Bernhard Bartsch

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Der Fluch der vielen Dollars

China besitzt Währungsreserven von 2,13 Billionen Dollar – und weiß nicht, wohin mit dem Geld.

Es ist das Jahr der großen Zahlen – und in China sind es nicht die Schulden, die auf Rekordniveau steigen, sondern die Ersparnisse. Zum ersten Mal weisen die Chinesen mehr als zwei Billionen Dollar Devisenreserven aus, erklärte die Zentralbank gestern. Im ersten Halbjahr stiegen sie um 185,6 Milliarden Dollar auf 2,13 Billionen Dollar (1,52 Billionen Euro) und sind damit mit weitem Abstand die größten der Welt. Die Summe entspricht in etwa zwei Drittel der chinesischen oder deutschen Wirtschaftsjahresleistung.

Als besonders positives Signal stellten die chinesischen Staatsbanker heraus, dass ihr Devisenkonto zuletzt nicht mehr vorrangig vom chinesischen Handelsüberschuss in die Höhe getrieben wurde, sondern durch den Zufluss von Investitionen. Dies zeige das internationale Vertrauen in die chinesische Wirtschaftskraft, hieß es. Obwohl jeder neue Reservenrekord in China als Erfolg gewertet wird, ist unter Ökonomen umstritten, ob die hohen Devisenrücklagen tatsächlich ein Zeichen der Stärke sind, oder vielmehr für ein viel zu unflexibles Währungssystem stehen. Denn die Dollars landen bei der Zentralbank – chinesische Unternehmen und Privatleute dürfen nur in beschränktem Umfang ausländische Währung halten.

Der Staat hat jedoch gewaltige Schwierigkeiten, dieses Geld profitabel anzulegen. Der größte Teil liegt in US-Staatsanleihen und hat die Volksrepublik zu einem der größten Geldgeber der amerikanischen Regierung gemacht. Deshalb sorgt man sich in Peking um die Stabilität des Dollars – und muss diesen mit stützen, damit die Investitionen ihren Wert nicht verlieren. Peking plädiert seit Monaten für eine Reform des internationalen Reservesystems, das bisher allein am Dollar hängt. Politisch dürfte dies mittelfristig allerdings kaum durchsetzbar sein.

Ähnliche Sorgen machen den Chinesen ihre Schwierigkeiten, ihre Dollars auf den internationalen Märkten zu investieren, etwa in Rohstoffe oder Firmenanteile. Zwar gründete China 2007 einen Staatsfonds, die China Investment Corp. (CIC), die von den Devisenreserven rund 200 Milliarden Dollar investieren sollte. Doch vielerorts ist chinesisches Geld nicht willkommen: Während die Staatsfonds der Ölstaaten des Nahen Ostens bei Weltkonzernen wie Daimler oder Porsche gerngesehene Investoren sind, gilt chinesisches Kapital als gefährlich. So gibt es etwa gegen das Opel-Gebot des staatlichen chinesischen Autokonzerns BAIC erhebliche Widerstände, weil Gewerkschaften und Politiker fürchten, die Chinesen würden Technologie und Produktion in die Volksrepublik verlagern. In Peking ist man darüber verärgert und fühlt sich politisch gemobbt. Für noch größeren Streit sorgt der gescheiterte Einstieg des chinesischen Rohstoffkonzerns Chinalco bei dem australischen Minenkonzern Rio Tinto. Der 19,5 Milliarden Dollar schwere Anteilskauf wäre die größte chinesische Auslandsinvestition gewesen. Die Absage hat derzeit ein diplomatisches Nachspiel, nachdem Peking kürzlich Rio Tintos China-Chef wegen Spionageverdachts verhaften ließ. Viele sehen darin einen Racheakt.

Chinas Staatsfonds hofft allerding doch noch von der Krise profitieren zu können. Im Juni erhöhte die CIC ihren Anteil an der US-Bank Morgan Stanley auf 9,86 Prozent. Auch an dem Investmenthaus Blackstone ist die CIC mit neun Prozent beteiligt. Ein hochkarätiges Beraterteam soll nun weitere Lobbyarbeit leisten. Dem Gremium gehört bereits Ex-Weltbank-Präsident James Wolfensohn an.

Bernhard Bartsch | 16. Juli 2009 um 05:29 Uhr

 

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