurde.

So geheimnisvoll Pjöngjangs Regime auch sein mag, so gibt es doch wenig Zweifel, dass die Nomenklatura bestens Bescheid weiß, wie es im Rest der Welt aussieht und wie katastrophal ihr Land im internationalen Vergleich dasteht. Und die Eliten sind längst nicht so arm wie der Rest des Landes. In der Hauptstadt mehren sich seit Jahren die Anzeichen von importiertem Luxus, mit dem die Führung die Systemträger bei der Stange hält. Auf den Straßen fahren schicke Limousinen, Restaurants servieren Sushi und Espresso, in Karaokebars wird westliche Popmusik gespielt.

Was lange heimlich passierte, findet unter Kim Jong-un zunehmend Eingang in die offizielle Propaganda: Der jugendliche Herrscher gibt sich modern, fröhlich und verliebt, offenbar in der Hoffnung, damit im Volk Optimismus und Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Trat der Vater in der Öffentlichkeit bevorzugt als Inspektor von Betrieben, Farmen und Armeestellungen aus, besucht der Sohn lieber Freizeitparks, eröffnet Fitnessstudios und lässt amerikanische Disney-Figuren für sich tanzen. Oft tritt er in Begleitung seiner eleganten Frau auf, angeblich eine bekannte Sängerin. Südkoreanische Medien haben beobachtet, dass sie und Kim sogar die gleiche Uhr tragen, ein Modell einer Schweizer Edelmarke Movado.

Ein nordkoreanischer Herrscher, der sein Leben nach den Idealen südkoreanischer Jugendlicher führt, und eine südkoreanische Präsidentin, die keine Berührungsängste mit Diktatoren hat – könnte es eine bessere Voraussetzung für eine koreanische Annäherung geben? Sicher: Kims Reformen existieren bisher nur als politische Rhetorik und Park hat sich von den diktatorischen Untaten ihres Vaters längst distanziert. Aber der Wille zu einer Annäherung scheint auf beiden Seiten vorhanden, und Park hat Bereitschaft signalisiert, noch einmal nach Nordkorea zu reisen.

Sehen wir also den letzten Akt des innerkoreanischen Dramas? Der prominente Nordkoreaexperte Andrei Lankov, Professor an der Kookmin-Universität in Seoul, bringt es auf den Punkt. „Können wir unter Park eine Ära von Versöhnung und Austausch erwarten?“, fragte er nach der Wahl. „Vielleicht, aber wir sollten nicht den Atem anhalten.“

Erschienen in: Cicero 2/2013

Bernhard Bartsch | 13. Februar 2013 um 08:20 Uhr

 

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