Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Clown sagt sorry

Chinas Medien ringen um den richtigen Umgang mit dem Fall des Bürgerrechtlers Chen Guangcheng.

Peking Am Ende durfte er doch nicht mitfliegen, aber vielleicht reist er bald hinterher : Der Bürgerrechtler Chen Guangcheng war nicht mit an Bord, als Hillary Clinton am Samstag nach ihrer wohl dramatischsten Reise als US-Außenministerin Peking verließ. Drei Tage lang hatte sie mit Chinas Führung um das Schicksal des blinden Anwalts gerungen, der vor zwei Wochen aus dem Hausarrest geflohen war und in der US-Botschaft in Peking Zuflucht gesucht hatte. Für beide Seiten standen Grundsatzfragen auf dem Spiel: Für Peking die Einmischung in „innere Angelegenheiten“, für Washington der Schutz von Demokratie und Menschenrechten. Am Ende einigte man sich auf einen Kompromiss: Der 40-Jährige soll demnächst zum Studium in die USA reisen dürfen.

Nicht nur für Chinas Diplomaten war der Fall heikel, sondern auch für Chinas Presse. Nachdem die Causa Chen in den ersten Tagen totgeschwiegen wurde, haben Pekings Propagandabehörden inzwischen Vorlagen für die politisch korrekte Berichterstattung verschickt, die in allen Medien in ähnlichem Wortlaut verbreitet werden. So wirft die „Global Times“ Chen vor, sich antichinesischen Mächten angedient zu haben. „Chen ist zu einer politischen Schachfigur geworden und wird von einigen westlichen Kräften als Werkzeug benutzt, um Chinas politisches System zu unterwandern.“ Die „China Daily“ kommentierte: „In den USA herrscht bei einigen eine Kalte-Krieg-Mentalität, die sie blind macht für die Erfolge, die China beim Schutz der Menschenrechte erreicht hat.“ Die „Beijing News“ erhebt schwere Vorwürfe gegen US-Diplomaten, die Chen in den streng bewachten Botschaftskomplex geschmuggelt haben: „Die Wiener Konvention für diplomatische Beziehungen gibt Botschaftern nicht das Recht, sich in interne Angelegenheiten einzumischen.“

Unumstritten sind Pekings Vorgaben für die Berichterstattung aber nicht. Viele chinesische Journalisten sehen in Chens jahrelanger Misshandlung durch lokale Behörden ein Besorgnis erregendes Zeichen für Korruption und Kaderwillkür und sind enttäuscht, dass die Kommunistische Partei die Chance verpasst hat, das Unrecht gegen Chen öffentlich aufzuklären und ein Exempel für Rechtsstaatlichkeit zu statuieren. Die „Beijing News“, die eigentlich zu den liberalen Blättern zählt, schickte ihren Lesern eine heimliche Entschuldigung. In der Nacht zum Samstag, Punkt Mitternacht, veröffentlichte die Zeitung via Mikroblog ein Foto von einem Clown, der traurig an einer Zigarette zieht. Der Text: „In der Stille der tiefen Nacht nehmen wir die Maske der Verlogenheit ab und sagen zu unserem wahren Selbst: Es tut mir leid. Gute Nacht.“ In Internetforen gibt es trotz staatlicher Zensur viel Solidarität für Chen.

Auch die internationalen Medien kamen unter Druck. Mehrere Dutzend Korrespondenten wurden in den vergangenen Tagen von den Behörden einbestellt und mit dem Entzug ihrer Arbeitsgenehmigungen bedroht. Für die Berichterstattung vom Gelände des Krankenhauses, in dem Chen behandelt wurde, hätte es einer speziellen Genehmigung bedurft, lautete der Vorwurf. Auch zahlreiche chinesische Mitarbeiter ausländischer Medien wurden verhört. Der Foreign Correspondents Club of China bezeichnete die Maßnahmen als „unverhältnismäßig harte Reaktion mit dem Ziel, Korrespondenten einzuschüchtern“.

Bernhard Bartsch | 07. Mai 2012 um 07:20 Uhr

 

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