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Der Fluch der Tofu-Schulen

Beim Erdbeben in Nordwestchina sind erneut hunderte Kinder in Schulgebäuden umgekommen. Doch der Propagandaapparat ist auf die Katastrophe gut vorbereitet.

Am Tag nach dem Erdbeben in der nordwestchinesischen Provinz Qinghai wird allmählich das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. „Es gibt immer mehr Verletzte und Tote“, beschreibt der Mitarbeiter einer tibetischen Hilfsorganisation am Telefon die verzweifelte Lage. 34 Kinderleichen und 27 Verletzte seien bereits aus den Trümmern einer Internatsschule geborgen worden, die er in den vergangenen Jahren mit aufgebaut habe. „Mindestens 200 sind noch verschüttet, aber es mangelt an ausgebildeten Rettungskräften, und für die Verletzten gibt es keine medizinische Versorgung.“ Die erste Nacht hätten die Menschen bei Minusgraden in Decken gehüllt im Freien verbracht.

Nach offiziellen Angaben sind nach dem Beben der Stärke 7,1 auf der Richterskala bisher 617 Leichen geborgen und 9110 Verletzte registriert worden. Da noch hunderte Menschen vermisst werden, dürften die Zahlen in den kommenden Tagen weiter steigen. Angesichts der widrigen klimatischen Bedingungen sind die Überlebenschancen für Verschüttete gering. In der nahe dem Epizentrum gelegenen 100.000-Einwohner-Stadt Jiegu seien 85 Prozent der Häuser zerstört worden, melden chinesische Medien. Mehrere wahrscheinlich ebenfalls betroffene Ortschaften sind bislang noch von der Außenwelt abgeschnitten. 97 Prozent der Bevölkerung in der Region sind Tibeter. „Die Informationslage ist chaotisch“, berichtet ein Tibeter aus Jiegu am Telefon. „Am ersten Tag haben alle Menschen mit Handys ihre Verwandten und Freunde anzurufen versucht, aber inzwischen sind die Batterien leer und es gibt fast nirgends Strom zum Aufladen.“ Die Hotlines des Katastrophenschutzes, der Polizei und der Krankenhäuser waren am Donnerstag unerreichbar.

Erst rund 24 Stunden nach dem Beben vom Mittwochmorgen trafen größere Rettungstrupps mit Hilfslieferungen in der abgelegenen Region ein. Allerdings seien viele Helfer wegen der Höhenlage von rund 4000 Meter über dem Meeresspiegel nur begrenzt einsatzfähig, berichtete ein aus Shanghai angereister Sanitäter. „Viele sind geschwächt und müssen sich erbrechen“, sagte er. Am Donnerstagabend flog auch Premierminister Wen Jiabao nach Jiegu. Schon nach dem verheerenden Sichuan-Erdbeben im März 2008 hatte der Regierungschef persönlich die Bergungseinsätze koordiniert und damit in der chinesischen Öffentlichkeit große Sympathie erworben.

Offenbar versucht die Regierung, aus den Erfahrungen von Sichuan zu lernen – und unangenehme Fragen von vornherein zu vermeiden, insbesondere eine erneute Diskussion um sogenannte „Tofu-Schulen“. In Sichuan waren rund 9000 Kinder in maroden Schulgebäuden umgekommen, die aufgrund von Korruption nicht den Bauvorschriften entsprachen. Zwar bemühten sich die Propagandabehörden diesmal, die Berichterstattung streng unter Kontrolle zu behalten und nur Journalisten der unmittelbar von Peking kontrollierten Zentralmedien ins Katastrophengebiet zu lassen. Doch in den Foren des Mikroblog-Dienstes Twitter häuften sich am Donnerstag bereits Berichte, die darauf schließen lassen, dass erneut tausende Kinder in Schulen gestorben sein dürften, während die besser gebauten Regierungsgebäude stehen blieben. Der Künstler und Aktivist Ai Weiwei, der nach dem Sichuan-Erdbeben eine Bürgeruntersuchung zu den Tofu-Schulen initiiert hatte, kommentierte auf seinem Blog: „Vom Sichuan-Erdbeben haben wir noch keine klaren Informationen, und jetzt sterben schon wieder Kinder.“

Berichten chinesischer Journalisten zufolge erhielten alle chinesischen Medien Anweisungen, „nicht über einzelne eingestützte Gebäude und nicht über Schüler“ zu berichten. Der Chef eines staatlichen Fernsehsenders soll seinen Mitarbeitern erklärt haben: „Die richtige Berichterstattung ist noch wichtiger als die Rettungsaktion.“ Nachrichtensendungen rückten vor allem die Bemühungen der Volksbefreiungsarmee in den Vordergrund. Dass sich laut Augenzeugenberichten gegenüber dieser Zeitung unter den fleißigsten Rettungsarbeitern hunderte Mönche der lokalen tibetischen Klöster befinden, blieb in der offiziellen Berichterstattung allerdings so gut wie unerwähnt.

Bernhard Bartsch | 15. April 2010 um 17:49 Uhr

 

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