Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Herr der roten Umschläge

Chen Guangbiao will Chinas größter Wohltäter sein – nur seine Familie bekommt nichts ab.

Rote Umschläge gehören zum chinesischen Neujahrsfest wie Feuerwerk und Jahrestiere. Die Kuverts in der Glücksfarbe, in denen Geldgeschenke überreicht werden, nützen nach traditioneller Vorstellung nicht nur dem Empfänger; der Schenker darf erwarten, dass ihm seine Großzügigkeit durch gute Geschäfte vielfach vergolten wird.

Ist an diesem Volksglauben tatsächlich etwas dran, dann wird der chinesische Multimillionär Chen Guangbiao im Jahr des Hasen, das an diesem Donnerstag beginnt, seinen Reichtum weiter vermehren. Kurz vor dem Frühlingsfest verteilte der Unternehmer in Taiwan Tausende rote Umschläge an Bedürftige. Entgegen dem Brauch, dass über den Inhalt der Kuverts diskret geschwiegen wird, erzählte der 43-Jährige freimütig, dass er umgerechnet elf Millionen Euro unters Volk bringen wolle. Allein einer Bettlerin vor seinem Hotel steckte er 1700 Euro zu, berichteten taiwanesische Medien.

Auch sonst sorgt Chens Mildtätigkeit für Befremden: Das Durchschnittseinkommen im de facto unabhängigen Inselstaat Taiwan ist im Schnitt fünfmal höher als in der Volksrepublik, und viele Taiwanesen empfinden die Spenden als heimliche Provokation, mit der Chen den wachsenden wirtschaftlichen Einfluss des Festlands zu demonstrieren versuche. Chen erklärt, die Aktion sei sein persönlicher Dank für die Spenden gewesen, die Taiwanesen vor zwei Jahren für Erdbebenopfer in der südwestchinesischen Provinz Sichuan gesammelt hatten.
In Chens Heimat wundert sich über den Self-Made-Millionär niemand mehr. Seit Jahren machen seine Spendeninitiativen Schlagzeilen: 2010 reiste er zum Frühlingsfest durch die armen Provinzen Guizhou, Sichuan und Yunnan, um 80 000 rote Umschläge zu verteilen. Die Geldscheine hatte er vorher fotogen präsentiert: als Mauer aus 330 „Ziegeln“ zu je tausend Hundert-Yuan-Scheinen – macht insgesamt 33 Millionen Yuan (3,7 Millionen Euro). Als im April ein Erdbeben auf dem tibetischen Hochplateau die Stadt Yushu zerstörte, machte sich Chen innerhalb weniger Stunden mit Koffern voller roter Kuverts auf die Reise ins Krisengebiet. 2008 war er im Erdbebengebiet in Sichuan aufgetaucht; dort brachte er außer den Geldbündeln auch 60 Bagger und 200 Angestellte als Helfer mit.

„Die Menschen werfen mir vor, dass ich eine Show abziehe, sie sollten mir die Show lieber stehlen“, lautet eine der Weisheiten, mit denen Chen sich gerne zitieren lässt. „Reich zu sein bedeutet nicht, dass man ein Geizhals sein muss.“ Der kleine Mann mit dem Bürstenhaarschnitt sieht sich selbst als Trendsetter. Wohltätigkeitsaktionen haben in der Volksrepublik keine Tradition; der Reichtum des Landes ist noch jung, und die Kommunistische Partei ist spendenfinanzierten Organisationen gegenüber äußerst skeptisch. Dabei tut Chen alles, um deren Vorbehalte zu zerstreuen: „All mein Wohlstand stammt von der Partei und dem Volk, und wenn die Partei und das Volk ihn brauchen, werde ich ihn zurückgeben.“ Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt Chens Vermögen auf 660 Millionen Dollar. Mehr als 100 Millionen Dollar habe er bereits gespendet, erklärt Chen.

Seine Großzügigkeit hat ihm den Ruf eingebracht, Chinas beliebtester Superreicher zu sein. „Das ist ein Titel, den ich voll verdiene“, sagt Chen unbescheiden. Kürzlich hat er einen dramatischen Werbefilm über sich drehen lassen. „Ein Name hallt weit und breit durch China, ein Name verbreitet sich durch Münder, Fernsehbildschirme und die Presse“, sagt darin eine sonore Stimme. „Der Name? Chen Guangbiao!“ Mehr als 700 000 Menschen habe er schon unterstützt, behauptet Chen. „Wenn ich Menschen in Not sehe, versuche ich, ihnen zu helfen“, sagt er. „Seit ich ein kleiner Junge war, tue ich Gutes.“

Chens Biografie liest sich wie eine Mischung aus Tellerwäscher-Saga und Propheten-Geschichte. Er habe schon als Kind angefangen, mit Wasser und Süßigkeiten zu handeln und vom Verdienst das Schulgeld für sich selbst und einen Freund bezahlt. Was den Kleinhändler zum Millionär werden ließ, ist wie bei vielen chinesischen Superreichen unklar. Als Erwachsener vertrieb er zunächst Motorräder und medizinische Geräte. Der Durchbruch gelang ihm nach eigenen Angaben 1998, als er den Auftrag zum Abriss eines Stadions erhielt. Vor allem der Stahl ließ sich gewinnbringend weiterverkaufen.

Heute ist Chens Jiangsu Huangpu Recycling Resource Group darauf spezialisiert, Abrisstrümmer zu neuen Baustoffen aufzubereiten. Seine guten Geschäfte dürfte er unter anderem seinen Militärkontakten verdanken. Medienberichten zufolge sind 70 Prozent seiner Angestellten ehemalige Soldaten. Doch so gönnerhaft sich Chen in der Öffentlichkeit in Szene setzt, so knauserig gibt er sich seiner eigenen Familie gegenüber. Als im September 2010 die US- Großspender Bill Gates und Warren Buffett nach Peking reisten, um Chinas Reiche für ihre Idee zu gewinnen, die Hälfte ihres Wohlstands zu spenden, kündigte Chen prompt an, nach seinem Tod das ganze Vermögen an wohltätige Organisationen geben zu wollen. „Die meisten Menschen denken nicht an die Gesellschaft, sondern nur an ihre Kinder“, sagte Chen. „Meine beiden Söhne werden sich mit ihrem spirituellen Wohlstand begnügen müssen.“

Auch seine Geschwister wird er nicht bedenken – die Schwester wäscht in einer Hotelküche Geschirr ab, der Bruder arbeitet als Türsteher. Früher habe er die Geschwister mit Geld unterstützt, „aber sie haben das Geld verschwendet“, erzürnte er sich im Gespräch mit Journalisten: „Deswegen bin ich fest entschlossen, ihnen nie wieder zu helfen.“

Bernhard Bartsch | 03. Februar 2011 um 13:39 Uhr

 

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