Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Kauf als Kunstgenuss

Westliche Galeristen suchen in Asien nach kaufkräftigen Kunstliebhabern. Die Hongkonger Kunstmesse will sich dabei als Art Basel in Fernost etablieren.

Dass Andy Warhol das nicht mehr erleben darf! Der Übervater der Popart, der den Kunstbetrieb mit Bildern von Dosensuppen und Marilyn Monroe zwang, sich als Teil der Konsumgüter- oder Unterhaltungsindustrie zu begreifen, hätte sich gewiss bestätigt gefühlt, als die Branche kürzlich zur Hongkonger Kunstmesse zusammenkam. Für Traditionalisten mag Kunst zwar noch immer genauso wenig auf einer Messe verloren haben wie ein Gottesdienst im Fußballstadion. Doch der Papst predigt ja längst auch in Sportarenen, und spätestens seit Warhol gibt es nichts mehr dagegen einzuwenden, dass Gemälde und Skulpturen im gleichen Format vertrieben werden wie Autos oder Maschinen: im Scheinwerferlicht großer Ausstellungshallen, in denen hunderte Stellwandmeter mit Werken behängt werden und Kaufen als die höchste Form des Kunstgenusses gilt.

In Hongkong nimmt die Kommerzialisierung des Kreativen nun seine letzte Hürde: So wie die Globalisierung Autofirmen und Maschinenfabriken auf der Suche nach neuen Produktionsstätten und Absatzmärkten nach Asien getrieben hat, orientiert sich auch der Kunstbetrieb nach Fernost. Westliche Sammler und Galeristen haben Asien schon vor einigen Jahren entdeckt; insbesondere chinesische Malerei hat sich als Verkaufsschlager entpuppt. Künftig soll das Geschäft aber auch in die andere Richtung laufen: Westliche Künstler und Kunsthändler wollen die rapide wachsende Zahl asiatischer Sammler als Kunden gewinnen. Fehlt nur noch ein Vertriebskanal, ein Jahrmarkt für Kunstprofis nach dem Vorbild der Art Basel. Mehrere Standorte konkurrierten in den vergangenen Jahren um diese Rolle, darunter Shanghai, Peking, Singapur und Dubai. Hongkongs Messe ART HK scheint nun das Rennen für sich entschieden zu haben.

Trotz der Krise haben sich über dreihundert Galerien um die teuren Hongkonger Stellplätze beworben. Die Organisatoren ließen allerdings nur ein Drittel davon zu – die Selektion soll die Qualität sichern. „Gegenüber vergangenem Jahr haben wir stark zugelegt“, sagt der Messedirektor Magnus Renfrew. „Besonders ermutigend ist, dass diesmal auch einige der wichtigsten Galerien der Welt dabei sind.“ Zu den berühmtesten Debütanten gehört unter anderem White Cube, der Londoner Haus-und-Hof-Händler von Szenestars wie Damien Hirst. „Das ist unsere erste asiatische Messe, und sie ist für uns sehr wichtig“, erklärt der White-Cube-Direktor Neil Wenman. „Chinesische Sammler zeigen inzwischen großes Interesse an westlichen Künstlern, insbesondere an bekannten Namen, die als sichere Geldanlage gelten können.“ Bekannte Namen lieferte auch die amerikanische Galerie Gagosian, die große Namen wie Picasso, Lichtenstein, Koons und Giacometti mitbrachte – und eine von Warhols legendären Campbell-Suppen.

Auch ein gutes Dutzend deutscher Händler präsentiert in Hongkong sein Angebot, und obwohl die meisten einen Großteil ihrer Bilder wieder mit nach Hause schiffen müssen, ist der Glaube an den asiatischen Markt ungebrochen. „Letztes Jahr war ich schon nach einem Tag ausverkauft“, sagt die Düsseldorfer Galeristin Christa Schübbe, die neben Werken von Christian Schoeler auch den in Deutschland arbeitenden Chinesen Nashun Nashunbatu im Programm hat. „Diesmal läuft es mit dem Verkauf natürlich schleppender, aber das Interesse ist ungebrochen.“

Auch die Berliner Kunsthändlerin Caprice Horn sieht die Messe als gute Gelegenheit, chinesische Sammler kennenzulernen. „Es ergeben sich viele neue Kontakte, aus denen sich in Zukunft etwas entwickeln kann“, sagt sie. „Im Moment spüren wir zwar die Krise, aber ich bin mir sicher, dass sich die asiatischen Märkte schneller erholen werden als viele andere.“ Auch Felix Ringel von der gleichnamigen Galerie in Düsseldorf ist überzeugt. „Der Kunstmarkt braucht eine asiatische Leitmesse, und Hongkong hat dafür die besten Voraussetzungen“, sagt Ringel, der mit Werken des deutschen Künstlers Stephan Kaluza und des Chinesen Guan Yong angereist ist. „Hongkong ist eine Stadt, in die Sammler ohnehin gerne reisen, und dass bei der Ein- und Ausfuhr von Kunstwerken keine Steuern erhoben wird, macht den Standort natürlich besonders attraktiv.“

Christoph Noe von der Kunstvermittlungsagentur The Ministry of Art, die sich auf junge chinesische Künstler spezialisiert hat, hofft, dass die Krise helfen kann, die Spreu vom Weizen zu trennen – bei den Künstlern ebenso wie bei den Sammlern. „Viele haben in den vergangenen Jahren nicht sehr nachhaltig gedacht“, sagt Noe. „Die momentane Situation bietet Gelegenheit, das nachzuholen.“ Auch der Galerist Ringel glaubt, dass die Krise voller Chancen steckt. „Wer sich auskennt, kann jetzt unglaublich gut einkaufen“, meint er. Der Satz erinnert an die Konsumplädoyers, mit denen Finanzminister in aller Welt dazu aufrufen, in der Krise bloß nicht auch noch zu sparen. So wird die Kunst gewissermaßen Teil des Konjunkturpakets.

Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, 25. Mai 2009

Bernhard Bartsch | 25. Mai 2009 um 04:49 Uhr

 

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