Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der große Lachangriff

Chinas Internetgemeinde torpediert Pekings Parteitagspropaganda. Für Xi Jinping wird der Kontrollverlust über die öffentliche Meinung eine zentrale Herausforderung.

Was war das nur für eine Rede, die Chinas Staatschef Hu Jintao da beim Parteitag in Pekings Großer Halle des Volkes gehalten hat! Die Delegierte Chen Yecui aus dem ostchinesischen Shandong erzählte hinterher, sie habe vor Begeisterung so viel geklatscht, dass ihre Hände taub wurden. Die Abgeordnete Li Jian aus der armen Provinz Ningxia war so ergriffen, dass sie fünfmal in Tränen ausgebrochen sein will. Der Pekinger Parteivertreter Ju Xiaolin malte spontan einen Herzchen-Comic und schrieb ein emotionales Gedicht, das er mit tränenerstickter Stimme vortrug: „In der 64-seitigen Rede des 18. Parteitags habe ich sie endlich gefunden: die neue Hoffnung in meinem Herzen.“ Liang Wengen, Gründer des Baumaschinenherstellers Sany und einer der reichsten Männer Chinas, versprach, er würde der Partei all seine Milliarden schenken, sie müsse nur danach fragen.

Kann man derartige Begeisterung für Hus 90-minütigen, mit monotoner Stimme vorgelesenen Arbeitsbericht ernst nehmen? Kann man nicht – und gerade deshalb machten die Aussagen der Delegierten in den vergangenen Tagen im chinesischen Internet Furore. Hunderttausendfach amüsierten sich Benutzer des Kurznachrichtendienstes Weibo über die übertriebenen Ergebenheitsadressen der Abgeordneten und machten damit dem Propagandaapparat das Leben schwer. Die Zensoren waren angewiesen, Spott über den Parteitag zu verhindern, doch gegen unfreiwillige Komik waren sie machtlos.

Der Online-Ulk, der den Generationenwechsel in Chinas Kommunistischer Partei begleitet, dürfte für den neuen Staatschef Xi Jinping zu einer zentralen Herausforderung seiner Regentschaft werden. Die Zeiten, in denen die Partei Chinas Massenmedien und damit auch die öffentliche Meinung unter Kontrolle hatte, sind vorbei. Allen Zensurbemühungen zum Trotz nutzen die Chinesen das Internet immer versierter, um sich unabhängig zu informieren und der Regierung gegebenenfalls ihren Unmut zu zeigen.

Dem System fällt es schwer, mit den Veränderungen Schritt zu halten. Beim letzten Machtwechsel vor zehn Jahren gab es in China erst 50 Millionen Internetbenutzer. Heute sind es mehr als zehnmal soviel. Rund 300 Millionen Chinesen benutzen Weibo oder andere Twitter-ähnliche Dienste, eine Technologie, die in China kaum vier Jahre alt ist. „Der Austausch im Internet ist in vielerlei Hinsicht die Triebkraft der landesweiten Debatten über Gesellschaft, Politik und Kultur“, sagt Kaiser Kuo, Pressesprecher von Chinas Suchmaschinenmarktführer Baidu. Zwar sind die meisten Chinesen im Internet völlig ohne politische Hintergedanken unterwegs, sondern suchen Unterhaltung, Tipps oder Schnäppchen. Doch da Kurznachrichten ein fester Bestandteil des chinesischen Alltags geworden sind, können auch politisch sensible Nachrichten rasend schnell Verbreitung finden.

Vor allem für Lokalregierungen stellt dies ein gewaltiges Problem dar. Noch vor kurzem konnten örtliche Kader damit rechnen, dass man im fernen Peking nichts von dem mitbekommt, was in ihren Regionen passiert. Doch via Weibo können lokale Proteste innerhalb von kürzester Zeit landesweite Nachrichten und internationale Schlagzeilen werden.

Wie mächtig die neue Technologie ist, merkte die Regierung, als im Juli vergangenen Jahres in der Nähe der südchinesischen Stadt Wenzhou zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidierten und 40 Menschen starben. Die Staatsmedien erhielten die übliche Order, nur positiv über die Rettungsmaßnahmen zu berichten, nicht zuletzt, weil es sich bei dem Schnellzug um ein nationales Prestigeobjekt handelte. Doch in Internetforen häuften sich schnell Augenzeugenberichte über Pannen und Vertuschungsversuche, etwa als die Einsatzkräfte ein Kleinkind übersahen oder mehrere Wagons um Unfallort vergruben. Der Druck aus dem Netz zwang auch die Staatsmedien, kritischer zu berichten, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren wollte. Schließlich reiste Premier Wen Jiabao persönlich an den Unfallort, um eine Untersuchung einzuleiten, die schließlich mehrere hochrangige Kader zu Fall brachte.

„Die Verbreitung von Weibo hilft, das Vertrauen der Menschen in das Regime zu untergraben“, sagt der Pekinger Internetanalyst Jeremy Goldkorn. So sei es im Internet etwa Mode geworden, Bilder von korruptionsverdächtigen Kadern mit protzigen Uhren, dicken Autos oder Luxusvillen zu sammeln. Weil direkte Kritik heikel ist, wird sie häufig humorvoll verpackt. Witze sind in Diktaturen seit jeher besonders gefürchtet.

Die Regierung versucht dagegen mit hochentwickelter Software und einem Heer von Cyberpolizisten anzugehen. Alle Beiträge werden automatisch auf sensible Begriffe gescannt. Forscher der Universität Harvard haben festgestellt, dass rund 13 Prozent der Inhalte in Chinas sozialen Netzwerken regelmäßig gelöscht werden. Das entspricht täglich Millionen Beiträgen. Kritische Blogger werden verwarnt. Vor dem Parteitag wurde einigen von ihnen sogar das Internet abgestellt. Der Shanghaier Internet-Experte und Blogger Isaac Mao glaubt allerdings nicht, dass die Partei mit solchen Strategien langfristig Erfolg haben wird. „Die Menschen sind heute besser informiert und nicht mehr so dumm wie früher“, sagt er. „Vielleicht gewinnt die Regierung ein paar kleine Schlachten, aber den Informationskrieg kann sie nur verlieren.“

Bernhard Bartsch | 16. November 2012 um 09:27 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Neru Kaneah

    16. November 2012 um 16:19

    „Rund 300 Chinesen benutzen Weibo“ So viele? LOL. Nein, im Erst….Ich sehe das genauso. Ich wuerde hier oder an anderer Stelle uebrigens gern einmal lesen, wie es um die guten alten Propagandamedien bestellt ist. OK, Auflagenzahlen und Einschaltquoten sind ohnehin „gefaked“. Aber man koennte ja mal auf anderem Wege versuchen herauszufinden, ob den Unfug noch jemand liest. Also ich kenne KEINEN Chinesen unter 40, der diese Zeitungen kauft. An den Kiosken stapeln sich die unverkaufte Exemplare. Die Propagandaheinis wissen inzwischen wahrscheinlich ziemlich genau, wie es um ihren „impact“ bestellt ist.