Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der schwere Weg nach Hause

Nordkoreas Fußballer sollten für ihr Land Sympathiepunkte sammeln, doch sie ernteten nur Mitleid. Droht ihnen in ihrer Heimat nun das Arbeitslager?

Es ist einer dieser schwarzhumorigen Scherze, über die man in aller Unschuld lacht, weil man sich nicht vorstellen kann, dass ihre Absurdität bittere Realität sein könnte: Müssen Nordkoreas Fußballer nach ihrem Vorrunden-Aus und der 7:0-Blamage gegen Portugal bei ihrer Heimkehr mit Arbeitslager oder anderen Strafen rechnen? Viele WM-Zuschauer stellten sich spaßhaft diese Frage, in Internetforen war sie ein Running Gag. Dabei könnte sie den nordkoreanischen Mannschaftsmitgliedern allen Ernstes durch den Kopf gehen, wenn sie diese Woche in ihr abgeschottetes Land zurückreisen.

„Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man, es kommt halt nicht immer so, wie man es sich wünscht“, versuchte Trainer Kim Jong-hun nach dem Portugal-Spiel Spekulationen über eine mögliche Rache von Nordkoreas Diktator Kim Jong-il zu entkräften. „Aber weitere Konsequenzen wird es nicht geben.“ Doch schon nach Nordkoreas letzter WM-Teilnahme im Jahr 1966 hatte es Gerüchte über Strafen für die Spieler gegeben – und Kim Jong-il ist seinem damals herrschenden Vater Kim Il-sung in Sachen Unberechenbarkeit und Grausamkeit weit überlegen. Der „Geliebte Führer“ gilt als großer Fußballfan, der den Erfolg seiner Nationalmannschaft als persönliches Anliegen betrachtet. Sicherlich hatte er gehofft, dass die „Chollima“, die „fliegenden Pferde“, Nordkoreas miserables Image in der Welt aufpolieren und für ihr Land viele Sympathiepunkte erringen würden. Doch stattdessen erntete das Team nur Mitleid – und das nicht bloß wegen seiner 12 Gegentore bei nur einem einzigen eigenen Treffer, sondern vor allem auch wegen seiner Herkunft. Kaum ein Volk der Welt ist ärmer dran als die Bewohner des verarmten, rückständigen und isolierten Tyrannenstaates.

Dabei gehört Fußball zu den wenigen Bereiche, in dem Nordkoreas Herrscher seinen Untertanen einigermaßen korrekte Informationen über die Vorgänge im Rest der Welt gestattet. Die Nordkoreaner sind nicht weniger fußballbegeistert als andere Völker, und die überraschende Qualifikation für Südafrika war für das Land ein seltenes Erfolgserlebnis. Trainer Kim erklärte prompt, dass die Qualifikation maßgeblich den taktischen Anweisungen des „Geliebten Führers“ zu verdanken sei. Später behauptete der Coach sogar, sein Herrscher gebe ihm „während Spielen regelmäßig taktischen Rat, mithilfe eines Mobiltelefons, das mit bloßem Auge nicht sichtbar ist“. Da er kaum Scherze auf Kims Kosten machen dürfte, wird seitdem gerätselt, wie viel Wahrheitsgehalt in der Bemerkung steckt. Südkoreanische Medien spekulierten etwa, dass Kim Jong-il nach der respektablen 2:1-Niederlage gegen Brasilien persönlich die offensive – und letztlich fatale – Strategie gegen Portugal befohlen habe. Die Aufstellung habe einfach nicht dem Spiel von Trainer Kim entsprochen, zitierte die Zeitung Chosun Ilbo einen angeblichen Vertrauten des Coaches.

Doch selbst wenn der Diktator nicht selbst die Mannschaftsaufstellung bestimmt haben sollte, wird das Portugal-Spiel dem Herrscher als Propaganda-Debakel in Erinnerung bleiben. Denn nachdem das erste WM-Spiel im nordkoreanischen Fernsehen noch zeitverzögert ausgestrahlt worden war, wurde das Portugal-Match live übertragen – eine für Nordkorea ungewöhnliche Entscheidung, die zweifellos auf höchster Ebene gefällt worden sein muss. So hatten die staatlichen Wahrheitsingenieure keinerlei Möglichkeit, das Desaster gleich mit der dazugehörigen Verschwörungstheorie zu präsentieren.

Ob die Spieler dafür nun persönlich büßen müssen? Wenn Nordkorea, wie von Trainer Kim angekündigt, bei der nächsten Qualifikationsrunde wieder antritt, wird die Welt bald Gelegenheit haben, zu überprüfen, ob die alten Gesichter wieder dabei sind. Und man darf wohl hoffen, dass Nordkoreas oberster Fußballfan mit der Niederlage sportlicher umgeht als sein Vater 1966 mit dem Viertelfinal-Aus gegen Portugal (Damals verspielte Nordkorea eine 3:0-Führung, um schließlich 3:5 zu verlieren – womit Portugal bis in alle Ewigkeit der Angstgegner der „Chollima“ bleiben dürfte.). Kim Il-sung ließ seinerzeit nur wenige Monate nach der WM das nordkoreanische Fußballsystem zerschlagen und die beiden höchsten zuständigen Sportkader stürzen – angeblich wegen ihres kapitalistischen Klassenhintergrundes. 1999 desertierte der ehemalige Teammanager Yun Myong-chan nach Südkorea und berichtete dort, dass die meisten WM-Spieler in Konzentrationslager geschickt worden seien. Fünf Jahre später lief auch der ehemalige Trainer Moon Ki-nam in den Süden über und berichtete ebenfalls von harten Strafen, darunter Zwangsarbeit in Kohleminen. Pjöngjang bestreitet die Vorwürfe und erlaubte daraufhin einem britischen Dokumentarfilmer, einige der Spieler von 1966 zu interviewen (Die auf BBC ausgestrahlte Reportage „The Game of their Lives“ ist in voller Länge auf Youtube zu sehen.).

Man kann nur hoffen, dass Kim Jong-il die Verantwortung für Nordkoreas Isolation und die daraus resultierende mangelnde internationale Erfahrung seines Teams nicht den Spielern zuschiebt. Denn diese sind schon genug geschlagen: Nachdem sie anderthalb Monate den Wohlstand und das freie Leben außerhalb ihres Heimatlandes erfahren konnten, dürfte vielen von ihnen bewusst geworden sein, dass in Nordkorea leben zu müssen bereits Strafe genug ist.

Bernhard Bartsch | 27. Juni 2010 um 19:09 Uhr

 

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