Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Knalleffekt

Seine Drohungen wurden oft als Gerede abgetan. Nun hat Kim Yong Il gezeigt, dass gerade ein Unberechenbarer sehr ernst genommen werden muss.

Sein Leben lang war er nur der Sohn, Erbe und Nachfolger seines Vaters Kim Il Sung, des großen Revolutionärs, eine schlechte Kopie des Originals, ein fader zweiter Aufguss. Die Weltpresse nannte ihn einen Außerirdischen, Irren oder Banditen. Er war der schräge Vogel im Kabinett der internationalen Politik. Spätestens seit gestern Morgen, 10 Uhr 36, ist Kim Yong Il nun ein Tyrann von eigenen Gnaden.

Mit der Zündung der Atombombe ist er nun nicht nur für sein eigenes Volk eine ernst zu nehmende Bedrohung, sondern für jeden, der ihm in die Quere kommt. Kim hat Unberechenbarkeit, Erpressung und Verantwortungslosigkeit zu seinen Markenzeichen gemacht, mit denen er seine einfache, zynische Mission vorantreibt: Kim möchte in Ruhe gelassen werden in seinem hermetisch abgeriegelten Reich, in dem die Menschen ihn den „Geliebten Führer“ nennen und das häufig auch ernst meinen, weil sie nicht wissen können, um was er sie betrügt. Er will sich einigeln können mit französischen Filmen, japanischen Sushi und seiner neuen Freundin, einer Dolmetscherin, während sein Volk hungert. Kim ist 64, hat leichtes Übergewicht und eine stabile Gesundheit. Er wird deswegen wohl noch ein, zwei Jahrzehnte leben – eine Zeit, in der er sein Leben nicht mehr umstellen möchte.

Seine Atombombe, glaubt er wohl, ist zu diesem Zweck ein hervorragendes „Nicht-Stören“-Schild. Und man muss wohl davon ausgehen, dass er glaubt, all dies sei sein gutes Recht. Sein ehemaliger Erzieher Hwang Jang Yop, der 1997 in den Süden floh, bezeichnet ihn als „kaltblütig“, „unsensibel“ und „ungeduldig“. Er habe einen scharfen Geist, doch seine Energie kenne nur einen einzigen Antrieb: den Schutz der eigenen Interessen. Alle Mitglieder der nordkoreanischen Herrscherelite sind von Kims persönlichem Wohlwollen abhängig, und das ist schnell verspielt. Beim Regieren lässt er sich nicht in die Karten gucken. Niemand darf ihn direkt anrufen. Gespräche finden nur in kleinem Kreis und ausschließlich auf Kims Initiative hin statt. Reisen unternimmt er stets per Zug in Begleitung der ganzen Partei-Nomenklatura. Keiner soll Gelegenheit haben, in seiner Abwesenheit gegen ihn zu intrigieren. Internationale Nachrichten und Bilder lässt er völlig blockieren. Die wenigen nordkoreanischen Beamten, die ins Ausland gereist sind, dürfen nach ihrer Rückkehr nicht von ihren Begegnungen mit dem westlichen Lebensstil sprechen. Deserteure müssen damit rechnen, dass ihre daheim gebliebene Familie an ihrer Stelle bestraft wird.

Es ist das Tyrannengeschäft, das Kim von seinem Vater gelernt hat – und in dem er seinen Vater übertreffen will. Denn als Vaterfigur war Kim Il Sung übermächtig: ein Revolutionär der ersten Stunde, der sein Land von der japanischen Kolonialherrschaft befreite, ein Hüne von einem Mann, dessen Persönlichkeit jeden noch so großen Saal ausfüllte, ein Charismatiker, dessen Auftreten Frauen in Ekstase versetzte und Männer dazu brachte, sich auf die Kanonenfutterplätze in den ersten Frontreihen zu drängeln. Kim Junior blieb nichts anderes, als diesem Vater irgendwie nachzueifern.

Zu Welt kam Kim am 16. Februar 1942 in einem Militärlager in der Sowjetunion, wohin sein Vater vor den Japanern geflohen war. Koreanische Schulkinder lernen heute allerdings, dass Kims Mutter – in bester Heilandsgeburtsmanier – in einer schäbigen Holzhütte an Koreas heiligem Berg Paekdu niederkam. Sie starb, als er sieben war, und Kim war fortan mit seinem Vater allein. Der soll ihn „behandelt haben wie einen Hund“, will der ehemalige US-Botschafter in Südkorea, James Lilley, erfahren haben. Kim scheint das genaue Gegenteil seines Vaters zu sein. Von klein auf war er kränklich und schüchtern. Er litt an epileptischen Anfällen, für die er sich schämte. Wie verlässlich solche Informationen sind, ist allerdings unsicher. Sie könnten auch vom südkoreanischen Geheimdienst stammen, der jahrelang eine eigene Abteilung beschäftigte, die unvorteilhafte Geschichten über Kim zu entwickeln und in Umlauf zu bringen hatte, um diesen international zu diskreditieren.

1964 begann Kim seine Karriere im Parteiapparat, in den Abteilungen für Propaganda und Ideologie. 1974 wurde er ins Politbüro gewählt, stand den „Revolutionären Brigaden“, der Parteijugendorganisation vor, und 1980 stieg er zur Nummer Zwei im Staat auf, als er die Leitung des Politbüros, des Parteisekretariats und der Militärkommission übertragen bekam. Damit war klar, dass er die Nachfolge des „Großen Führers“ antreten würde, und die Parteipropaganda begann, einen eigenen Personenkult für ihn zu entwerfen. Er erhielt den Titel „Geliebter Führer“, es wurden Lieder auf ihn gedichtet, die vom Volk in speziellen Notizbüchern aufgeschrieben werden mussten. Sein Geburtstag wurde ab 1982 zum Staatsfeiertag erklärt und ab 1986 sogar auf zwei Tage ausgedehnt. Außerdem wurde ein Portfolio an übermenschlichen Fähigkeiten zusammengestellt: Während seines Studiums soll er etwa jeden Tag ein Buch geschrieben und immerhin sechs Opern verfasst haben. In der Schule wurde sein Leben als eigenes Schulfach eingeführt. Unterrichtseinheiten waren: der überragende Theoretiker, der Held des Volkes, der erfahrene Staatslenker, das Organisationsgenie, der Unterstützer des einfachen Volkes, das Idol aller Völker. Müttern wurde nach der Geburt ein Löffel Honig in den Mund gesteckt, mit dem Hinweis, dies sei ein Geschenk des lieben Führers.

In jenen Jahren lernte er auch kennen, wie das Machtsystem seines Vaters funktionierte. „Als Sohn des Großen Führers mit zahlreichen Ämtern muss Kim Jong Il schon seit 1980 bei vielen wichtigen Entscheidungen ein kräftiges Wort mitgeredet haben,“ urteilt etwa der Journalist Martin Fritz in seinem Buch „Schauplatz Nordkorea“. An der Vorbereitung für den Bombenanschlag auf das halbe südkoreanische Kabinett bei einem Staatsbesuch in Birma 1983 sei Kim Junior ebenso mit verantwortlich gewesen wie für einen Selbstmordanschlag auf ein südkoreanisches Flugzeug 1987 oder die Entführung von Südkoreanern und Japanern.

Der eigentliche Kim war seinem Volk bis dahin allerdings noch weitgehend unbekannt. Erst bei einer Militärparade im April 1992 – sein Vater war schon krank und hatte ihn zum obersten Befehlshaber ernannt – hörten die Koreaner erstmals seine Stimme bei einer Ansprache, die aus einem Satz bestand. „Ruhm dem heldenhaften Militär des Volkes!“ Zwei Jahre später starb Kim Il Sung, wurde zum Staatspräsidenten auf alle Ewigkeit ernannt (bis heute hat er in Pjöngjang ein voll eingerichtetes Büro) und sein Sohn verschwand drei Jahre aus der Öffentlichkeit. Angeblich „ganz und gar versunken in Trauer um seinen glorreichen Vater“, wie die Parteipresse mitteilte. Doch als er wiederkam, war er ein anderer.

Kim begann, die Welt zu erpressen. Einer der ersten, die ihm beibrachten, wie man mit der Welt Geschäfte macht, war der südkoreanische Milliardär Chung Ju Yung, Gründer des Hyundai-Imperiums. Chung wurde 1916 im nordkoreanischen Dorf Asan geboren, flüchtete sich im Koreakrieg auf die Südseite der Demarkationslinie. Im Alter hatte er den großen Wunsch, die Wiedervereinigung noch mitzuerleben. Immer wieder reiste er in den Norden, beschenkte sein Heimatdorf mit Zuchtrindern und Getreide. Und weil er auch stets für Kim üppige Geschenke im Gepäck hatte, ergab sich die Gelegenheit, ihm ein aus seiner Sicht wohl höchst moralisches Angebot zu machen: Was würde es kosten, damit Kim sich zu einem Gipfeltreffen mit dem südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung bereit erklären würde? Der Alte kam Kim wie gerufen, denn er brauchte dringend Devisen, um die Einkäufe bezahlen zu können, die seine Agenten im Ausland erledigten: von Limousinen und Filmen bis hin zu frischen Sushi. Er verlangte von Chung 400 Millionen US-Dollar. Der muss kräftig geschluckt haben, beauftragte jedoch umgehend seinen Sohn, das Geld in bar zu besorgen und nach Pjöngjang zu schaffen. Kaum war das Geld angekommen und gezählt, machte Kim den Weg frei für den „Sonnenschein-Gipfel“.

Am 15. Juni 2000 holte Kim seinen südkoreanischen Amtskollegen auf dem Rollfeld des Pjöngjanger Flughafens ab, der dafür noch im gleichen Jahr den Friedensnobelpreis erhielt. Wenige Wochen nach dem Südkoreaner folgte die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright, brachte dem Sportfan Kim einen von Michael Jordan signierten Basketball mit und unterbreitete ihm das Angebot, ihn in die Weltgesellschaft aufzunehmen. Auch die Volksrepublik China, seine letzte verbliebene Schutzmacht, setzte ihn unter Druck, von ihrer Öffnungspolitik zu lernen. Doch Kim wollte von alldem nichts wissen. Denn es ging ihm nicht darum, sich der Welt zu öffnen, sondern sich möglichst geschickt die Welt vom Leib zu halten.

Hatte es für einen Moment so ausgesehen, als suche er nach einem Ausweg aus der Isolation, so begann er bald wieder zu drohen, und als US-Präsident George W. Bush ihn auf seine „Achse des Bösen“ setzte, kündigte er an, sein Atom-Programm wieder anzuwerfen. Die Sechsergespräche mit den USA, Russland, China, Japan und Südkorea ließ er auslaufen; eine im vergangenen Herbst in Peking erzielte Einigung platzte wieder. Die „nuklearen Abschreckungsmittel“, ließ er mitteilen, seien ein „gerechtfertigter und gleich bleibender Standpunkt, so fest wie ein tief verwurzelter Felsen.“ Wer glaubte, das sei das Gerede eines Weltfremden, den hat Kim nun nicht eines Besseren, aber eines Anderen belehrt.

Bernhard Bartsch | 10. Oktober 2006 um 06:48 Uhr

 

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