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Der Halbbruder aus Shenzhen

Bei seinem Staatsbesuch in China trifft der US-Präsident auch einen Verwandten.

Eigentlich hatte Mark Ndesandjo mit dem Namen Obama abgeschlossen. Schon in seiner Jugend legte er ihn ab, um nie mehr an seinen Vater erinnert zu werden, der ihn und seine Mutter über Jahre misshandelt hatte. Mit dem Namen seines Stiefvaters, Ndesandjo, konnte er sich besser identifizieren. Doch dann wurde sein Halbbruder Präsident der Vereinigten Staaten, und nun trägt er den Namen des gemeinsamen Vaters doch wieder, voller Stolz: Mark Obama Ndesandjo nennt er sich seit vergangenem Jahr. Eng sind die Geschwister nicht, aber diese Woche werden sie für einen kurzen Moment gemeinsam im Rampenlicht stehen, wenn Barack Obama nach China reist, wo Ndesandjo seit sieben Jahren lebt.

«Ich werde Präsident Obama in Peking treffen», hat Ndesandjo chinesischen Journalisten erklärt. Er freue sich darauf, dem Präsidenten seine junge chinesische Frau Liu Xuehua vorzustellen, die ein «treuer Obama-Fan» sei. Zwar wollen sich weder die US-Botschaft noch die chinesischen Behörden über Details zu der Begegnung äussern, doch für die chinesischen Medien ist die Familienzusammenführung schon vorab ein Höhepunkt der Visite und eine willkommene Ablenkung von den sonst problematischen bilateralen Beziehungen. Auch für Obama, dessen Familienleben seit Jahren Teil der politischen Selbstinszenierung ist, dürfte der sinophile Verwandte ein Glücksfall sein, hilft er doch, das kosmopolitische Image des US-Präsidenten in China zu untermauern.

Denn sosehr der US-Präsident seine Biografie in den vergangenen Jahren zum Musterbeispiel des amerikanischen Traums stilisiert hat, so sehr lässt sich der Werdegang seines Halbbruders als typische Globalisierungsgeschichte lesen. Geboren wurde Ndesandjo in Kenya, der Heimat des gemeinsamen Vaters, Barack Obama senior. Dieser hatte Mitte der sechziger Jahre, kurz nach dem Ende seiner Ehe mit der Mutter des heutigen Präsidenten, an der Harvard University die Amerikanerin Ruth Nidesand kennengelernt, Marks Mutter. Die Beziehung hielt nicht lange, so dass Mark mit seiner Mutter und seinem Stiefvater aufwuchs. Seinen Halbbruder Barack lernte er erst in den achtziger Jahren kennen, als dieser auf einer Kenyareise die dritte Familie seines Vaters besuchte. Die Begegnung taucht in Obamas Buch «Dreams from my Father» auf, in dem der US-Präsident schreibt, sein Bruder Mark halte Kenya «nur für ein weiteres armes afrikanisches Land».

Ndesandjo, der die US-Staatsbürgerschaft hat, studierte Physik an der Brown University sowie in Stanford und hat ausserdem einen MBA-Abschluss. Darüber hinaus ist er ein versierter Jazzpianist. Er arbeitete in einem amerikanischen Technologiekonzern, doch als er vor sieben Jahren seine Stelle verlor, zog er in die südchinesische Industriemetropole Shenzhen. Seine dortigen Aktivitäten sind vielfältig. Laut verschiedenen Medienberichten betreibt er eine Internetfirma mit dem Namen Worldnexus sowie eine Restaurantkette. Ausserdem unterrichtet er Englisch, gibt Klavierunterricht und engagiert sich für Waisenhausprojekte.

Im Oktober veröffentlichte Ndesandjo, der mittlerweile gut Chinesisch spricht, einen halbautobiografischen Roman mit dem Titel «Von Nairobi nach Shenzhen». Das Interesse des Buchmarktes hielt sich allerdings in Grenzen – das Werk erschien im Selbstverlag. Dennoch hat Ndesandjo erklärt, er habe bereits seine Autobiografie geschrieben und wolle diese in den kommenden Monaten herausbringen. Die Missbrauchsvorwürfe gegen seinen Vater sollen darin ein zentrales Thema sein. «Mein Vater hat mich geschlagen und meine Mutter geschlagen – so etwas tut man einfach nicht», sagt Ndesandjo. Dem CNN-Talkshow-Gastgeber Larry King vertraute er kürzlich an, dass er mit seinem Halbbruder noch nie über den gemeinsamen Vater geredet habe. Lange habe er seiner ganzen Familie gegenüber negative Gefühle gehegt, doch mit dem Wahlsieg seines Bruders habe er neue Hoffnung geschöpft.

So scheint Mark Ndesandjo sich als persönlicher China-Botschafter des Präsidenten zu sehen. «Ich bin sehr froh, dass er kommt, um selbst die chinesische Kultur zu erleben», sagte er. Vor allem wolle er seinem Halbbruder erklären, dass in China die Familie von zentraler Bedeutung sei. Ndesandjos Äusserungen im Vorfeld lassen vermuten, dass er dabei durchaus auch eigene Interessen verfolgt.

Bernhard Bartsch | 15. November 2009 um 18:08 Uhr

 

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