Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der nackte Sprung nach vorn

Der chinesische Künstler Ai Weiwei kämpft gegen die Internetzensur – mit einem Teilerfolg: China verschiebt die Einführung einer obligatorischen Filter-Software.

ai_weiwei_2Was ist das für ein Krieg, in dem sich nackte Männer Kuscheltiere vor den Schritt halten und Luftsprünge machen? Die Selbstporträts, die der Pekinger Künstler Ai Weiwei kürzlich auf seiner Webseite veröffentlichte, waren ein Beitrag zu einem Kampf, dem sich eine ganze Armee chinesischer Blogger und Internetbenutzer verschrieben hat: dem Kampf gegen den „Grünen Damm“. So heißt die Zensursoftware, die in China ab 1. Juli bei jedem Computerkauf mitgeliefert werden sollte, angeblich, um die Benutzer beim Surfen vor Pornographie zu schützen.

Am Dienstagabend wurde bekannt, dass China die obligatorische Installation der Filtersoftware verschiebt. Das meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua ohne Angabe von Gründen. Der Guardian berichtet, die massiven Proteste von Bloggern und ausländischen Regierungen hätten zu diesem Rückzieher beigetragen.

Mehr als nackte Haut fürchtet die Kommunistische Partei die nackte Wahrheit, weshalb der „Grüne Damm“ als neue Bauphase der „Great Firewall“ gilt, mit der sie ihr Monopol über Informationen und Meinungen zu schützen versucht. „Die Regierung will ganz allein bestimmen, was in China als gut und schlecht, richtig und falsch gilt“, sagt Ai. „Aber wir lassen uns doch nicht verarschen.“

Der Künstler und Designer, der unter anderem das Pekinger Olympiastadion, das sogenannte „Vogelnest“, mit entwarf, hat schon mehrfach durch spektakuläre Onlineaktionen Aufsehen erregt und die Regierung in der Cyberwelt der Lächerlichkeit preisgegeben. So erstellte er im Frühjahr zusammen mit freiwilligen Helfern eine Liste aller Kinder, die letztes Jahr beim Sichuan-Erdbeben in einstürzenden Schulen getötet wurden. Die Behörden hatten eine solche Aufstellung verweigert.

Ais nackter Sprung bedeutet für die Zensoren gleich doppelten Spott: Zum einen mokiert sich Ai damit über die Schwächen der automatischen Porno-Erkennung des „Grünen Damms“. Blogger hatten bei Tests der Software festgestellt, dass sie viele Nacktaufnahmen durchgehen ließ, dafür aber Bilder von Schwimmern oder Garfield-Comics blockierte. Zum anderen ist das Plüschtier, das Ai als Ahornblatt dient, selbst eine Ikone des chinesischen Bloggeraufstands. Denn was aussieht wie ein liebes Pony, ist in Wahrheit ein fiktives Geschöpf namens „Cao Ni Ma“, was wörtlich „Gras-Matsch-Pferd“ heißt, in der Aussprache aber wie ein böses Schimpfwort klingt, das zum Sex mit der eigenen Mutter auffordert. Durch die Verwendung der harmlosen Schriftzeichen hatten die Erfinder Anfang des Jahres monatelang die Spracherkennungsfilter der Zensoren überlisten und ihr Geschöpf zum Online-Star machen können. In Internetgeschichten kämpfte das Gras-Matsch-Pferd gegen Flusskrebse (klingt auf chinesisch wie „Zensur“) um die Hoheit über ein Grasland (klingt wie „Meinungsfreiheit“).

Ai will der Regierung allerdings nicht nur symbolisch „Fick dich “ sagen: Für den 1. Juli hatte er Chinas Blogger aufgerufen, einen Tag lang nicht das Internet zu benutzen. Stattdessen lädt er sie zu einer Party in sein Atelier, wo er unter anderem sein neuestes Projekt vorstellen will: einen Fotowettbewerb mit Bildern, auf denen Chinesen ihrem Land den Stinkefinger zeigen. Am 1. Oktober will sein „Mittelfingerkomitee“ den Sieger küren. Das ist der 60. Jahrestag der Volksrepublik.

Bernhard Bartsch | 01. Juli 2009 um 02:01 Uhr

 

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