Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der letzte Trumpf des Genossen Zhao

Chinas ehemaliger Parteichef Zhao Ziyang, der 1989 den Militäreinsatz auf dem Tiananmen-Platz verhindern wollte, meldet sich aus dem Grab zurück: Kurz vor dem 20. Jahrestag des Massakers erscheinen seine heimlich verfassten Memoiren.

Chinas Kommunistische Partei ist undurchsichtig und stolz darauf. Schließlich hängt ihr Machterhalt maßgeblich davon ab, Schein und Sein fein säuberlich zu trennen. Umso verheerender ist es deshalb für die Partei, dass nun ausgerechnet ein ehemaliger Vorsitzender Licht in eines ihrer dunkelsten Kapitel bringt: Zhao Ziyang, der 1989 wegen seines Widerstands gegen die militärische Niederschlagung der Pekinger Studentendemonstrationen gestürzt wurde und bis zu seinem Tod im Jahr 2005 unter Hausarrest stand, hat der Nachwelt einen detaillierten Bericht über die Machenschaften hinterlassen, die zum Massaker des vierten Juni führten. Drei Wochen vor dem 20. Jahrestag der Tragödie sind Zhaos heimlich auf Kassette gesprochene und von Vertrauten außer Landes geschmuggelte Erinnerungen jetzt veröffentlicht worden. „Gefangener des Staates – Die geheimen Aufzeichnungen von Premier Zhao Ziyang“ heißt das Buch, das ab kommender Woche in englischer und chinesischer Sprache auf den Markt kommt – wenn auch freilich nicht in der Volksrepublik, wo Zhaos Name bis heute ebenso totgeschwiegen wird wie die Studentenbewegung. Auszüge kursieren allerdings bereits im chinesischen Internet.

Zhaos Report enthält eine bittere Abrechnung mit Chinas Reformpatriarch Deng Xiaoping und dem damaligen Premierminister Li Peng, denen er vorwirft, leichtfertig und ohne eine formelle Abstimmung im Politbüro den Schießbefehl gegen die Demonstranten erteilt zu haben. „Das Hauptproblem bei der ganzen Angelegenheit war Deng Xiaoping selbst“, urteilt Zhao. „Deng zeichnete sich unter den Parteiältesten immer dadurch aus, dass er die Nützlichkeit der Diktatur betonte. (…) Wenn er von Stabilität sprach, sprach er automatisch auch von diktatorischen Mitteln.“ Zhao hatte als Parteichef einen Dialog mit den Studenten führen und diesen eine gesichtwahrende Rückkehr an ihre Universitäten ermöglichen wollen. Unter anderem sollte eine offizielle Stellungnahme verkünden, die Partei befürworte das „patriotische Engagement“ der Demonstranten. Premier Li verweigerte sich diesem Zugeständnis und nutzte eine Nordkoreareise Zhaos, um Dengs mit erfundenen Umsturzszenarien zu harten Maßnahmen zu bewegen. Als Deng die Studentenbewegung daraufhin intern als „Aufruhr gegen die Partei und gegen den Sozialismus“ bezeichnete, ließ Li den Ausspruch umgehend in der offiziellen Volkszeitung abdrucken und zerstörte damit jegliche Chancen auf eine friedliche Einigung. Als Zhao in einem letzten verzweifelten Versuch, eine Tragödie zu vermeiden, persönlich zu den Studenten ging, habe Li ihn zunächst begleiten wollen, sei aber „aus Angst geflohen, sobald wir auf dem Platz ankamen.“

Hintergrund für die harte Haltung gegenüber den Studenten war ein lang schwelender parteiinterner Disput darüber, inwiefern den wirtschaftlichen Reformen auch politische folgen sollten. Zhao forderte damals, „mehr Kanäle“ zwischen Volk und Führung einzurichten. Auf seinen Tonbändern geht er noch einen Schritt weiter und fordert für China eine Demokratie nach westlichem Vorbild. „Das westliche parlamentarische Demokratiesystem hat sich als das lebhafteste erwiesen“, sagt Zhao. „Es ist derzeit das beste, das es gibt.“ Zhaos ehemaliger Sekretär und Redenschreiber Bao Tong, der 1989 mit seinem Chef in Ungnade fiel und heute in Peking unter polizeilicher Bewachung lebt, glaubt, dass die „geheimen Aufzeichnungen“ Chinas Politikern zu denken geben würden. „Ich denke, einige hochrangige Beamte werde es lesen“, erklärte Bao, der selbst an der Aufbereitung von Zhaos Tonbändern mitarbeitete. Wenn die Partei langfristig überleben wolle, müsse sie die Gesetze respektieren lernen, „sonst macht sie die gleichen Fehler wie am 4. Juni noch einmal.“ Dafür sorgen könnte ein anderer Zhao-Vertrauter, der den Parteichef vor zwanzig Jahren auf den Tiananmen-Platz begleitete: Chinas heutiger Premierminister Wen Jiabao. Doch der macht bisher keinerlei Anstalten, sich zu seinem ehemaligen Mentor zu bekennen.

Bernhard Bartsch | 16. Mai 2009 um 02:11 Uhr

 

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