Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der schiefe Turm von Tokio

Das Erdbeben hat Japan in seinen Grundfesten erschüttert. Denn die Naturgewalt hat ein Land getroffen, dem der Glaube an sich selbst zunehmend abhanden kommt.

Der Tokio-Tower steht schief. Mit bloßem Auge würde man es nicht merken, doch dort, wo an anderen Frühlingswochenenden Besucherschlangen darauf warten, die 333 Meter hohe Stahlkonstruktion, eine rotweiße Kopie des Pariser Eifelturms, zu besteigen, steht man an diesem Sonntag vor einem geschlossenen Tor. „Das Erdbeben hat den Turm beschädigt“, erklärt ein Angesellter. „Er sieht zwar in Ordnung aus, aber die Statiker müssen erst einmal überprüfen, ob er tatsächlich noch stabil ist.“ Medienberichten zufolge soll das Gerüst in sich verzogen und die Spitze einen Knick bekommen haben. Wohl nie hat der Tokio-Tower seine Rolle als Wahrzeichen der japanischen Hauptstadt besser erfüllt.

Denn zwei Tage nach dem schwersten Beben, das je in Japan gemessen wurde, scheint die gesamte Bevölkerung in ihren Grundfesten erschüttert zu sein. Obwohl die Mehrheit der Japaner keinen Schaden erlitten hat, erfüllt viele die Sorge, wie ihr Land die Katastrophe überstehen wird – oder ob das eigentliche Desaster womöglich noch bevorsteht, sei es in Form eines nuklearen Super-GAU oder eines wirtschaftlichen Absturzes. Es sind Tage des Fernsehens und Internetsurfens, zumindest dort, wo die Kommunikationsinfrastruktur noch funktioniert. In vielen Gebäuden hat das Beben die elektrischen Geräte beschädigt, die Handynetze sind überlastet, die Internetleitungen instabil. Der Ausfall mehrerer Atomkraftwerke beeinträchtigt die Elektrizitätsversorgung und mit ihr den technologisch hochgerüsteten japanischen Alltag.

In der sonst pulsierenden 35-Millionen-Menschen-Metropole Tokio ist das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen gekommen. Kulturveranstaltungen und Sportwettkämpfe sind für die nächsten zwei Wochen abgesagt worden, auch ein Teil der Geschäfte und Restaurants bleibt geschlossen. Auf den Straßen und in den U-Bahnen herrscht wenig Betrieb. Im Stadtteil Harajuku, wo sich Sonntags sonst die Jugend trifft, sind die Bürgersteige wie leergefegt. „Es ist das erste sonnige Frühlingswochenende, und eigentlich müssten hier die Menschen strömen“, sagt ein Imbissverkäufer, der vergeblich auf Kunden für seine Bratnudeln mit Tintenfisch wartet. „Die meisten bleiben zuhause.“

Dabei sind die Bewohner von Tokio und im dicht besiedelten Süden des Landes größtenteils mit einem Schrecken davongekommen. Zumindest einige wagen deshalb zwei Tage nach der Katastrophe schon wieder eine gewisse Normalität. Im Shinjuku-Park drehen Jogger ihre Runden, eine Hundeschule hält ihren Wochenendkurs ab, Kinder spielen unter einem Glockenturm, der „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ spielt. Auf einem zwischen Stadtautobahnen eingeklemmten Pferdehof nehmen zwei Mädchen Reitstunden. Im Meiji-Schrein, einem der schintoistischen Hauptheiligtümer, finden Hochzeitszeremonien statt.

„Natürlich haben wir diskutiert, ob man an einem Tag wie heute heiraten kann“, sagt ein Gast, während er zuschaut, wie ein Fotograf die traditionellen Gewänder des Brautpaares drapiert. „Aber wem würde es nutzen, wenn die Feier heute abgesagt worden wäre?“ Ein Nachbeben lässt die Erde zittern, doch die Menschen bleiben ruhig. „Nach so einem großen Erdschock fühlt man sich geradezu sicherer, weil die Nachbeben ja nie so schlimm sind wie das vorhergegangene“, sagt der Hochzeitsgast. Vor dem hölzernen Tor des Schreins fegen Angestellte in grauen Overalls penibel die Kieswege, als wäre dies die wichtigste Aufräumaufgabe, die in Japan derzeit zu bewältigen wäre.

Disziplin im Angesicht der Naturgewalten ist in Japan seit jeher Teil der Kultur. Dass in dem Inselstaat jederzeit die Erde beben kann, wissen die Japaner seit Jahrhunderten und sind daher mehr als jedes andere Volk auf den Ernstfall vorbereitet. Schulen und Unternehmen führen regelmäßig Erdbebenübungen durch. In Trainingszentren erleben die Menschen, wie es sich anfühlt, wenn der Boden unter ihren Füßen so stark zu schwanken beginnt, dass man sich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Sie wissen instinktiv, wo im Haus sie sich in Sicherheit bringen können, was nach einem Beben zu tun ist und wie man einen Feuerlöscher bedient. Trotz der erschütternden Bilder von der Zerstörungsmacht des Tsunami, der die Küstenstädte zu schnell erreichte, als dass Zeit für Evakuierungsmaßnahmen geblieben wäre, leben die Japaner zurecht in dem Gefühl, durch ihre Vorsichtsmaßnahmen und erdbebengerechte Bauten zehntausende Leben geschützt zu haben.

Vielerorts dürfte die Vorbereitung auch Massenpaniken verhindert haben. In Tokio wurden tausende Gebäude geordnet geräumt. Da hunderttausende Menschen am Freitag wegen des Zusammenbruchs des Stromnetzes und des Nahverkehrssystems nicht nach Hause fahren konnten, wurden in kürzester Zeit über 1300 Notfallzentren eingerichtet. Sie campierten in Schulsporthallen und Konferenzsälen. Decken, Schlafmatten und Lebensmittel standen schnell zur Verfügung. Die japanische Bürokratie hat gezeigt, was sie kann.

An Bahnhöfen und Flughäfen sorgten Helfer für Ordnung. Techniker arbeiteten vorbereitete Prioritätenlisten ab, um die Infrastruktur schnellstmöglich wieder zum Laufen zu bekommen. Viele Bahnverbindungen waren am Samstag wieder im Einsatz. Selbst als sich die Nachrichten über die drohende Katastrophe in den Atomkraftwerken von Fukushima verbreitete, blieb die Reaktion im nur 250 Kilometer entfernten Tokio besonnen. Zwar kam es vereinzelt zu Hamsterkäufen und einige Menschen flohen in Autos in den Süden. Aber das befürchtete Chaos blieb aus.

Doch das Beben findet nicht nur unter den Füßen, sondern auch im Kopf statt. Obwohl im Fernsehen noch immer die Bilder von Rettungsmaßnahmen laufen, beginnt in Medien und Internetforen bereits die Diskussion über die Frage, in welcher Form die Katastrophe auch über die bisher Verschonten hereinzubrechen droht. Denn die Naturgewalt hat ein politisch und wirtschaftlich durchgerütteltes Land getroffen, dem der Glaube an sich selbst zunehmend schwer fällt. Seitdem Ende der Achtziger die große Immobilien- und Investitionsblase platzte, die Japan nach dem Zweiten Weltkrieg ein unvergleichliches Wirtschaftswunder bescherte, befindet sich Nippon im Dauerkrisenmodus. Auf jeden Hoffnungsschimmer folgte eine erneute Enttäuschung.

Das letzte Fünkchen Aufbruchsstimmung erglomm im August 2009, als die Japaner die seit über 50 Jahren herrschenden Liberaldemokraten aus der Regierung wählten und ihr Vertrauen der Opposition schenkten. Doch auch der Demokratischen Partei gelang der Wandel nicht. In den Tagen vor dem Erdbeben lag ihre Zustimmungsrate für die Regierung von Ministerpräsident Naoto Kan bei weniger als zwanzig Prozent. Noch in den Stunden vor dem Beben hatte er sich gegen Rücktrittsforderungen wegen illegaler Wahlkampfspenden wehren müssen, ein Vorwurf, der erst am vergangenen Wochenende seinen Außenminister um sein Amt gebracht hatte.

Das sind miserable Voraussetzungen, um eine Krise zu meistern, in der politische Nachbeben sicher sind. Japanische Kommentatoren warnen bereits davor, dass dem reellen Tsunami ein wirtschaftlicher folgen wird. Seit Monaten kämpft die Regierung gegen Rezession und Deflation. Alle Versuche, die Konjunktur mit staatlichen Geldspritzen wieder flott zu bekommen, haben bisher nur dazu geführt, dass die Schulden auf immer neue Höchststände geklettert, so dass die internationalen Finanzmärkte inzwischen die Kreditwürdigkeit der drittgrößten Wirtschaftsmacht in Frage stellen. Dabei wird die Regierung für den Wiederaufbau der zerstörten Städte einmal mehr gewaltige Summen aufbringen müssen. Japans letztes großes Erdbeben, das 1995 in Kobe über 6400 Todesopfer forderte und 300.000 Menschen um ihre Häuser brachte, kostete das Land über hundert Milliarden US-Dollar, rund 2,5Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Diesmal scheint die Verwüstung noch größer zu sein.

Dass in dieser Situation auch noch die Stromversorgung beeinträchtigt ist und eine Diskussion über Atomenergie bevorsteht, spitzt die Lage zusätzlich zu. Japan bezieht rund ein Drittel seines Stroms aus Atomenergie. Die Befürworter versprachen stets, dem rohstoffarmen Inselstaat damit zumindest eine gewisse Unabhängigkeit von Kohle, Öl und anderen Energieträgern ermöglichen zu können. Dass kein Erdbeben Japans Atomkraftwerken etwas anhaben könne, war ein nationaler Glaubenssatz, dem viele gerne vertrauten, obwohl die Kraftwerksbetreiber immer wieder wegen manipulierter Störberichte überführt wurden. Sollte Japan den Anteil von Atomenergie zurückgefahren, müsste es mehr Geld für Rohstoffimporte ausgeben – Geld, das eigentlich dringend zuhause gebraucht würde.

Viele Japaner scheinen den Problemen wie gelähmt gegenüberzustehen. Zwei Frauen in Tokios Flanierviertel Roppongi wollen es dabei aber nicht belassen. Sie haben sich an einer Fußgängerampel aufgestellt, um Geld zu sammeln. „Wir wollten nicht vor dem Fernseher sitzen und der Katastrophe zuschauen, sondern etwas für die Betroffenen tun“, erklärt die eine.
„Spenden für die Opfer des Tsunami“ haben sie auf mit buntem Papier bespannte Pappschachteln geschrieben. An wen sie ihre Einnahmen weitergeben wollen, wissen sie selbst noch nicht, aber sie sind sich sicher, dass die Menschen sie brauchen werden. „Ich komme aus Kobe und habe das große Erdbeben von 1995 miterlebt“, erzählt die Spendensammlerin. „Damals hat das ganze Land geholfen, meiner Heimatstadt wieder auf die Beine zu helfen, und genauso müssen wir jetzt den Opfern des Tsunami unter die Arme greifen.“ Die
Straße, an der sie steht, führt zum Tokio-Tower, doch wenige fahren an diesem Sonntag in seine Richtung. In der Ferne ragt er rotweiß in den Himmel. Mit bloßem Auge könnte man ihn für gerade halten. Aber das ist eine optische Täuschung.

Bernhard Bartsch | 13. März 2011 um 17:21 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Jürgen Pesselhoy

    16. März 2011 um 15:25

    Hallo Bernhard,

    ich habe gerade mit Vergnügen Deine Japan-Artikel gelesen. Ich finde, dass Du die Verhältnisse wunderbar auf den Punkt bringst.

    Herzliche Grüße aus Hamburg
    Jürgen

    PS Kleiner Schreibfehler in dem Artikel über den schiefen Turm: Renzension –> Rezession.