Bernhard Bartsch

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Der Blick ins Klo

Chinas Ex-Premier Zhu Rongji kritisiert Pekings Propaganda: In den Fernsehnachrichten komme nur noch „Quatsch“. Schauen wir mal rein!

„Die 7-Uhr-Nachrichten schaue ich nur noch, um zu sehen, was da wieder für ein Quatsch kommt.“ Dieser Satz amüsiert derzeit Chinas Internetgemeinde. Denn die Kritik an der chinesischen Tagesschau im Staatssender CCTV stammt nicht aus den Reihen einschlägig bekannter Regimekritiker wie dem inhaftierten Künstler Ai Weiwei, sondern von einem der prominentesten Politiker des Landes: Zhu Rongji, von 1998 bis 2003 chinesischer Regierungschef.

Der Altkader sprach Ende April bei einem Festakt seiner Alma Mater, der Pekinger Tsinghua Universität, ein rarer Auftritt, denn pensionierte Politiker erscheinen in China nur selten in der Öffentlichkeit, und wenn, dann meist als Claqueure für ihre Nachfolger. So war es wohl auch diesmal gedacht, doch der 82-Jährige, der schon während seiner Amtszeit gelegentlich durch vom Parteikonsens abweichende Meinungen aufgefallen war, nutzte die Gelegenheit, um auszusprechen, was viele denken, aber nur wenige zu sagen wagen: In Sachen Meinungs- und Pressefreiheit macht China seit Jahren Rückschritte.

Dass Zhu sich für seinen Spott ausgerechnet die Hauptnachrichten aussucht, zeigt, dass er direkt auf die Parteispitze zielt, vor allem auf Staatschef Hu Jintao, dem Hauptinitiator der gegenwärtigen Repressionswelle, und Propagandachef Li Changchun, dem Mann für die Selbstdarstellung des Systems. „Xinwen Lianbo“ ist die einflussreichste Sendung des Landes, ausgestrahlt auf fast allen Sendern des Landes. Hunderte Millionen Chinesen werden so jeden Abend eine halbe Stunde darüber aufgeklärt, was aus Sicht der Kommunistischen Partei wahr und wichtig ist.

Schalten wir also einmal ein, an einen beliebig gewählten Abend, Montag, dem 9. Mai, Punkt 19 Uhr. „Willkommen, Freunde vor dem Fernseher“, begrüßt Sprecher Wang Ning. Mit seiner Kollegin Li Ruiying steht er in einem zeitgeistgemäßen Nachrichtenstudio. Im Hintergrund sieht man Wände voller Bildschirme, auf denen Redakteure in Echtzeit das Weltgeschehen zu verfolgen scheinen. Schaut man genauer hin, erkennt man allerdings, dass auf allen Kanälen „Xinwen Lianbo“ läuft. Big Brother is watching himself. Oder blickt die ganze Welt in diesem Moment nach China?

„Es gibt Menschen, für die das Vaterland und ihre Mitmenschen über allem stehen, die mit dem Volk Herz an Herz leben, in guten wie in schlechten Zeiten“, moderiert Li mit Vibrato in der Stimme den ersten Beitrag an. „All diese Menschen tragen den gleichen Namen: Parteimitglied.“ Da die KP bald ihren 90. Geburtstag feiere, solle eine neue Serie namens „Die rote Fahne flattert” über die Arbeit an der Basis berichten. Der Held der ersten Folge ist Zhu Changguo, seit zehn Jahren Parteichef eines Dorfs in der südwestchinesischen Provinz Guizhou, das Lengdong heißt, wörtlich „Frostloch“. Die natürlichen Bedingungen in Lengdong sind so unwirtlich, wie der Name vermuten lässt, aber unter Zhus Führung haben die 400 Familien ihr Einkommen trotzdem vervierfachen können. Er habe den Bauern gezeigt, wie sie sich aus alten Plastikflaschen Bewässerungssysteme basteln und so die Hindernisse der Natur überkommen können, erzählt Zhu beim Spaziergang durch blühende Landschaften. „Die Menschen haben mir so überschwänglich gedankt, dass ich vor Rührung weinen musste.“

Dankbarkeit ist auch das Thema des zweiten Beitrags: Premier Wen Jiabao besucht Sichuan, wo vor drei Jahren ein verheerendes Erdbeben fast 80.000 Menschen tötete und Millionen obdachlos machte. Jeder Chinese erinnert sich an die Bilder, wie der Regierungschef damals persönlich in den Trümmern stand, um die Rettungsteams zu kommandieren, und über das Leid der Opfer in Tränen ausbrach. Diesmal sind es die Bewohner, die weinen – aus Freude über den Besuch des Regierungschefs. In Scharen strömen sie aus ihren neu errichteten Häusern, strecken Wen Hände, Obstschalen und Babys entgegen und schwenken Plakate mit der Aufschrift: „Ein Leben lang wollen wir für den Fortschritt arbeiten, ein Leben lang folgen wir der Partei.“ Der Wiederaufbau im Erdbebengebiet sei ein „Beweis für die Überlegenheit des sozialistischen Systems“, erklärt Wen einem Konferenzsaal voller emsig mitschreibender Kader. „Die Menschen sind zufrieden, das Volk ist stolz und die internationale Gemeinschaft bewundert uns.“

Ähnliche Begeisterung löst der Besuch von Zhou Yongkang, Chef des Sicherheitsapparats, in der westchinesischen Provinz Xinjiang aus. Vor zwei Jahren kam es dort zu Unruhen zwischen Han-Chinesen und Uiguren, der muslimischen Lokalbevölkerung. Zhou ließ den Aufstand rabiat niederschlagen, doch heute sieht er nur das Gegenteil ethnischer Spannungen. Er steht in einem modernen Badezimmer, betrachtet das Klo, betätigt die Spülung und nickt beifällig, als das Wasser in den Abfluss gurgelt. „Seid ihr zufrieden?“ fragt er die uigurische Familie. „Wir können jetzt in Steinhäusern wohnen, haben Strom, Wasser und Gas“, antworten sie. „Dafür danken wir der Regierung.“ Vollkommenes Vielvölkerglück besichtigt er auch in einer uigurischen Schule, in Kinder in Pioniersuniformen das Lied: „Ohne die Kommunistische Partei gäbe es kein neues China“ singen. Der Stasichef klatscht den Takt.

In dem Stil folgt ein Beitrag dem nächsten: In der Provinz Jilin hat die „Reform des Kultursystems“ einen Durchbruch erzielt, wie Bilder von tanzenden Menschen beweisen. In Shenzhen zieht eine Industriemesse Rekordbesucherzahlen an, die Shanghaier Börse hat sich erholt. Hochschulabsolventen bekommen Hilfe bei der Jobsuche und in einem Altenheim pflegen sich die Senioren neuerdings selbst.

In den letzten fünf Minuten erfährt der chinesische Nachrichtenzuschauer dann doch noch, dass die Welt größer ist als China. Allerdings gibt aus dem Ausland wenig Gutes zu berichten. In Moskau war eine Militärparade, in Ägypten kam es zu Krawalle zwischen Muslimen und Christen. In Libyen und dem Irak herrscht weiterhin Chaos. In den USA diskutiert man die Tötung Osama bin Ladens und in Japan die Zukunft der Atomenergie. Apple ist inzwischen die teuerste Marke der Welt. Und damit einen schönen Abend und bis morgen.

„Die 7-Uhr-Nachrichten schaue ich nur noch, um zu sehen, was da wieder für ein Quatsch kommt.“ Bei Chinas kritischen Intellektuellen hat Zhu Rongji einen Nerv getroffen. Obwohl die Internetzensoren prompt versuchten, Berichte über den Kommentar des Ex-Premiers aus Chatforen zu löschen, ist er dabei, ein geflügeltes Wort zu werden. Außerdem dürfte er viele Chinesen daran erinnern, dass es in ihrem Land schon einmal Zeiten gab, in denen mehr Freiheiten erlaubt waren. Zwar war Zhu in seinen aktiven Zeiten keineswegs ein Parteirebell, der das System offen herausgefordert hätte. Doch hinter den Kulissen hatte er sich für mehr Meinungsvielfalt eingesetzt und die Spielräume für investigativen Journalismus vergrößert. Nicht, dass China damals kein restriktives System gewesen wäre, doch im Nachhinein gedenken Chinas Intellektuelle der Ära Zhu als einer Zeit unvergleichbarer Offenheit. Die überwiegende Mehrheit der Chinesen bekommt von derartigen Debatten freilich nichts mit. Für sie gibt es nur eine Wahrheit, und die sehen sie jeden Abend um sieben Uhr, wenn es wieder heißt: Die rote Fahne flattert.

Bernhard Bartsch | 12. Mai 2011 um 01:23 Uhr

 

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