RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Der Drache am Himmel

In Asien ist heute die längste Sonnenfinsternis des Jahrhunderts zu sehen. Hobbyastronomen aus aller Welt treffen sich in Shanghai.

Mit Drachen ist nicht zu spaßen, schon gar nicht, wenn sie die Sonne verschlucken. Wenn sich im alten China plötzlich der Tag verfinsterte, glaubten die Menschen, es mit einem Angriff des legendären Fabeltiers zu tun zu haben. Dann wappneten sie sich für Erdbeben oder Überschwemmungen und munkelten, dass der Himmel ihrem Kaiser womöglich das Regierungsmandat entzogen habe. Zwar wussten Chinas Astronomen schon vor 4000 Jahren, dass der feuerspeiende Drache nur der gute alte Mond war, der sich kurz vor die Sonne schob und dabei die Korona der Sonne sichtbar machte. Doch der Aberglaube war häufig mächtiger als die Wissenschaft – und mancher kaiserliche Himmelserforscher, der sich bei der Vorhersage einer Sonnenfinsternis verrechnete, verlor seinen Kopf.

Am heutigen Mittwoch wird wieder der Drache am Himmel erscheinen, wie viele Chinesen noch immer sagen. In großen Teilen Südchinas und weit darüber hinaus können die Menschen am Morgen die längste totale Sonnenfinsternis des Jahrhunderts beobachten. In einem 205 bis 259 Kilometer breiten Streifen zieht der Kernschatten von der Westküste Indiens beginnend über den Himalaja und China, streift Japan und endet im Pazifik. Auf den dortigen Marshall-Inseln wird die Verdunklung ihre maximale Dauer von 6 Minuten 39 Sekunden erreichen. Hobbyastronomen aus aller Welt treffen sich insbesondere in Shanghai, wo die verfinsterte Sonne und ihre Korona rund sechs Minuten zu sehen sein werden. Der US-Astrophysiker Fred Espenak taufte die Finsternis wegen ihrer Länge als „das Monster”.

Chinas Behörden bereiten sich auf das Naturschauspiel mit der ihnen eigenen Detail- und Kontrollversessenheit vor. Chinas Zentralregierung wies lokale Beamte von höchster Stelle an, „Notallpläne“ aufzustellen. Massenpanik oder Verkehrschaos soll ebenso vorgebeugt werden wie einem Zusammenbruch des Telekommunikationsnetzes, wenn Millionen Menschen gleichzeitig mit dem Handy telefonieren oder Bilder verschicken. In Chongqing wurden die Bewohner bereits per SMS aufgefordert, während der Eklipse nur im Notfall zu telefonieren. Die Wetterstationen erhielten den Befehl, häufiger als sonst Vorhersagen zu veröffentlichen, damit die Menschen sich für ihre Himmelsschau einen geeigneten Ort suchen können. Vielen dürfte allerdings Wolken und Regen in die Quere kommen – in Südchina herrscht derzeit Monsun.

Luo Jisheng, Vize-Direktor der Tourismusbehörde der Stadt Hangzhou erklärte, man habe alle Angestellten seien mobilisiert, „um Gäste zu evakuieren, falls es an einem Platz zu gedrängt wird. In Städten wie Shanghai, Nanjing und Wuhan sind die Stadtwerke darauf vorbereitet, für die Zeit der Verdunklung die Straßenlaternen anzuschalten. Selbst die Flughäfen würden für wenige Minuten in den Nachtflug-Modus schalten, hieß es. „Öffentliche Verkehrsmittel wie Busse, U-Bahnen und Taxis werden weiter fahren, aber wir werden bei den Fahrzeugen vorher einen umfassenden Sicherheitscheck durchführen“, erklärte ein Sprecher des Shanghaier Transportbüros, ohne allerdings auszuführen, worin dieser bestehen soll. Autofahrer sollen außerdem mit Flugblättern und Radioansagen ermahnt werden, ihre Augen auf der Straße zu halten und nicht der Versuchung zu erliegen, in den Himmel zu schielen.

Darüber hinaus sind die Staatsmedien auch heute noch damit beschäftigt, gegen Aberglauben anzukämpfen. So erhielt ein Radiosender zahlreiche besorgte Anrufe aus dem Kreis Wenchuan, dem Epizentrum des verheerenden Erdbebens des vergangenen Jahres. Bewohner wollten wissen, ob die Sonnenfinsternis ein weiteres Beben auslösen könne. „Seismologische Experten gehen davon aus, dass er Hauptgrund für Erdbebe die Erde selbst ist“, beruhigte der chinesische Astronom Li Jing seine Landsleute.

Bernhard Bartsch | 21. Juli 2009 um 14:18 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.