Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Frieden der Fische

Im Südchinesischen Meer eskaliert der Streit zwischen China und den Philippinen.

Bei militärischen Machtspielen werden Statisten mitunter zu Hauptfiguren. Im Südchinesischen Meer sind es die Fische, die derzeit im Mittelpunkt stehen und unverhofft den Frieden erklärt bekommen haben, damit China und die Philippinen einen Krieg verhindern können. Fast gleichzeitig verordneten beide Regierungen, dass der Fischfang rund um eine umstrittene Inselgruppe, von den Philippinen als Scarborough-Riff und von Chinas als Huangyan-Inseln bezeichnet wird, verboten ist. Zwar besteht jede Seite darauf, die Entscheidung eigenständig und allein aus Sorge um die Fischbestände gefällt zu haben, doch in Wirklichkeit handelt es sich wohl um einen mühsam erreichten diplomatischen Kompromiss, der verhindern soll, dass es in naher Zukunft erneut zu Konfrontationen zwischen Fischerbooten und Patrouillenschiffen kommt, die den labilen Frieden in der Südchinesischen See seit Wochen bedrohen.

Der seit Jahren schwelende Disput ist Chinas schwerster Territorialkonflikt und birgt nach Einschätzung der Strategieforscher der International Crisis Group ein „erschreckend hohes Risiko“, zu einem regionalen Krieg zu eskalieren. Neben den Philippinen widersetzen sich auch Vietnam, Malaysia und Brunei den Machtansprüchen der Chinesen, die sich auf jahrhundertealte Karten stützen, denen zufolge die Inseln chinesisches Hoheitsgebiet gewesen sein sollen. Mit modernem Seerecht sind die chinesischen Grenzziehungen allerdings schwer zu vereinbaren, was nicht zuletzt der Grund dafür sein dürfte, warum Peking eine Klärung durch den Internationalen Seegerichtshof ablehnt.

Neben patriotischen Gefühlen geht es im Südchinesischen Meer auch um wirtschaftliche Interessen, weil es dort nicht nur Fischschwärme, sondern auch Erdgasvorkommen gibt. Zusätzliche Brisanz bekommt die Situation dadurch, dass die USA die Stabilität im Südmeer zu einer Kernfrage amerikanischer Interessen in der Region erklärt haben, womit jedem Scharmützel der Nachbarn die Gefahr einer Konfrontation der Großmächte innewohnt.

Auslöser der aktuellen Zuspitzung war Anfang April eine chinesische Fischfangflotte, die vor einem Sturm Schutz in der Lagune suchte. Philippinische Küstenwachschiffe umzingelten und durchsuchten die Boote, worauf Chinas Marine eigene Patrouillenschiffe schickte. In beiden Hauptstädten wurde beschlossen, Härte zu demonstrieren. Mehrfach bestellten die Außenministerien in Manila und Peking die Botschafter der anderen Seite ein.

Vergangene Woche erklärte Chinas Vizeaußenministerin Fu Ying, ihr Land sei bereit, jede Eskalationsstufe mitzugehen. Auch chinesische Medien machten rhetorisch mobil. Die „Volkszeitung“, das Parteisprachrohr, forderte in einem Kommentar auf ihrer Titelseite, China müsse zu militärischen Mitteln greifen, sollte die Situation „nicht mehr tolerierbar“ werden. Die „China Daily“ warnte die Philippinen davor, Peking so weit in eine Ecke zu drängen, „bis es keine andere Möglichkeit mehr gibt als den Einsatz von Waffen“.

Den skurrilen Höhepunkt des Konflikts löste vergangene Woche ein Versprecher der chinesischen Nachrichtensprecherin He Jia aus, die erklärte: „Die Philippinen gehören von jeher zu China.“ Gemeint war zwar die umstrittene Inselgruppe, wie die Moderatorin später in ihrem Blog richtigstellte, doch im chinesischen Internet meldeten sich prompt Zehntausende nationalistische Stimmen, die das vermeintliche territoriale Ansinnen unterstützten. In den Philippinen kam es daraufhin zu antichinesischen Protesten. In Peking versammelten sich ebenfalls Demonstranten vor der philippinischen Botschaft. Chinesische Reiseanbieter haben Touren in die Philippinen auf Eis gelegt. Gleichzeitig hält Chinas Zoll 1200 Container mit philippinischen Bananen fest, angeblich aus Quarantänegründen. In den Philippinen wird über wirtschaftliche Retourkutschen diskutiert.

Bernhard Bartsch | 16. Mai 2012 um 06:51 Uhr

 

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