Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Heilige Ai

Liu Yanping gehört seit zwei Jahren zum engsten Kreis um den verschwundenen Künstler Ai Weiwei. Als erste Mitarbeiterin traut sie sich, über Ais Arbeit und die Umstände seiner Verhaftung zu schreiben. Eine Übersetzung:

Vor zwei Jahren stieß ich in einem Internetforum zufällig auf ein Interview mit Ai Weiwei. Er sprach über die Kinder, die im Mai 2008 beim Sichuan-Erdbeben ums Leben kommen waren. „Erst wenn wir diese Kinder vergessen, sind sie wirklich gestorben“, sagte er. Dann wurde die Video-Übertragung plötzlich unterbrochen.

Ich wollte etwas für die Kinder tun und schrieb Ai eine E-Mail. Seitdem war ich fast jede Woche in seinem Studio im Pekinger Galerienviertel Caochangdi. Mehr als zehn Freiwillige waren damals für Ai im Katastrophengebiet unterwegs, um eine Namensliste der getöteten Kinder zusammenzustellen. Ich übertrug die Informationen in eine Datenbank und rief die Eltern an. Nach einigen Monaten hatten wir 5197 Kinder identifiziert.

Ai Weiwei wollte aber nicht nur die Namen wissen, sondern auch, warum sie gestorben waren. (Anm. der Red.: Viele Kinder waren Opfer von marode gebauten Schulgebäuden, die Regierung hatte die Vorwürfe nie aufgeklärt.) Wir verfassten Briefe an die Zentralregierung, die Provinzverwaltung und die Lokalbehörden im Katastrophengebiet und forderten sie auf, alle Informationen offenzulegen. „Wir fragen für die Menschen, die nicht selbst fragen können“, schrieb Ai. „Die Frage nach der Wahrheit muss gestellt werden.“ Immer wieder überarbeiteten wir unsere Fragen und verschickten über hundert Briefe. Wir erhielten nicht eine einzige Antwort. Man teilte uns mit, dass wir kein Recht hätten, mehr zu erfahren, als die Behörden bekannt gemacht hatten. Trotzdem schrieb Ai weiter. Er sagte, man dürfe den Regierungsbeamten nicht einfach böse Absichten unterstellen, sondern müsse sie beweisen.

Um das zu tun, fuhr er dreimal nach Chengdu, Sichuans Provinzhauptstadt. Beim ersten Mal wollte er im Prozess gegen Tan Zuoren als Zeuge auftreten (Anm. d. Red.: Der Bürgerrechtler Tan hatte sich auch für Erdbebenopfer eingesetzt und wurde wegen „Anstiftung zum Umsturz der Staatsgewalt“ zu fünf Jahren Haft verurteilt). Gegen Mitternacht drangen Polizisten gewaltsam in Ais Hotelzimmer ein und schlugen ihn so brutal auf den Kopf, dass er beinahe an Hirnblutungen gestorben wäre. Bei seinem zweiten Besuch ging Ai in Chengdu zur Polizei, um Anzeige gegen die Beamten zu erstatten. Der Fall wurde aufgenommen, aber nicht weiter verfolgt. Beim dritten Mal kam Ai mit einem Anwalt, aber die Beamten packten ihn beim Kragen, lachten ihm ins Gesicht und sagten, er solle aufhören, den Heiligen zu spielen. Seitdem trägt er bei vielen Internetnutzern den Spitznamen „Heiliger Ai“.

Ai Weiwei hätte sicher seine Kontakte nutzen können, um die Polizisten zur Rede zu stellen. Aber für ihn sind alle Menschen gleich und er wollte den Weg gehen, den jeder Chinese gehen können sollte: Anzeige erstatten und dann vor Gericht ziehen. Die vergeblichen Versuche, das zu erreichen, dokumentierte Ai in einem Film. „Was nicht dokumentiert und veröffentlicht ist, ist auch nicht passiert“, sagte er.

Viele Eltern, deren Kinder beim Erdbeben ums Leben gekommen waren, reisten nach Peking, um beim Obersten Gericht Beschwerde einzureichen. Oft besuchten sie auch Ai in seinem Studio. Er hatte immer Zeit für sie und gab mir den Auftrag, ihnen beim Abschied etwas Geld zuzustecken. Doch sie wollten kein Geld von ihm annehmen, und er machte mir Vorwürfe, dass es mir nicht gelungen war, ihnen seine Unterstützung zukommen zu lassen.

Ai ist ein gutmütiger und humorvoller Mensch. Er ist immer voller Ideen, und was ihm einfällt, wird sofort in Angriff genommen. Es macht ihm Spaß, die Dinge durcheinander zu bringen, und er lässt sich nicht einschüchtern. 2009 schickte die Provinzregierung von Sichuan eine Abordnung, die ihn von seiner Erdbebenuntersuchung abbringen sollte – vergeblich. 2010, als sein Studio

in Shanghai abgerissen werden sollte, sandte die Stadtregierung ebenfalls Vertreter, um mit ihm zu verhandeln. Sie boten ihm Geld an, aber Ai brachte den Fall trotzdem an die Öffentlichkeit. Anfang dieses Jahres machte er einen Film über den unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall getöteten Dorfbürgermeister Qian Yunhui. Wieder boten die Beamten der Behörde ihm Schweigegeld. Natürlich erteilte Ai ihnen eine Abfuhr.

Ai wusste, dass er sich damit Feinde machte. Am 2. April, einen Tag, bevor er nach Hongkong reisen wollte, saßen wir im Hof und Ai erklärte uns ruhig: „Ich befinde mich in Gefahr. Aber euch wird nichts Schlimmes passieren.“ Ich fragte ihn, ob er wirklich glaube, er könne festgenommen werden. „In diesem Land gibt es zu wenig verantwortungsbewusste Menschen“, antwortete er. An diesem Tag waren wieder mal Studenten zu Besuch. Ausnahmsweise lud Ai sie zum Mittagessen mit ihm und den Mitarbeitern ein. Nach dem Essen drückte er jeden von ihnen fest an sich. Er wirkte anders als sonst, traurig, als wolle er nicht gehen.

Am nächsten Morgen wurde Ai am Pekinger Flughafen verhaftet. Im Studio wurden Computer und Festplatten beschlagnahmt und der Strom abgeschaltet. Mehrere Mitarbeiter mussten zum Verhör. Seitdem warten wir auf Nachricht. Und nicht nur Ai ist verschwunden. Am gleichen Tag wurde sein Mitarbeiter Wen Tao von Unbekannten verschleppt. Fünf Tage später verschwand Ais Buchhalter Hu Mingfen, tags drauf der bei Ai beschäftigte Architekt Liu Zhenggang, und noch einen Tag später Ais Fahrer Zhang Jinsong. Wie traurig, dass normale Bürger in diesem Land nicht durch das Gesetz geschützt sind!

Der Heilige Ai hatte die Ereignisse vorausgesehen. Vergangenen November wurde er unter Hausarrest gestellt, um nicht an der Abriss-Party in seinem Shanghaier Studio teilnehmen zu können. An diesem Abend sagte er beim Essen lächelnd: „Egal, unter welchem Vorwand man mich in Zukunft einmal verurteilen wird – ich bin ein politischer Verbrecher.“ Nach seiner Verhaftung versuchte die chinesische Zeitung Global Times, Ai Weiwei als einen seltsamen Einzelgänger darzustellen. Doch in Wahrheit hat er viele Menschen um sich, die ebenso denken wie er. Ich bin sehr stolz darauf, zu dieser Gruppe zu gehören.

Aus dem Chinesischen von Bernhard Bartsch

Bernhard Bartsch | 27. April 2011 um 08:10 Uhr

 

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