Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Der Aufklärer

Der Fernsehhistoriker Yi Zhongtian erklärt seinen Landsleuten, was es bedeutet, Chinese zu sein.

Yi_Zhongtian_2_(Copyright_Martin_Gottske)„Immanuel Kant für alle, Aufklärung in 20 oder 30 Sendungen, das wär’s!“ Der Professor presst die Lippen zusammen, eine Angewohnheit, mit der er sich das Lachen unterdrückt. Er genießt es zuzuschauen, wie es in den Köpfen seiner Zuhörer rattert, wie sie sich fragen, wo er diesen Einfall nun wieder hergenommen hat und wohin er ihn führen will. Wenn er in Fahrt ist, macht er dieses Gesicht nach jedem zweiten Satz. „Und dann Hegel“, fügt er hinzu. „Da könnten wir Chinesen wirklich etwas fürs Leben lernen.“

Er trinkt Drachenbrunnentee, vorgebeugt, um sich nicht zu bekleckern. Das Glas ist übergeschwappt, denn die Kellnerin war beim Servieren damit beschäftigt, den prominenten Gast ganz aus der Nähe zu betrachten. Zwar tauchen in der Lobby des Pekinger „Hotel des Zentralfernsehens und Films“ viele bekannte Gesichter auf, aber seines ist selbst hier ein Hingucker: Yi Zhongtian ist Chinas berühmtester Historiker, eine Art Hauslehrer der Nation, der seinen Landsleuten erklärt, was es bedeutet, Chinese zu sein.

Berühmt gemacht hat ihn „Baijia Jiangtan“, wörtlich „Podium der Hundert Schulen“, eine Sendung des staatlichen Senders CCTV 10, die eigentlich für alles andere als hohe Quoten konzipiert ist. In einem Studio, karg wie ein Hörsaal, halten Gelehrte Vorlesungen über die chinesische Kultur, eine dreiviertel Stunde lang, unterlegt von nicht mehr als ein paar Bildern oder amateurhaften Animationen. Doch wenn Yi spricht, schalten Millionen ein. In Medien und Internetforen treten seine Thesen heiße Diskussionen los. Seine Bücher durchbrechen die für chinesische Verhältnisse gigantische Marke von 100.000 verkauften Exemplaren. Unternehmen zahlen ihm Spitzenghonorare für Gastauftritte und eine chinesische Modemarke heuerte ihn sogar als Aushängeschild für ihre Anzüge an.

Denn Yi erzählt den Chinesen die Geschichte hinter ihrer 5000-jährigen Geschichte, und die spielt für ihr Nationalgefühl eine Schlüsselrolle. „Unsere Geschichte hält uns Chinesen zusammen wie andere Völker ihre Religion“, erklärt Yi. „Wir uns nie über unseren Glauben definiert, sondern über unsere gemeinsame Vergangenheit – oder zumindest das Bild, das wir uns davon machen.“

Die Vergangenheit ist für China eine Quelle geradezu uneingeschränkten Stolzes. Über Jahrhunderte war das Reich der Mitte das stärkste und fortschrittlichste auf Erden. Die Chinesen erfanden die Schrift, den Kalender und das Dezimalsystem, bauten den ersten Binnenschifffahrtskanal, die erste Hängebrücke und die erste Grenzmauer, entwickelten den Eisenpflug, die Schubkarre und die biologische Schädlingsbekämpfung, tranken als früher als jedes andere Volk Schnaps, Wein und Tee, entdeckten die Prinzipien des magnetischen Kompasses, des Seismographen und des Buchdrucks, bereicherten die Kriegsführung um Schießpulver, Seeminen und Tränengas und bescherten der Menschheit Pockenimpfungen, Beinprothesen und Zahnersatz. Über Jahrhunderte war die gesamte China bekannte Welt dem Kaiser tributpflichtig. Zwar ist die Geschichte voller Auf- und Abschwünge, doch aus chinesischer Sicht bewirkten die nur einer Verfeinerung der eigenen Kultur.

Den größten Angriff auf das Reich der Mitte stellte die Ankunft der westlichen Imperialmächte im 19. Jahrhundert dar. China wurde erst opiumabhängig, dann von europäischen und japanischen Kolonialisten unterworfen und konnte sich schließlich nur notdürftig retten, indem es seine alten Werte mit großer Geste über Bord warf und sich dem Kommunismus verschrieb. Es folgte eine weitere Achterbahnfahrt, doch am Ende war China zwar durchgerüttelt, aber gestärkt. Und gerade jetzt, da das Land wieder an Kraft gewinnt, sich mit Selbstbewusstsein auf seine eigenen Traditionen besinnt und der Traum, die alte Position zurückzuerobern, in greifbare Nähe zu rücken scheint, bringt Yi das Nationalgefühl ordentlich durcheinander.

Yi_Zhongtian_1_(Copyright_Martin_Gottske)Zwar liegt das, worüber er spricht, zwei Jahrtausende zurück, in der Zeit, als aus den zentralchinesischen Kleinstaaten das Reich der Mitte wurde. Doch so wie er hat in China noch nie jemand darüber erzählt. Er entzaubert die Mythen, auf denen das chinesische Wir-Gefühl beruht, schrumpft Helden auf die Größe einfacher Menschen und zerlegt historische Großtaten in ihre weniger rühmlichen Einzelteile. Er zeigt, wie China zu einem Spielball seiner unterschiedlichen Herrscher wurde und legt offen, wie aus Ereignissen Geschichte gemacht wird: durch ständiges Feilen und Redigieren an historischen Überlieferungen, die oft weniger über die Realität verraten als über diejenigen, die sie aufschreiben lassen.

„Wenn ein Volk seiner Geschichte ins Gesicht sehen kann, besonders auch den Fehlern, die es gemacht hat, dann ist das viel wertvoller als immer nur die Erfolge zu betonen“, erklärt Yi. „Alles, was heute passiert, hat schließlich seine Wurzeln in der Vergangenheit.“ Mit seiner Anleitung zur Legendenzerstörung beschreitet Yi einen schmalen Grad. Nicht nur traditionelle Historiker fühlen sich von ihm provoziert. Auch dem gesellschaftlichen Alleindeutungsanspruch der Partei kommt er in die Quere – und das durchaus bewusst, auch wenn er viel zu vorsichtig ist, um sich öffentlich zu spitzen Bemerkungen hinreißen zu lassen. Denn öffentlich streiten darf man in China nur über die Geschichte vor Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949.

Yi war damals zwei Jahre alt. Geboren wurde er in Changsha in der südchinesischen Provinz Hunan, wo Mao Zedong sich seinerzeit erstmals als Revolutionär versucht hatte. Seine Jugend war geprägt von den Sozialexperimenten, mit denen der Große Steuermann China ins kommunistische Paradies führen wollte. „Nach meinem Schulabschluss brach die Kulturrevolution aus“, erzählt Yi. „Ich wurde zur Aufbauarmee in die Provinz Xinjiang geschickt.“ Über zehn Jahre verbrachte er als Soldat in Chinas wildem Westen, dessen vorrangig muslimische Bevölkerung Mao mit Han-Chinesen wie ihm verdünnen wollte. Wenn sein Feinsinn heute gelegentlich in Zynismus umkippt, könnte der ebenso aus jener Zeit stammen wie das Interesse für die Wahrheit hinter der staatlichen Rhetorik.

1977, im Alter von 30 Jahren, war der Landverschickungsspuk vorbei und Yi gehörte zum ersten Studentenjahrgang an der wiedereröffneten Universität Wuhan. Er studierte klassische Literatur und entdeckte gleichzeitig sein Interesse für Philosophie, vor allem für deutsche, die er für die Schärfe ihrer Logik schätzt. Kant und Hegel wurden seine ständigen Begleiter, und als er nach seinem Abschluss im südchinesischen Xiamen die Professorenlaufbahn einschlug, begann er, sich mit der gleichen Schärfe der chinesischen Geschichte und Ästhetik zu widmen. Für seine Studenten war dies nicht nur neu, sondern vor allem auch unterhaltsam. „Man sagt mir, dass ich ein lustiger Kerl sei“, sagt Yi. Seine Vorlesungen waren bald so beliebt, dass auch Kollegen und Studenten anderer Fachbereiche sie besuchten.

2005 wurde das Fernsehen auf den originellen Professor aus Xiamen aufmerksam und lud ihn nach Peking ein. „Ich habe gefragt, ob ich eine Sendung über Kant machen darf“, erzählt er. „Aber sie sagten, es müsse schon etwas mit chinesischer Geschichte zu tun haben.“ Seitdem ist Baijia Jiangtan zum nationalen Gesprächsthema geworden. An Yi scheiden sich die Geister. Nachdem er etwa vergangenes Jahr am Beispiel des berühmten Generals Cao Cao (155 – 220), in der chinesischen Geschichtsschreibung eher ein Negativheld, erklärt ahtte, wie das Herrschergeschäft häufig unethische Methoden verlangt, entbrannte ein wochenlanger Schlagabtausch mit dem Historiker Chen Junyi, der Yis Ansätze „unmoralisch“ nannte und ihn „in die Hölle“ wünschte. Yi entgegnete daraufhin in seinem Internet-Blog, Chen solle sich entschuldigen, und zwar nicht bei ihm, sondern bei all jenen, die in der chinesischen Geschichte wegen „reaktionärer Gedanken“, „Respektlosigkeit“ oder „literarischer Verbrechen“ bestraft worden seien. „Ich bin für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit“, schrieb er. „Und dazu gehören auch die Freiheit von Gedanken und Meinungsäußerung, die niemand einem nehmen darf.“

Tatsächlich kommt dies im heutigen China ganz darauf an, wofür man diese Freiheit einfordert. Wer wie Yi über Geschehnisse spricht, die Jahrhunderte zurückliegen, kann auch die damalige Regierung kritisieren, selbst wenn er heimlich die heutige meint. Denn diese versucht wie ihre Vorgänger die Vergangenheit für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Opulente Historienfilme über Chinas vergangene Größe benutzt sie als Sprungbrett in die Zukunft. Auch der Anspruch auf umstrittene Teile des Reiches – etwa Tibet, Xinjiang und Taiwan – wird durch Geschichtsinszenierungen zementiert. Und mit einer großen Kampagne zur Erinnerung an den Seefahrer Zheng He, der im frühen 15. Jahrhundert schon vor Columbus die Weltmeere besegelte, ruft den Chinesen ins Bewusstsein, dass sie gewissermaßen auch die Globalisierung erfunden haben. Dass der Kaiser Zhengs Flotte zerstören ließ, wird dabei als Symbol für Chinas traditionelle außenpolitische Friedfertigkeit interpretiert.

Yi würde dies wahrscheinlich eher mit der selbstüberheblichen Isolation des damaligen Chinas begründen, doch er hütet sich, offen auf Konfrontationskurs zu gehen. Natürlich hat er privat eine Meinung dazu, wie man in China auch mit der jüngsten Vergangenheit umgehen solle: mit die Legendenbildung um die Gründung der kommunistischen Partei, über die Gräuel der Mao-Zeit, mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Aber die behält er für sich. „Aber ich sage es einmal ganz diplomatisch“, meint er schließlich doch. „Was das deutsche Volk nach dem zweiten Weltkrieg an Mut und Weisheit gezeigt hat, mit seinen Fehlern umzugehen, das bewundere ich schon sehr.“

Bernhard Bartsch | 23. November 2007 um 02:33 Uhr

 

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