Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der neue Klassenkampf

Stahlarbeiter erschlagen einen Manager, um eine Konzernübernahme zu verhindern. Der Fall zeigt, wie es in vielen chinesischen Unternehmen zugeht.

Die Szene erinnert an die Zeiten des Klassenkampfs: Arbeiter eines chinesischen Staatsbetriebs haben einen Manager erschlagen, der ihr Unternehmen privatisieren wollte und mit Massenentlassungen gedroht hatte. Die Kommunistische Partei ließ die Konzernfusion daraufhin tatsächlich stoppen – doch die Arbeiterführer werden nicht als Proletarierhelden gefeiert, sondern als Kriminelle gesucht.

Zu dem Vorfall kam es am vergangenen Freitag, als tausende Angestellte der staatlichen Tonghua Eisen und Stahl Gruppe im nordostchinesischen Jilin gegen den Verkauf ihres Konzerns an das Privatunternehmen Jianlong demonstrierten. Berichten chinesischer Internetforen und des Hongkonger Informationszentrums für Menschenrechte und Demokratie zufolge hatten die Tonghua-Arbeiter in den vergangenen Monaten nur einen Bruchteil ihres Gehalts ausgezahlt bekommen, weil ihr Unternehmen angeblich tief in den roten Zahlen steckte. Statt wie üblich einen Monatslohn von über 1000 Yuan (100 Euro) zu erhalten, wurden ihnen nur etwa 200 Yuan zugestanden. Das Management soll derweil seine hohen Bezüge weiterhin voll erhalten haben. Das Monatseinkommen des Geschäftsführers wurde mit 300.000 Euro angegeben. Von der anstehenden Privatisierung ihres Arbeitgebers sollen die Angestellten zunächst nur gerüchtehalber erfahren haben. Nach der Bestätigung erzwangen 3000 Arbeiter einen Produktionsstopp und riefen zum Protest auf. Sie warfen der Unternehmensführung vor, absichtlich Schulden ausgewiesen zu haben, um einen Verkauf an einen Privatinvestor rechtfertigen und dafür hohe Bestechungsgelder kassieren zu können.

Als dann der von Jianlong geschickte designierte Tonghua-Chef Chen Guojun auf dem Werksgelände auftauchte, kam es zum Eklat. Chen soll den Angestellten in herablassender Weise erklärt haben, dass 30.000 von ihnen innerhalb von drei Tagen ihren Job verlieren würden. Selbst ein lokaler Polizeivertreter erklärte, Chen sei „desillusionierend und provozierend“ aufgetreten. Daraufhin wurde er von den Arbeitern brutal zusammengeschlagen. Als die Polizei Chen zu Hilfe kommen wollten, drängte die Belegschaft die Beamten zurück. Bei Schlägereien wurden über hundert Menschen verletzt. Als sich am Freitagabend die Nachricht von Chens Tod verbreitete, veranstalteten die Menschen ein spontanes Feuerwerk.

Am Montag ließ die Provinzregierung von Jilin die Übernahme nun einstweilen stoppen. Man wolle „eine Ausweitung des Falls verhindern“, erklärte ein Sprecher. „Die Polizei untersucht den Mord.“ In den Staatsmedien wurden die Ereignisse als „Massenvorfall“ bezeichnet, ein Begriff, der im Allgemeinen für unerlaubte Demonstrationen verwendet wird und zeigt, dass die Regierung keinerlei Sympathien für den Protest hat. In offiziellen Meldungen wurde nur knapp über die Ereignisse berichtet, denn Peking ist darauf bedacht, Informationen über soziale Spannungen auf ein Minimum zu beschränken. In Internetforen wurde dagegen der Vorwurf erhoben, der Fall stehe stellvertretend für die Zustände in vielen chinesischen Unternehmen. „Das Problem steckt im System“, erklärte ein Blogger. Da es in China keine funktionierenden Betriebsräte oder Gewerkschaften gibt, könnten die Arbeiter sich nur mit den Mitteln des Klassenkampfes wehren. Doch für den hat die Kommunistische Partei keinerlei Sympathien mehr.

Bernhard Bartsch | 28. Juli 2009 um 09:06 Uhr

 

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