Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Der Ritterschlag

Der Künstler Ai Weiwei entlarvt mit klugen Aktionen den chinesischen Unrechtsstaat. Nun wurde er erstmals selbst von einem Polizisten geschlagen.

Ai Weiwei sieht nicht aus wie jemand, mit dem man sich auf eine Prügelei einlassen will. Man traut dem 52-Jährigen beinahe zu, dass er die tonnenschweren Skulpturen, auf denen sein Ruf als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartskünstler beruht, ganz alleine stemmen kann. Aber dann diese Augen! Spätestens Ais Blick dürfte dem Polizisten, der ihn vergangene Woche in einem Hotelzimmer in Sichuans Provinzhauptstadt Chengdu verhörte, verraten haben, dass er bei aller Kraft nicht zu Gewalt fähig ist. Was der schmale Beamte als Einladung verstand, dem Künstler seinerseits einen ordentlichen Kinnhaken zu verpassen.

Es ist das erste Mal, dass Ai direkt die Härte zu spüren bekommt, die China Polizei gegen Kritiker einsetzt, die sich nicht mit geringeren Mitteln einschüchtern lassen. Indirekt erlebt er sie seit Jahren, weshalb er es sich zum Ziel gesetzt hat, die Methoden des Unterdrückungsstaats mit den Mitteln der Aktionskunst zu entlarven. Vergangene Woche hatte er in Chengdu auf die Absurdität des Gerichtsverfahrens gegen den Schriftsteller und Zivilrechtler Tan Zuoren aufmerksam machen wollen, dem „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ vorgeworfen wird, weil er Nachforschungen zum verheerenden Erdbeben von Sichuan im Mai 2008 angestellte hatte: Tan hatte recherchiert, wie viele Kinder damals in unsicher gebauten Schulgebäuden starben. Zusammen mit den Eltern der Opfer warf er den Behörden vor, Baupfusch gedeckt und durch Bestechung davon profitiert zu haben.

Ai, der in den vergangenen Monaten mit Hilfe von Freiwilligen selbst eine Liste der getöteten Kinder erstellt hatte, wollte vor Gericht für Tans Verteidigung aussagen. Doch dann drangen am 12. August, in der Nacht vor dem Prozess, gegen drei Uhr früh rund 30 Polizisten in Ais Hotelzimmer ein. „Ich habe sie nach ihren Ausweisen und ihren Durchsuchungsbefehlen gefragt, aber keine bekommen“, erzählt Ai. „Dann wurde ich geschlagen und beleidigt.“ Der Polizist habe ihm gesagt: „Wenn wir wollen, können wir Dich totprügeln“, berichtet Ai. „Wenn Beamte sich uns gegenüber so benehmen, was machen sie dann erst mit all den Leuten vor Ort, die nicht vernetzt sind?“

Zusammen mit etwa zehn Begleitern wurde er zur Vernehmung abgeführt. Im Lift gelang es ihm, sich und den Polizisten, der ihn eskortierte, über den Spiegel zu fotografieren. Als Ai nach starken Protesten am Nachmittag desselben Tages freigelassen wurde, war die Gerichtsverhandlung gegen Tan bereits vorbei – der angeblich öffentliche Prozess hatte unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Eine seiner Begleiterinnen, Liu Yanping, die ihn bei seinen Recherchen zu den Erdbebenopfern unterstützt hatte, wird allerdings weiter festgehalten. „Ich werde gegen die Misshandlung klagen“, kündigt Ai an.

Zwar dürfte Ai auf juristischem Weg kaum Erfolg haben. Doch im Internet wird nun darüber spekuliert, ob der mediengewandte Künstler und Blogger die Beamten auf andere Weise bloß stellt. Zuletzt hatte er im Juni mit seinem Protest gegen eine neue Software zur Internetzensur Aufsehen erregt. „Die Regierung will ganz allein bestimmen, was in China als gut und schlecht, richtig und falsch gilt“, sagt Ai. „Aber wir lassen uns doch nicht verarschen.“ So veröffentlichte er im Internet Bilder, auf denen er nackt in die Luft springt und sich dabei ein Plüschtier vor den Schritt hält. Ein doppelter Spott: Zum einen mockierte sich Ai über die Schwächen der automatischen Porno-Erkennung des „Grünen Damms“, die viele Nacktaufnahmen durchgehen ließ, dafür aber Bilder von Schwimmern oder Garfield-Comics blockierte. Zum anderen ist das Plüschtier selbst ein Symbol des chinesischen Bloggeraufstands. Denn was aussieht wie ein liebes Pony, ist in Wahrheit ein fiktives Geschöpf namens „Cao Ni Ma“, was wörtlich „Gras-Matsch-Pferd“ heißt, in der Aussprache aber wie ein böses Schimpfwort klingt, das zum Sex mit der eigenen Mutter auffordert – und im Internet nach. Pekings Willen nicht vorkommen sollte. Für den 1. Oktober, den 60. Gründungstag der Volksrepublik, hat Ai außerdem zu einem Fotowettbewerb mit Bildern aufgerufen, auf denen Chinesen ihrem Land den Stinkefinger zeigen. Teile dieser und anderer Aktionen könnten im Herbst auch in Deutschland zu sehen sein: Dann hat Ai Weiwei eine Solo-Ausstellung in München.

Bernhard Bartsch | 17. August 2009 um 02:27 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Verbotene Wahrheiten: In China wurden elf Aktivisten verhaftet darunter der Künstler Ai Weiwei « medienwatch & metainfo (gfok)

    20. August 2009 um 09:13

    […] http://www.bernhardbartsch.de/archiv/der-ritterschlag/. […]