Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der letzte Kaiser

Japans Kaiserfamilie ist die älteste Adelsdynastie der Welt. In bester Zen-Tradition dient sie als Meditationsvorlage für Nationalisten, Voyeure und Harmonieselige.

Der Leidensweg von Masako Owada begann an einem Freitag, 2624 Jahre vor ihrer Geburt, am 11.Februar des Jahres 660 vor Christus. An jenem Wintermorgen, so verzeichnen es die japanischen Annalen, schickte die Sonnengöttin Amaterasu ihren Sohn Jimmu auf die Erde, um dort das «Reich der aufgehenden Sonne» zu gründen. Der Götterspross machte seine Sache gut, seine Nachfahren sind heute die älteste Herrscherdynastie der Welt. Und damit das so bleibt, soll Prinzessin Masako, 43, um Gottes Willen aufpassen, dass sie ihrem Schwiegervater Akihito, dem 124. Nachfolger des Sonnensohnes, nicht auf den Schatten tritt. Sie darf nicht einkaufen gehen oder sich ihr Lieblingsessen wünschen, denn über ihre Garderobe entscheiden Modeberater, und ihre Diät wird von Ärzten und Köchen bis auf die letzte Kalorie geplant. Wenn sie ihre Eltern besuchen will, braucht sie eine Sondererlaubnis. Sie bekommt eine Standpauke, wenn sie mit dem amerikanischen Präsidenten auf Englisch plaudert, denn das gehört sich ebenso wenig wie dass sie in der Öffentlichkeit mehr redet als ihr Mann Naruhito. Der trägt ebenfalls Amaterasus Erbgut und soll der nächste Kaiser von Japan werden.

Masako ist die japanische Diana: von den einen geliebt, weil sie schön und traurig ist, von den anderen verachtet, weil ihre Menschlichkeit die Makellosigkeit der imperialen Inszenierung stört. Seit kurzem gibt es über sie, was eine moderne Prinzessin erst perfekt macht: eine Biografie, unautorisiert natürlich, die ihr Leben detailreich ausbreitet, vor allem die Geschichte der tiefen Depression, in die die Harvardabsolventin und ehemalige Karrierediplomatin verfiel, als sie nach ihrer Heirat 1993 als Fortpflanzungsversagerin abgestempelt wurde, weil sie statt eines männlichen Thronfolgers nur eine Tochter und drei tote Kinder zur Welt brachte. Gewagt hat diese voyeuristische Respektlosigkeit kein Japaner, sondern ein Australier, Ben Hills, der sich damit einem Sturm der Entrüstung aussetzte.

Gefangene des Throns

Es gab Schmähbriefe, gar Morddrohungen, und Tokios Aussenministerium versuchte die Ausgabe der englischen Originalfassung von «Die Gefangene des Chrysanthementhrons» zu verhindern. Doch nun ist das Werk sogar auf Japanisch erschienen, allerdings in einer relativ kleinen Auflage von 30000 Stück, denn es ist nicht sicher, ob die Japaner es wirklich lesen wollen. Mehrere Zeitungen weigerten sich, Werbungen für das Buch zu drucken, aus Angst, es sich sowohl mit dem Hof als auch mit ihren Lesern zu verscherzen. Denn die Japaner haben zu ihrer ersten Familie ein anderes Verhältnis als Engländer oder Monegassen. Während europäische Adelshäuser wie die Royals oder Grimaldis ihre neue Heimat in den Domänen der Nostalgie, des Glamours und der Wohltätigkeit gefunden haben, besetzen der Tenno und seine Familie in Japan die Rolle des Papstes: Sie sind Japans wertkonservativer Fels in der Brandung. Allerdings ist der seit 1989 regierende Kaiser Akihito kein Hirte, der seine Lämmer predigend und betend zusammenhält. In bester Zen-Tradition dient er eher als Meditations-Vorlage für Japans Nationalisten, Voyeure und Harmonieselige.

Zu verdanken haben die Japaner ihren Kaiser den Amerikanern. Die fügten dem Land im Zweiten Weltkrieg die schmerzhafteste Demütigung seiner Geschichte zu und zwangen ihm ein neues politisches System auf. Doch obwohl Washington forderte, den Kaiser durch einen Präsidenten zu ersetzen, entschied sich General Douglas MacArthur, den Japanern ihren Tenno zu lassen, als Symbol dafür, dass Japan zwar besiegt, aber nicht zerstört sei. In einer Radioansprache – es war das erste Mal, dass die Japaner die Stimme ihres Sonnensohnes hörten – musste Kaiser Hirohito am 15.August 1945 seinen göttlichen Blutsbanden abschwören. Dann durfte er sich als «nationales Wahrzeichen» in den Palast zurückziehen, wo er die Zeit bis zu seinem Tod 1989 damit verbrachte, seltene Quallenarten zu mikroskopieren – eine Beschäftigungstherapie, die auch sein Sohn Akihito übernommen hat: Er forscht über die Barsch-Subspezies Cristatogobius.

Ventil für Sehnsüchte

Doch auch ein Kaiser mit obskuren Hobbys gibt Japans Nationalisten – einer einflussreichen Minderheit – ein Ventil für ihre Sehnsüchte. «Ohne den Kaiser kann Japan nicht existieren», sagt Yuko Tojo, Enkelin des Weltkriegs-Premiers Hideki Tojo. «Er ist das spirituelle Herz des Landes.» Während Akihito den Nationalisten so als patriotisches Viagra dient, sieht die Jugend den kleinen Mann mit dem grossen Kopf eher als Maskottchen und Objekt des Voyeurismus. Zwar können die Anekdoten aus den Tokioter Palästen es an Obszönität nicht mit den pubertierenden Prinzen und polygamen Prinzessinnen der europäischen Blaublüter aufnehmen, auch gibt es am japanischen Kaiserhof keine Zimmermädchen, die durch Schlafzimmertüren spähen, keine Sekretäre, die Tagebuchseiten kopieren. Trotzdem kann es die Royal-Exegese japanischer Revolverblätter an Schlüpfrigkeit mit jedem anderen Land aufnehmen. Die Freude an derartigen Erörterungen ist zu gross, als dass die Stimmen der Kaiserkritiker, die ihn als Staatsoberhaupt abschaffen wollen, mehr als eine interessante Bereicherung im Yellow-Press-Karussell wären. Der Tenno ist unumstösslich wie der Fujiyama. Die Zustimmung der Japaner liegt seit Jahren konstant über zwei Dritteln. Das Kirschblütenfest wäre nur halb so schön, wenn man nicht am Palast mit Feldstechern nach der winkenden Familie spähen könnte.

Beim Sumo, dieser Sportart der kurzen Kämpfe und langen Pausen, will keiner die Nebenhandlung in der kaiserlichen Loge missen. Es macht Spass, eine eigene Zeitrechnung zu haben, denn die Jahre werden noch immer nach der Herrschaftsdauer des Kaisers gerechnet: Das Jahr 2007 ist das Jahr 19 der Heisei-Ära, benannt nach Akihitos Herrschaftsdevise «Frieden allerorten». Das Neujahrsporträt der Familie – jedes Mal aufgenommen im gleichen, kahlen Raum mit Sofa und Beistelltisch – ist eine feste Institution im japanischen Jahresablauf, ebenso die Fernsehbilder, auf denen der Kaiser in seiner Funktion als höchster Shintopriester im Frühjahr auf einem Feld im Schlossgarten Reis anbaut und im Herbst die erste Garbe schneidet, während Kaiserin Michiko Seidenraupen mit Maulbeerblättern füttert. Das ist kein Reality-TV, aber doch ein stiller Luxus, eine edle Antiquität, deren Wert weniger in ihrem Nutzen liegt als im Wissen um ihre Existenz – wie ein Picasso im Bankschliessfach.

Für die Familie ist es harte Arbeit, die bedeutungsvolle Leere aufrechtzuerhalten. Neutralität ist das oberste Gebot. «Sie können nicht sagen, dass sie Äpfel mögen, denn was würden dann die Orangenbauern sagen», erklärt Shinji Yamashita, der ehemalige Pressechef der Haushaltsagentur, die offizielle Linie. «Es würde ihnen nie erlaubt, eine Wohltätigkeitsveranstaltung gegenüber einer anderen zu bevorzugen.» Die Erziehung zum Meinungs-Vakuum beginnt schon in der Schule. So wurde etwa Kronprinz Naruhito während seiner Schulzeit zwar gestattet, am Wochenende einen Spielkameraden einzuladen, doch es mussten im Verlauf des Schuljahres erst alle Kinder seiner Klasse einmal im Palast gewesen sein, bevor einer, den er besonders mochte, ein zweites Mal kommen durfte. «Als künftiger Kaiser durfte er keine Clique von Freunden haben, sondern musste alle gleich behandeln», erklärt sein damaliger Kammerherr Minoru Hamao, «und in jedem Fall waren die Kinder nie allein – es waren immer Erwachsene dabei.» Den glücklichsten Moment seiner Schulzeit habe der Kronprinz gehabt, als bei einer geheimen Klassensprecherwahl einmal eine einzelne Stimme für «Seine Majestät» abgegeben wurde, obwohl allen Mitschülern eingebläut worden war, dass der Prinz keine Ämter übernehmen dürfe; er hätte ja in einen Interessenkonflikt zwischen Lehrern und Schülern geraten können. «Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass der Prinz unglücklich war», erinnert sich sein ehemaliger Lehrer Motohide Osakabe, «aber er musste lernen, seine Gefühle zu unterdrücken.» Ähnliches gilt auch heute im Kindergarten von Masakos Tochter Aiko. Alle, die mit der Sechsjährigen in Kontakt kommen, sind zu Stillschweigen über ihr kindliches Geplapper verpflichtet. Die Öffentlichkeit soll nicht wissen, ob die Kleine eine Lieblings-Fernsehsendung hat oder welchem Sumoringer sie die Daumen drückt.

Identitäts-Askese

Die radikalste Identitäts-Askese betreibt jedoch der Tenno selbst. Wenn er sich alljährlich zu seinem Geburtstag am 23.Dezember den abgestimmten Fragen handverlesener Journalisten stellt, spricht er so altmodisch, dass viele Japaner Mühe haben, ihm zu folgen. Da ist es gut zu wissen, dass er eigentlich nichts sagt, denn das Gespräch dreht sich stets nur um die unverfänglichsten aller Themen: das Wetter, Naturkatastrophen, die Reisernte und die Befunde seiner letzten ärztlichen Untersuchung. Höchstens in den Obertönen finden die Adelsbeobachter ein paar unfreiwillige Botschaften. Was soll es etwa heissen, wenn der Tenno über seine Tochter Sayako, die 2005 durch die Ehe mit einem Bürgerlichen aus dem inneren Zirkel der Kaiserfamilie ausschied, sagt, sie sei «ein ruhiges Mädchen, und gelegentlich auch eine sehr fröhliche Person»? Wie ist es zu verstehen, wenn er im Hinblick auf Masakos Depressionen sagt, er habe den Grund dafür «nicht ganz verstanden»? Kann er wirklich aus allen Wolken fallen, wenn ein Reporter ihm sagt, dass die Strassenabsperrungen für den Konvoi des Kaisers in Tokio regelmässig zu Staus führen? Akihito füllt keine Leere, sondern schafft Platz für sie. Er beschränkt sich auf das Unwesentliche.

Rund 360 Millionen Franken und 1100 Mitarbeiter kostet die kaiserliche Familie die japanischen Steuerzahler jährlich. Verwaltet wird sie von der Imperialen Haushaltsagentur (IHA), Japans undurchsichtigster Behörde, die formell dem Premierminister untersteht. Tatsächlich führt sie jedoch ein Eigenleben, das von jeher von Japans konservativsten Familienclans dominiert wird, die wichtige Positionen bis heute weitervererben. Ihr Einfluss ist Gegenstand heftiger Kontroversen. Während Akira Asada, Professor an der Kyoto-Universität, der IHA öffentlich vorwirft, der Kaiserfamilie «viele grundlegende Menschenrechte» vorzuenthalten, sieht sich die IHA als Wächterin über die Essenz der japanischen Kultur. «Die modernen westlichen Lebensweisen korrumpieren unsere Tradition», sagt ein IHA-Bürokrat. Jede Entzauberung der Familie wird unterbunden.

Die Kontrolle geht so weit, dass die Behörde 1990 einen Fotografen von Terminen ausschloss, weil er ein Bild in Umlauf gebracht hatte, auf dem Kiko ihrem Mann Akishino vor ihrer Hochzeitspressekonferenz liebevoll eine Strähne aus der Stirn strich. Die Aufnahme war zu intim. Dass Japans Kaiserhaus mit europäischen Adligen verglichen werde, die im Jetset leben, Geschäfte machen und reguläre Berufe ausüben, sieht der IHA-Beamte als Gefahr: «Das Problem sind Leute wie Prinzessin Masako, die in ein Leben einheiraten, dem sie nicht gewachsen sind.» Die offizielle Linie ist freilich eine andere. «Die IHA weiss, dass sie im Ruf steht, eine düstere Organisation zu sein», sagt ihr ehemaliger PR-Chef, «aber das ist nicht wahr. Wir sind normale Menschen – liebenswert, freundlich, zuvorkommend.» Dabei gibt auch er zu, dass die Mitglieder der Kaiserfamilie «natürlich nicht entscheiden, wo sie hingehen oder was sie machen.» Auch das Buch über ihr eigenes Leben wird die Prinzessin wohl nicht lesen dürfen. «Masako und Naruhito müssten die Kämmerlinge fragen», sagt Autor Hills. Diese würden sich zwar selbst bestimmt das Maul darüber zerreissen, aber es den Protagonisten vorenthalten. «Die beiden können es auch nicht einfach bei Amazon bestellen. Sie haben ja keine Kreditkarte.»

Erschienen in: NZZ am Sonntag, 21. Oktober 2007

Bernhard Bartsch | 21. Oktober 2007 um 10:17 Uhr

 

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