Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Der Absturz des Aufsteigers

Chinas ehemals reichster Mann steht wegen Korruption vor Gericht.

Vom Tellerwäscher zum Millionär und zurück: Huang Guangyu galt als prototypischer chinesischer Aufsteiger – bis er auf ebenso charakteristische Weise abstürzte. Der Gründer der Elektromarktkette Gome, der ehemals als Chinas reichster Mann galt, steht seit gestern in Peking vor Gericht und muss damit rechnen, wegen Insiderhandels, Bestechung und anderer illegaler Geschäftspraktiken den Rest seines Lebens in Haft zu verbringen.

Obwohl über Huangs Machenschaften nur wenig bekannt ist, gilt das Verfahren als neuerlicher Beweis dafür, dass mit Chinas Wirtschaft auch die Korruption boomt und bis in die Spitzen von Unternehmen und Politik reicht. Denn in Huangs Fall sind nicht nur zahlreiche Verwandte verwickelt, darunter sein Bruder und seine Frau, eine ehemalige Bankerin. Auch mehrere hohe Beamte stürzten über ihre Verbindung zu dem 40-Jährigen, unter anderen der Bürgermeister der südchinesischen Wirtschaftsmetropole Shenzhen, der Vize-Staatssicherheitsminister und der stellvertretende Polizeichef von Schanghai. Ohne erkaufte politische Unterstützung hätte es dem mittellosen Bauernsohn nie gelingen können, in zwei Jahrzehnten ein Vermögen anzuhäufen, das die Reichenliste Hurun-Report 2008 auf 4,3 Milliarden Euro schätzte und damit als das größte in China.

Huangs Unternehmerkarriere begann, als er mit 16 die Schule schmiss, um mit Uhren und Kassettenrekordern zu handeln. Seine Geschäftsphilosophie war einfach: Mit Kampfpreisen unterbot er die Konkurrenz, zog bald von seinem Straßenstand in einen gemieteten Laden und baute dann eine Kette auf. Getragen von der Konsumkraft der neuen Mittelschicht, die sich in ihren neuen Wohnungen mit Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik einrichten wollte, wuchs Huangs Imperium auf 1 300 Läden in 250 Städten und 300 000 Mitarbeiter. 2004 brachte Huang Gome in Hongkong an die Börse – und verlegte den Firmensitz ins Steuerparadies Bermuda.

Huangs Strategie unterschied sich kaum von der Tausender anderer erfolgreicher chinesischer Unternehmer – immerhin gibt es in China laut Hurun-Report inzwischen 875 000 Euro-Millionäre, 55 000 Superreiche mit über 10 Millionen Euro und mindestens 50 Milliardäre. Doch nicht immer ist das Netzwerk politischer Schutzpatrone stark genug, um dem Druck von Antikorruptionskampagnen, Konkurrenzkämpfen und Machtintrigen standzuhalten.

2006 geriet Huang erstmals wegen Steuerhinterziehung und Kreditbetrugs ins Visier der Ermittler. Sechs Monate dauerte es, bis er eine Einstellung des Verfahrens erwirkte. Anderthalb Jahre später, kurz nachdem Hurun ihn zum reichsten Chinesen gekürt hatte, wurde die Polizei abermals aktiv und nahm ihn im November 2008 fest. Dem Unternehmen hat der Abgang seines Chefs nicht geschadet: Gome ist unter neuem Management weiter einer der erfolgreichsten chinesischen Einzelhandelskonzerne – mit welchen Methoden auch immer.

Bernhard Bartsch | 22. April 2010 um 23:53 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.