Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Aufmarsch der roten Smileys

Am 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers versucht Peking Normalität vorzutäuschen. Doch die Nervosität der Partei bleibt dem Volk nicht verborgen.

Für ihren großen Tag hat Chinas Staatssicherheit den Gärtner bestellt. Pünktlich zum 20. Jubiläum des Tiananmen-Massakers haben sie vor dem mächtigen Betonklotz, schräg gegenüber vom Tor des Himmlischen Friedens, frische Blumenrabatten anlegt. Die Zentrale des Sicherheitsapparats, der seinerzeit der Armeeaufmarsch vorbereitete, soll für die Kameras der Weltpresse ein friedliches Bild abgeben – so friedlich wie die Studenten, die ihr Engagement für politische Reformen am 4. Juni 1989 tausendfach mit dem Leben bezahlten.

Die Geranienbeete waren Teil einer aufwändigen Kampagne, mit der die Kommunistische Partei am Donnerstag den Eindruck zu erwecken versuchte, das brisante Jubiläum sei ein Tag wie jeder andere. Zwar wurde die Polizeipräsenz rund um den Tiananmen-Platz sichtbar erhöht. Um Kundgebungen zu verhindern, mussten alle Besucher ihre Taschen durchleuchten lassen und Ausländer sogar ihre Ausweise vorzuzeigen. Zahlreiche internationale Journalisten wurden abgewiesen. Wer es wie der Autor trotzdem auf den Platz schaffte, fand sich umgeben von tausenden Sicherheitskräften und Regierungsangestellten, die in Zivil als Touristen posierten. Als Erkennungsmerkmal trugen sie Anstecknadeln, je nach Herkunftsorganisation Staatswappen, Flaggen oder rote Smileys. Mit Regenschirmen ausgestattet sollten sie im Fall einer Demonstration nach alle Seiten den Blick versperren. Zwei Kranwagen der Elektrizitätswerke ermöglichten den Beamten, das Geschehen unter dem Vorwand des Lampenwechsels aus der Luft zu überblicken. Da die Scheinbesucher den ganzen Tag auf dem Platz verbringen mussten, waren neben Maos Mausoleum Toilettenbusse stationiert. Mittags lieferte ein bekanntes Gourmetrestaurant Lunchboxen – die Abkommandierten sollten den 4. Juni offenbar in guter Erinnerung behalten.

Doch Chinas staatlich verordnetes Vergessen endete an den Landesgrenzen. Weltweit wurde am Donnerstag mit Kundgebungen der Opfer gedacht. Da es zur Zahl der Toten noch immer nur Schätzungen gibt, die zwischen mehreren hundert und rund 3000 schwanken, forderte US-Außenministerin Hillary Clinton Peking auf, endlich eine Liste der Opfer zu veröffentlichen. Angesichts seines wirtschaftlichen Aufschwungs und seiner wachsenden weltpolitischen Bedeutung müsse die Volksrepublik bereit sein, „offen ihre dunkleren Ereignisse zu untersuchen und öffentlich über die Getöteten, Inhaftierten oder Vermissten Rechenschaft abzulegen“, sagte Clinton. Darüber hinaus stimmte der US-Kongress fast einstimmig für eine Resolution, die von Peking verlangt, die Ereignisse von der Uno untersuchen zu lassen. Pekings Regierungssprecher Qin Gang bezeichnete die Forderungen am Donnerstag als „krasse Einmischung“ in Chinas innere Angelegenheiten. „Die Äußerungen der USA missachten die Fakten und erheben grundlose Anschuldigungen gegen die chinesische Regierung“, sagte Qin bei einer regulären Pressekonferenz. „Wir verlangen von den USA, ihre politischen Vorurteile aufzugeben, ihre Fehler zu korrigieren und die bilateralen Beziehungen nicht weiter zu unterhöhlen.“

Auch Taiwans Ma Ying-jeou, eigentlich für seinen Pro-Peking-Kurs bekannt, forderte die Kommunistische Partei auf, diese „schmerzhafte Zeit in ihrer Geschichte mutig anzuschauen, anstatt sich vorsätzlich wegzuducken“. Mehrere ehemalige Studentenführer, die am Donnerstagabend an einer Massenkundgebung in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong teilnehmen wollten, wurden am Flughafen abgewiesen. Der in Taiwan lebende Dissident Wu’er Kaixi, dessen Name 1989 auf der Liste der gesuchten Studentenführer an zweiter Stelle stand, versuchte am Donnerstag vergeblich, sich in Macao den chinesischen Behörden zu stellen und seine Auslieferung in die Volksrepublik zu erwirken. „Ich wollte mich stellen, um im Gericht mit der chinesischen Regierung über die Ereignisse debattieren zu können“, sagte Wu’er nach seiner erzwungenen Rückkehr nach Taipeh. „Ich bin sehr traurig.“

Die Chinesen bekamen von all diesen Aktionen wenig mit. Schließlich ist jede öffentliche Erwähnung des sogenannten „6-4-Ereignis“ in China tabu. In den Hauptnachrichten des Staatsfernsehen waren die wichtigsten Themen die Schweinegrippe sowie ein Staatsbesuch von Malaysias Premierminister Najib Tun Razak, der Pekings Wunsch nachgekommen war, trotz des kritischen Datums nach China zu reisen. Aufmerksame Chinesen spürten die Nervosität ihrer Regierung allerdings trotzdem. Zahlreiche beliebte Internetportale mussten bis Ende der Woche vom Netz gehen, darunter auch die Kommunikationsforen Twitter und MSN oder den Emaildienst Hotmail. Wer die Seiten besuchen wollte, erhielt die Nachricht, aktuell würden Wartungsarbeiten durchgeführt. Ein chinesischer Blogger in einem noch offenen Forum kommentierte bissig: „Wir haben offenbar einen neuen Feiertag: Der 4. Juni ist in China Internetwartungstag.“

Bernhard Bartsch | 05. Juni 2009 um 02:24 Uhr

 

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